Schwäbisch Hall

Wenn Elefanten Synagogen tragen

Wer zu den Tieren möchte, zum Hirsch, der zu einem mächtigen Sprung ansetzt, zu den drei Hasen, zu Löwe, Stier, Fisch oder auch zum schwarzen Hahn, der muss zunächst die Sukka links liegen lassen. Die Laubhütte aus Fichtenholz wurde 1882 in Öhringen gezimmert, auch sie ist heute ein wichtiges Zeugnis jüdischen Lebens im Südwesten Deutschlands. Ohne Zweifel.

Und doch ist das Ensemble im Hällisch-Fränkischen Museum (HFM) in Schwäbisch Hall kaum mehr als die Vorgruppe für den eigentlichen Star der Sammlung »Jüdisches Leben«.

Der anschließende Raum der einstigen Stadtmühle, in der ein Teil des Hauses residiert, ist hell und luftig gestaltet. Er beherbergt einen (nicht nur) kunsthistorischen Schatz: die Unterlimpurger Betstube aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

In ihrem Innern ist die Unterlimpurger Synagoge ein Meer aus Blüten und Ranken, Flechten und Blättern.

Nüchtern betrachtet ist es ein Zimmerchen, von dessen Holzvertäfelung rund 60 Paneelen sowie ein Teil der Leisten erhalten sind, mit denen die Tafeln gefasst wurden. Zurechtgesägt hat man sie aus dem Holz der Nadelbäume, wie sie in den Hügeln rund um die Stadt noch immer wachsen. Jedes Brett ist zwei bis drei Zentimeter stark – und intensiv bemalt.

Darauf hoppeln also Hasen, da trägt ein Elefant eine Synagoge auf dem Rücken, dort scheint ein Einhorn zu lächeln, hier knabbert ein Eichhörnchen an einer Nuss, und diese Eule schaut mit großen Augen von der Decke herab. Die Tiere sind platziert in einem organisch, doch symmetrisch angeordneten Bouquet aus floralen Motiven.

In ihrem Innern ist die Unterlimpurger Synagoge tatsächlich ein Meer aus Blüten und Ranken, Flechten und Blättern. Im oberen Drittel der Wände sowie auf den Deckenbalken durchbrechen Gebetstexte auf Hebräisch dieses Schauspiel, das in kräftigen, warmen Farben gemalt ist. Rot- und Blautöne dominieren die Bilder, dazwischen blitzt zartes Grün auf. Konturen sind oft mit schwarzem, dünnem Strich herausgearbeitet.
Auf einer der Holztafeln ist zu lesen: »Wurde geschrieben im Jahre 5499«. Damit lässt sich die hinreißende Pracht auf die Jahre 1738-39 datieren. Geschaffen hat sie der Synagogenmaler Elieser Sussmann, dessen Vorname manche Zeitgenossen »Eliezer« schrieben.

»Die Unterlimpurger Synagogenvertäfelung ist ein Kunstwerk von internationalem Rang und eines der bedeutendsten Exponate unseres Hauses«, sagt Dinah Rottschäfer, die Direktorin des Hällisch-Fränkischen Museums: »Vor allem aber ist sie ein Zeugnis gelebten jüdischen Glaubens. Sie steht stellvertretend für über 800 Jahre jüdisches Leben in Schwäbisch Hall und der Region Hohenlohe-Franken.« Seit 2001 ist dieses Zeugnis in der aktuellen Präsentation zu sehen, die sich eng am historischen Befund orientiere, wie Rottschäfer erklärt.
In ihrem Innern ist die Synagoge ein Meer aus Blüten und Ranken, Flechten und Blättern.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) waren die Lebensbedingungen in Polen miserabel

Sussmann war einer der wenigen Synagogenmaler des frühen 18. Jahrhunderts, dessen Namen wir kennen – gleichwohl wir nicht viel über den »Sohn des Kantor Schlomo Katz« wissen. Wir wissen nicht, wann er geboren wurde und wann er gestorben ist. Ja, wir wissen kaum, ob er wirklich aus Brody stammte, das zu Polen gehörte und heute in der Ukraine liegt.

Sein Vater kam von dort, so viel ist gewiss. Denn in der Synagoge von Bechhofen, das rund 75 Kilometer östlich von Hall liegt, hinterließ der Maler diese Zeilen: »Und es ist beendet alle Arbeit, die getan hat Elieser, Sohn des Kantor Schlomo.« Außerdem steht da: »Das Werk des Künstlers in heiliger Ehrfurcht für den Glanz und die Pracht, zu Ehren Gottes und zu Ehren der Mitmenschen: Elieser Sussmann, Sohn des Schlomo aus der Gemeinde Brod.«

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) waren die Lebensbedingungen in Polen miserabel; viele Juden zogen gen Westen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts nahm diese Bewegung nochmals zu. Möglich, dass Sussmann damals nach Franken gekommen ist und als »Wandermaler« den jüdischen Gemeinden seine Dienste anbot. Möglich aber auch, dass bereits sein Vater emigriert war.

