Es gibt Bücher, die einen im wahrsten Sinne des Wortes auf eine Zeitreise schicken. Der Schlüssel würde noch passen ist trotz seines vielleicht etwas sperrig klingenden Titels genau so eines. Seine Autorin, Irina Scherbakowa, eine mittlerweile im Exil in Berlin und Israel lebende Historikerin und Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation »Memorial«, nimmt die Leser darin mit in das Russland der Umbruchjahre der Perestroika, genau in die Phase der Geschichte, als es für einen Moment so aussah, als ob das Land sich von seiner Jahrzehnte andauernden Diktatur befreien könnte. Wie man weiß, kam alles anders: Heute gibt es in Russland eine neue Form des Autoritarismus, für die Politologen noch keine adäquate Bezeichnung gefunden haben.
Es zeigen sich Mechanismen der Repression und Einschüchterung, die Experten der russischen Vergangenheit nur allzu bekannt sind. »Das Tragikomische daran ist: Die Geschichte der Stalin-Ära, mit der ich mich mein Leben lang beschäftigt hatte, holte mich nun in Form einer widerlichen Farce ein.« Denn wie zu Zeiten der Sowjetunion sind Menschen dazu gezwungen, deshalb das Land zu verlassen.
»Erst kam die Pest, dann der Krieg«
»Aber es war wie in einem grausamen Märchen: Erst kam die Pest, dann der Krieg«, schreibt die 1949 in Moskau geborene Scherbakowa über diesen Moment, in dem der Entschluss gefasst wird, zu gehen. Für sie war es der Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022. »Mein Mann, der schon immer gesagt hatte, man dürfe in Russland nichts besitzen, von dem man sich nicht trennen könnte, sollte recht behalten.«
Dennoch sind es die zwangsweise zurückgelassenen Sachen, die zu Ausgangspunkten ihrer Reflexionen und Geschichten werden – auch wenn manches davon auf verschlungenen Pfaden den Weg nach Tel Aviv oder Berlin fand. Es geht um Möbel, Bücher oder Bilder und Briefe, die mit den Erinnerungen an Menschen und ihre Schicksale verknüpft sind. Und genau davon handelt ihr Buch.
Der erinnerungspolitische Rollback setzte ganz langsam ein. Dazu kam die Stalin-Rehabilitierung.
Eng verwoben stehen diese auch im Zusammenhang mit Memorial. Deren Arbeit wurde sukzessiv von der Propagandamaschinerie Wladimir Putins erst diskreditiert, woraufhin die Kriminalisierung als »extremistisch« und letztendlich ein Verbot erfolgte. »Memorial war ursprünglich als Initiative entstanden, um den Opfern der Repressionen ein Denkmal zu errichten, denn bis zur Perestroika gab es nichts, was im öffentlichen Raum an diese Menschen erinnerte.« Man wollte die Opfer des Stalinismus zu Wort kommen lassen, ihnen ein Gesicht geben und über die Biografien von Einzelschicksalen einen Zugang zum Verständnis der Mechanismen des Sowjetsystems vermitteln.
»Gift der totalitären Archive«
Welche Probleme sich dabei ergaben, bringt Scherbakowa mit der Formel vom »Gift der totalitären Archive« auf den Punkt. Gemeint ist der aufgezwungene »Blick der Henker« – schließlich war es der Repressionsapparat, der die Dokumente verfasst hatte, auf denen ein Großteil der Recherchearbeit basiert. »Der sowjetische Staat hatte Opfer der Repression und die Erinnerung an sie ausgelöscht, und wir wollten sie in die Geschichte zurückholen.«
Dazu kam eine weitere Herausforderung: die Nähe zwischen den Opfern und denjenigen, die gegen sie – nicht selten unter Zwang – ausgesagt hatten. Oftmals waren es die eigenen Angehörigen. Auch eine Trennung zwischen Personen, die ans Messer geliefert wurden, und den Akteuren des »Großen Terrors« ist nicht immer möglich. Exemplarisch verdeutlicht Scherbakowa das mit der Biografie von Agnessa, die aufgrund ihrer Ehe mit einem prominenten »Tschekisten« namens Sergej Mironow, mitverantwortlich für die Erschießung Zehntausender, zur sowjetischen High Society gehörte. Im Rahmen der Säuberungen, denen auch ihr Mann zum Opfer fiel, landete sie im Gulag.
Das Lager überlebte sie und legte hochbetagt darüber Zeugnis ab. »Agnessas Geschichte zeigt, mit welch komplexen, widersprüchlichen Stoffen wir es bei Memorial zu tun hatten.«
Scherbakowas Erinnerungen sind keine chronologische Abfolge von Ereignissen, vielmehr springt die Autorin zwischen Zeiten und Orten, mal sind es Erinnerungen an Reisen auf die Krim in den Jahren der Chruschtschow- und Breschnew-Ära, mal das Chaos der 90er-Jahre in Moskau. Dann wieder schildert sie absurde Momente aus ihrer Arbeit. So wird sie bei einer Memorial-Veranstaltung im Jahr 2002 von einer jungen blonden Frau in aggressivem Ton gefragt, warum der Staat denn nicht ihre Arbeit unterstützen würde, woraufhin Scherbakowa antwortet, dass dieser wohl kein Interesse daran habe und lieber eine Renaissance der Sowjetunion betreibe.
