Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Michel Friedman, jüdischer Publizist, hält eine Gedenkrede auf der Bühne des Festspielhauses der Richard-Wagner-Festspiele. Foto: picture alliance/dpa

Bei den Bayreuther Festspielen hat der Publizist Michel Friedman Festspielleiterin Katharina Wagner eine große Aufgabe mit auf den Weg gegeben. »An diesem Wochenende beginnt es, das neue Bayreuth«, sagte er am Sonntag bei der Gedenkveranstaltung »Verstummte Stimmen«: »Es beginnt eine neue Ordnung des Aufarbeitens, des Ausgrabens und des Redens, in aller Klarheit und öffentlich.« Im voll besetzten Festspielhaus fand am Morgen nach der Eröffnung der diesjährigen Festspiele ein Gedenkkonzert für vertriebene und ermordete jüdische Künstlerinnen und Künstler statt.

Dem Konzert vorausgegangen waren im Juni zunächst eine Absage der geplanten Gedenkveranstaltung, ein großer öffentlicher Aufschrei sowie eine Entschuldigung und Wiedereinladung durch Festspielchefin Katharina Wagner. »Es gibt Auseinandersetzung und Streit, dann reicht man sich die Hand und macht weiter als Mensch und Freund«, sagte Friedman in seiner Gedenkrede unter dem Titel »Über Bayreuth, über Deutschland. Versuch einer Gesellschaftsanalyse«.

Verurteilung jahrzehntelangen Schweigens

Im Fokus der Rede standen Wagners Antisemitismus, die nationalsozialistischen Verstrickungen der Familie Wagner und das jahrzehntelange Schweigen darüber. Als nach dem Zweiten Weltkrieg 1951 die Festspiele wieder eröffnet wurden, baten Wolfgang und Wieland Wagner darum, von politischen Gesprächen abzusehen, erläuterte Friedman. Man könne jedoch keine Verantwortung für die Gegenwart übernehmen, wenn man die Vergangenheit nicht kenne, sagte er: »Nicht diejenigen, die an etwas erinnern, sind das Problem, sondern diejenigen, die sich nicht erinnern wollen.«

Der frühere stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland besuchte vor dem Konzert zusammen mit Katharina Wagner die Ausstellung »Verstummte Stimmen« im Park neben dem Festspielhaus und nahm an einem Totengedenken teil. Er sei zum ersten Mal bei den Festspielen, sagte er dort. »Ich wäre auch nicht gekommen, wenn ich nicht eingeladen worden wäre.«

Lesen Sie auch

Friedman bezeichnete den Grünen Hügel als »Nazigeschichte« und Richard Wagner als »furchtbaren Antisemiten«. Dennoch dürfe man Kunst nicht einfach boykottieren. »Natürlich kann man die Festspiele besuchen, auch ohne schlechtes Gewissen, aber eben mit Wissen.« Katharina Wagner, Urenkelin von Richard Wagner, wünsche keinen reibungslosen Verlauf. »Sie wollen, dass wir neben der Musik über Politik und Geschichte sprechen«, sagte er zu Wagner.

Friedman: Haben den Anfängen nicht gewehrt

Friedman setzte sich in seiner Rede, die immer wieder von lautem Applaus begleitet wurde, auch mit aktueller Gesellschaftspolitik auseinander. »Wir haben den Anfängen nicht gewehrt, sondern sind mittendrin«, sagte er mit Blick auf den grassierenden Antisemitismus in Deutschland. Er forderte die Menschen dazu auf, sich gegen die Übernahme der Demokratie durch Rechtsextreme zur Wehr zu setzen. »Hoffentlich werden uns Menschen in 20 Jahren nicht fragen: Warum habt ihr die Demokratie so einfach denen übergeben, die sie zerstören?« Er rief dazu auf, die Bedrohung von rechts ernst zu nehmen. »Wir sind nicht hilflos. Es geht, wenn wir wollen«, sagte Friedman.

Im 150. Jahr ihres Bestehens wollten die Festspiele laut eigenen Angaben »an jene jüdischen Künstlerinnen und Künstler erinnern, deren Wirken auf dem Grünen Hügel durch Judenhass, Verfolgung und Ermordung ein Ende fand«. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch Kammermusik von Gustav Mahler und Pavel Haas sowie durch Richard Wagners Siegfried-Idyll, dirigiert von Semyon Bychkov. epd

Fernsehen

»Babylon Berlin«: Was bisher geschah (Folgen 1–4)

Wer jetzt noch einsteigen will bei der fünften Staffel der ARD-Serie, lernt hier die wichtigsten Figuren und ihre Verstrickungen kennen

von Wilfried Urbe  10.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Das süße Jahr oder Ein neues Kleid für Rosch Haschana

von Nicole Dreyfus  10.09.2026

Fernsehen

»Zu Asche, zu Staub«

»Babylon Berlin« endet düster: Die fünfte Staffel spielt in der Zeit um Hitlers Machtergreifung 1933

von Julia Kilian  10.09.2026

Argentinien

»Portrait of a Lady« wird restituiert

Ein niederländischer Journalist entdeckte die Raubkunst in einer Immobilienanzeige. Ein Jahr, nachdem der Fall für Furore gesorgt hat, wird das Gemälde endlich an die rechtmäßige Erbin übergeben

 10.09.2026

Filmfestspiele

Politik trifft auf Leinwand

In Venedig gibt es auch dieses Jahr zahlreiche Premieren, die für Kontroversen sorgen

von Patrick Heidmann  10.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  10.09.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.09.2026

Teschuwa

Umkehrer und Rückkehrer

Der Berliner Rapper Ben Salomo brauchte lange, um herauszufinden, woher die eigene Stimme kommt

von Nicole Dreyfus  10.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 09.09.2026 Aktualisiert