Bayreuth. 15 Jahre bin ich auf den Hügel gereist mit immer der gleichen Gefühlsmelange: Vorfreude und Abwehr. Die pure Ambivalenz.
Wagnerexegeten, Wagnerapologeten und Wagnerhasser, Historiker und Publizisten haben widerstreitende Positionen und Skandale in den vergangenen 150 Jahren ausreichend diskutiert und beschrieben.
Der neueste Eklat, die Einladung, Ausladung und Wiedereinladung Michel Friedmans als Redner zum Jubiläum reiht sich ein in jene heiklen und oft beschämenden Aufgeregtheiten, die allsommerlich das einzige international beachtete deutsche Musikfestival in der fränkischen Kleinstadt bis heute begleiten.
Die vier Wochen ab der Eröffnung an diesem Freitag umgeben rauschhafte Leidenschaft und fundamentale Ablehnung. Welttheater und Spießertum. Merkel und Gottschalk, Mammon und Plüsch, ischiasfeindliche Stuhllehnen, fettige Würstchen, klebrige Sektkelche und überirdische Musik.
Bayreuth, der reine Widerspruch
Bayreuth, der reine Widerspruch: Ausgerechnet ein jüdischer Dirigent, sein zu Richard Wagners Leidwesen ungetaufter enger Mitarbeiter Hermann Levi, leitet die Uraufführung des Parsifal.
Ein halbes Jahrhundert später kuschelt Weltenzerstörer Hitler mit Winifred, der einzigen Schwiegertochter des Komponisten. Bei ihr quartiert er sich sogar ein. Diese widerwärtige Nazisse erklärt später in einem Film, sie hätte ihren damaligen Heilsbringer auch Jahrzehnte nach der Schoa gern freudig begrüßt im Hause Wahnfried. Die Familie Wagner herrscht seit anderthalb Jahrhunderten, meist zerstritten, über Kunst, Kartenkontingente und, deutlich eingeschränkt, über die knappen Finanzen der Festspiele.
Wehrmachtssoldaten, Frontkämpfer und stramme Nationalsozialisten hatten während des Krieges die Festspiele umsonst besuchen können, die Stimmen jüdischer Weltstars allerdings waren längst verstummt.
Und dann der Gründer! Warum hat ausgerechnet dieser »schnupfende Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter« (Thomas Mann) so hinreißende, ergreifende, verstörende, opulente, sogar zarte Musik komponiert?
Warum hat Wagner derart grauenvolle Texte zu seiner Musik verfassen müssen? »Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagala weia! Wallala, weiala, weia!«
Und warum hat er derart grauenvolle Texte dazu verfassen müssen? »Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagala weia! Wallala, weiala, weia!« Anfangsgesang der Rheintöchter im Ring des Nibelungen und noch eine der sinnvolleren Verquastheiten jener Dichtung, die echte Wagnerianer seitenweise auswendig zitieren können.
Aber das Schlimmste: Wagners … nein, Antisemitismus ist ein zu akademischer Begriff. Trotz kluger Inszenierungen nach dem Krieg, trotz der hervorragenden ständigen Ausstellung über jüdische Künstler in Bayreuth: Der Judenhass des Komponisten und Festspielgründers bleibt als ideologische Wurzel bestehen, belegt nicht allein durch seine Hetzschrift Das Judenthum in der Musik, sondern durch kriegstrunkene, deutschtümelnde Libretti und die Gewaltverherrlichung seiner Figuren. Regisseur Barrie Kosky hat Wagners Einfluss auf den Faschismus in seiner genialen Meistersinger-Inszenierung aufgegriffen.
Im Jahrhundertring ließ der junge französische Regisseur Patrice Chéreau den Kapitalismus enden. Gegen sein Engagement hatten Wagnerianer vorher empört Flugblätter verteilt. Sebastian Baumgarten löste mit seiner Biogasanlage im Tannhäuser Buhstürme aus.