Fakt ist, dass Sussmanns Kunst in der Tradition osteuropäischer Synagogenmalerei steht. Er hat diese jedoch mit der barocken Volkskunst seiner neuen süddeutschen Heimat kombiniert, darauf deuten vor allem die Blumen- und Rankenmotive hin. Sussmann oder zumindest sein Vater seien wohl in der Woiwodschaft Podolien, die zum Königreich Polen gehörte und heute ukrainisch ist, ausgebildet worden, vermutet Kunsthistoriker Armin Panter, Rottschäfers Vorgänger am HFM: »Das Wissen um künstlerische Technik und liturgische Inhalte wurde über Generationen weitervermittelt, sicherlich in enger Abstimmung mit den zuständigen Rabbinern.« Ob sich tatsächlich alle Illustrationen, die uns in der Unterlimpurger Synagoge entgegen strahlen, rabbinisch erläutern lassen, darüber herrscht noch Unklarheit. Ebenso über die Frage, ob die Künstler organisiert waren, vergleichbar den christlichen Handwerkern in ihren Zünften.

Nicht künstlerische Innovation war gefordert, sondern ein Weitergeben der Tradition.

Panter geht davon aus, dass die Synagogenmaler, also auch Sussmann, Motivsammlungen besaßen. »Vermutlich war er im Besitz von Vorlagebüchern mit Ornamenten, Tierfiguren und Gebetsinschriften, die er je nach Auftrag variieren konnte.« Daher wiederholen sich freilich die Darstellungen auf den Wänden und Decken der Synagogen, in denen er malte.

Nicht künstlerische Innovation war gefordert, sondern ein Weitergeben der Tradition. Für Museumsdirektorin Rottschäfer steht Sussmanns Kunst für »Lebensfreude und gelebtes Judentum. Sie wirkt lebensbejahend – auch oder gerade, weil sie in einer Zeit entstanden ist, in der Juden vielerorts nicht willkommen waren, sondern lediglich geduldet.«
Mindestens sechs Gotteshäuser hat Sussmann in der Dekade zwischen 1730 und 1740 in Hohenlohe-Franken ausgemalt. Seine Arbeiten sind seltene Zeugnisse der jüdischen Volkskunst im 18. Jahrhundert, Wegmarken jüdischen Lebens abseits der großen Städte. Er verknüpfte Ornamente mit Hebräisch und religiösen Symbolen. Kaum etwas von seinem Werk hat die Zeitläufte überdauert.

Erhalten aber sind die Synagoge aus Horb am Main aus dem Jahr 1735, die heute im Israel-Museum in Jerusalem zu sehen ist, sowie eben die Vertäfelung der Unterlimpurger Synagoge und einige Paneelen aus der Frauenschul von Steinbach. Auch Letztere zeigt das Hällisch-Fränkische Museum. »Das Besondere daran ist, dass diese Bemalung nur durch einen Zufall entdeckt wurde. Dicke Schichten von Kalkfarbe hatten sie vollständig überdeckt«, berichtet Rottschäfer. »Als die Farbe an einzelnen Stellen abblätterte, erkannten die Bewohner die Ähnlichkeit zur Unterlimpurger Synagogenvertäfelung. So wurde ein bislang unbekannter Schatz geborgen.«

Auftraggeber der Malereien war der Viehhändler Moses Mayer Seligmann. Seit 1710 besaß er den Haller Schutzbrief; auf dem Dachboden seines Hauses in Unterlimpurg, einem Ortsteil, der außerhalb der Befestigungsmauer der Reichsstadt lag, ließ er spätestens 1718 einen Betraum einrichten. Wie der Kontakt zu Elieser Sussmann zustande kam, ist nicht mehr nachvollziehbar. Dessen Arbeit erfreute übrigens gerade mal 50 Jahre die Gläubigen. Dann kaufte eine christliche Familie das Haus, die Synagoge unterm Dach geriet in Vergessenheit. Bis 1904.

Damals sprach Nathan Hähnlein vor den Mitgliedern des Historischen Vereins Württembergisch Franken über Sussmanns Schaffen und begeisterte seine Kollegen: Drei Jahre nach seinem Vortrag hatte man – mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde Hall – die 525 Mark beisammen, um die Tafeln zu kaufen. Interessiert war damals übrigens außerdem der Verein für jüdische Altertümer aus Frankfurt am Main.
Seine Arbeiten sind seltene Zeugnisse der jüdischen Volkskunst des 18. Jahrhunderts.

»Eine Reise in die freundliche Stadt lohnt köstlicher Kunstgenuss.« Samuel Spatz 1904

Ein Jahr nach dem Kauf wurden die Paneelen erstmals ausgestellt. Als der Historische Verein 1936 sein neues Haus in der Keckenburg eröffnete, war man klug genug, die Synagogenvertäfelungen im Keller zu belassen. In den 50er-Jahren wurde indes ein Teil davon zerstört – von Museumsleuten, die den Schatz unbedingt in einem viel zu kleinen Raum unterbringen wollten: mithilfe einer Säge.

In den 80ern erfolgte glücklicherweise eine erste professionelle Restaurierung – seit 2001 ist die Synagoge an ihrem heutigen Ort im Hällisch-Fränkischen Museum zu bestaunen, ebenso die Tafeln der Frauenschul von Steinbach. »Zweck dieser Zeilen« sei es, schreibt Samuel Spatz 1904 in einem Artikel für die Wochenzeitung »Der Israelit« über dieses »Schatzkästlein altjüdischer Kunst«, auf die »alte, vergessene Synagoge in Unterlimburg-Hall aufmerksam zu machen. Eine Reise in die freundliche Stadt lohnt köstlicher Kunstgenuss.« Stimmt. Auch heute noch.

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