»Putins Tochter erfährt bei ›Memorial‹ die Wahrheit über den Gulag«
Was sie nicht wusste: Die Fragestellerin war Marija Putina, Tochter des Staatspräsidenten. Noch hatte dieser das Land nicht in die Diktatur von heute umgewandelt, weswegen man damals Witze über die Begegnung machte und überlegte, sie mit der Schlagzeile »Putins Tochter erfährt bei ›Memorial‹ die Wahrheit über den Gulag« medial zu verwerten. Wenige Jahre später hätte so etwas für alle Beteiligten desaströse Folgen gehabt.
Auch die Veränderungen in ihrem unmittelbaren persönlichen Umfeld irritieren Scherbakowa.
Doch es ist nicht allein das Abdriften Russlands in eine mafiöse Kleptokratie unter der Führung eines zunehmend autoritären Präsidenten, das Scherbakowa beschäftigt. Auch die Veränderungen in ihrem unmittelbaren persönlichen Umfeld irritieren sie. Besonders deutlich zeigt sich dies nach der Annexion der Krim im Jahr 2014. Viele Menschen feierten den Schritt, darunter auch zahlreiche Intellektuelle, die dem Regime zuvor eher distanziert gegenübergestanden hatten. »Nachbarn kamen mir freudestrahlend entgegen; Hundebesitzer fragten uns beim Gassigehen im Park, ob wir auch so glücklich seien wie sie«, erinnert sich Scherbakowa an diesen Moment.
»Symbol für Realitätsflucht und Akzeptanz des Inaktzeptablen«
Sie war es definitiv nicht. »Es war, als hätte man einen Dschinn freigelassen, der jahrzehntelang in einer Flasche geschlummert hat. Und dieser Dschinn war, gelinde gesagt, in keiner Weise ein besonders angenehmer Zeitgenosse.« Mit Erschrecken nimmt Scherbakowa wahr, wie affirmativ diese erste Aggression gegen die Ukraine sein sollte, welches Mobilisierungspotenzial für das Regime darin steckte. »Wieder scheint die Krim zu einem Symbol geworden – diesmal zu einem Symbol für Realitätsflucht und Akzeptanz des Inaktzeptablen.«
Scherbakowa zeigt minutiös, wie der erinnerungspolitische Rollback ganz langsam einsetzte. Zunächst äußerte es sich als Gegenreaktion auf die liberalen Reformen der Perestroika. Während der Jelzin-Jahre schwand dann zunehmend die Bereitschaft zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. An ihre Stelle trat eine schleichende Rehabilitierung des Diktators.
Was viele Russen, aber auch Beobachter im Westen nicht wahrhaben wollten: Es sollte keine harmlose Nostalgie sein. »Putins Regime, das das westliche Demokratiemodell ablehnte und nach einem ›ureigenen‹ Weg suchte, nach einer nationalen Idee, griff immer mehr auf sowjetische Narrative über die Modernisierung unter Stalin zurück, der die UdSSR zur Großmacht gemacht hatte.«
Memorial wollte ausgelöschte Erinnerungen in die Geschichte zurückholen.
Immer mehr geriet nun auch Memorial ins Visier des Regimes. Die Arbeit wurde als eine vom Ausland finanzierte Kampagne diffamiert. Sie wolle der »russischen Gesellschaft einen Schuld- und Reuekomplex einflößen«, so die Diktion. Bald erfolgte das Verbot, und Scherbakowa ging ins Exil nach Israel. »War unsere Geschichte in Russland einfach so zu Ende?« Eine eindeutige Antwort gibt sie nicht. Doch sie besitzt noch immer den Schlüssel zu ihrer Wohnung in Moskau – und er würde nach wie vor ins Schloss passen.
Ihr Buch ist jetzt als einer von acht Titeln für den Deutschen Sachbuchpreis 2026 nominiert worden. »Das Buch von Irina Scherbakowa ist deshalb so grandios, weil es uns Russland nah bringt, auf eine persönliche, spannende, kenntnisreiche Weise«, heißt es in der Begründung der Jury. Das klingt viel zu nüchtern und greift fast schon zu kurz. Wie gern möchte man das Buch Putin-Verstehern wie Rolf Mützenich oder Ralf Stegner (beide SPD) zur Pflichtlektüre geben.
Irina Scherbakowa: »Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen«. Droemer, München 2025, 328 S., 25 €