Wagners Judenwahn in klugen Essays aufgearbeitet haben Micha Brumlik, Elisabeth Bronfen, Elisabeth Hamann und viele andere. Der Urenkelin und jetzigen Festspielchefin Katharina Wagner sei Dank, sie hat in den »Bayreuther Diskursen« mit Künstlern und Wissenschaftlern die Dispute versachlicht. Aber eine Wahrheit bleibt bestehen: »Es ist viel Hitler in Wagner«, so Thomas Manns berühmtes Diktum.
Was ist neu zum Jubiläum?
Was ist neu zum Jubiläum? Erstaunlicherweise Rienzi im Festspielhaus. Das dritte von Wagners Frühwerken, die er in Bayreuth nicht aufgeführt wissen wollte. Rienzi, der römische Volkstribun aus kleinen Verhältnissen, war Hitlers Vorbild, seine Ikone und seine Lieblingsoper. Das hochgelobte Regieteam Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka inszeniert.
Neu ist ebenfalls ein glänzend recherchiertes Sachbuch, das die Verbindungen der Festspiele zu den Gaskammern von Auschwitz aufzeigt. Der Musik- und Theaterwissenschaftler Anno Mungen hat in seinem Werk Von Bayreuth nach Auschwitz Bayreuth als Treffpunkt völkisch denkender Kreise analysiert. Er beweist mit seiner akribischen Recherche, wie Bayreuths Geist die Räume im Osten kulturell erobern sollte.
Um Erbauliches von Wagner zu hören, reisten SS-Schergen aus Auschwitz nach Kattowitz. Die Ring-Vorstellungen fanden wegen der Lagerlogistik an Dienstagen statt.
Wagners Werke wurden in Posen und Krakau gespielt, sogar 1944 noch in Kattowitz. Zwar wird dort im September das Theater geschlossen, Der Ring des Nibelungen bis dahin aber zweimal gespielt. SS-Schergen reisen gern direkt aus dem nahen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nach Kattowitz, »um Erbauliches« zu hören. Der Spielplan richtete sich sogar nach ihren Dienstzeiten. Die Ring-Vorstellungen finden wegen der Lagerlogistik an Dienstagen statt.
Kriegsversehrte und Frontkämpfer wiederum waren zu den Kriegsfestspielen in Bayreuth eingeladen, die Organisation »Kraft durch Freude« organisiert diese Ausflüge.
Anno Mungen rahmt sein Werk ein mit der Lebensgeschichte der Sängerin Ottilie Metzger-Lattermann
Anno Mungen rahmt sein Werk ein mit der Lebensgeschichte der Sängerin Ottilie Metzger-Lattermann. Diese 1878 in Frankfurt geborene Jüdin hat weltweit Karriere gemacht. Man verehrt sie und ihre Alt- und Sopranstimme in London und in New York, Amsterdam und Brüssel. Auch als Kundry und Isolde.
Nur: Wagners Sohn Siegfried und Cosima Wagner verfolgen in Bayreuth bereits früh eine antisemitische Besetzungspolitik. Lediglich kleine Rollen darf Metzger-Lattermann singen, im New Yorker Ring hingegen feiert sie Triumphe als Erda und Fricka.
Ab 1933 an allen Deutschen Opernhäusern ausgegrenzt, flieht sie nach Kriegsbeginn zu ihrer Tochter, wird in Brüssel 1942 von den Deutschen verhaftet und schreibt ihrer Tochter am 10. Oktober: »Sonnabend. Wir sitzen im Zug. 10 Mann im Coupé, darunter vier Kinder. Es geht nach Oberschlesien Bezirk Kattowitz. Habe Fensterplatz.« Die Selektion in Auschwitz einige Tage später überlebt sie nicht.
Die Autorin war Kulturkorrespondentin der ARD und hat bis 2025 über die Wagner-Festspiele in Bayreuth berichtet.