»Imanuels Interpreten« (24)

Harry Connick Jr.: Das Wunderkind

Harry Connick Jr. Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Da steht er, auf einem Dach in einem Industriegebiet, mit einer größeren Band um sich herum, darunter Streicherinnen, und singt »Just the Way You Are« von seinem ebenfalls jüdischen Kollegen Billy Joel – einen Song, den auch die 2003 verstorbene Soul-Größe Barry White mit einer Interpretation zu einem Mega-Hit machte. Dank dieser beiden Künstler war dieses Lied von 1977 an anderthalb Jahre lang ununterbrochen in den amerikanischen, kanadischen und britischen Charts.

Die Version von Harry Connick Jr. ist anders. Er nahm sie für sein Album »Your Songs« auf, das 30 Jahre später erschien. Sie klingt aber, als hätte er das Lied 30 Jahre früher gesungen. Dies liegt an Connicks Gesangsstil, der an die späten 40er Jahre erinnert, als Bing Crosby »Careless Hands« und andere Schnulzen sang.

Bei vielen damals aufgenommenen Love Songs war der Sänger austauschbar. Er musste praktisch nur zeigen, dass ihm das Lied, das er zum Besten gab, gefiel, und lächeln wie ein Musterschwiegersohn. Dies beherrscht Connick ebenso gut wie seine Vorgänger der späten 40er Jahre.

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Harry Connick Jr. sang für den Film When Hatty Met Sally mehrere Songs.
Album mit elf

Folgende Frage muss aber gestellt werden: Von welchem Harry Connick Jr. sprechen wir hier? Wenn das Wort Multitalent jemals angebracht war, dann bei ihm. Sänger, Pianist, Kino- und Theaterschauspieler? Ist es wirklich ein und derselbe Künstler, der all dies bietet? Oder ist der Mann geklont?

Wer etwas in die Biografie von Harry Connick Jr. eintaucht, wird feststellen, dass wir es hier mit einem früheren Wunderkind zu tun haben. Seine Mutter Anita Frances Livingston, geborene Levy, war Anwältin und Richterin in New Orleans. Sie starb an Eierstockkrebs, als Harry 13 Jahre alt war. Als Staatsanwalt mit der Verbrecherjagd beschäftigt war sein Vater Harry Connick. Wenn die Nacht über New Orleans hereinbrach, war der Senior jedoch als Hobby-Musiker bei Jazz-Konzerten im Stadtteil French Quarter aktiv.

Harry Jr. begann mit drei Jahren, Klavier zu spielen. Mit fünf trat er als Pianist öffentlich auf, mit zehn war er mit einer Jazz-Band an Studioaufnahmen beteiligt. Dann kam Eleven: Es handelt sich um Harry Connicks erstes Soloalbum, das er 1978 mit elf Jahren aufnahm. Es ist eine reine Dixieland-Schallplatte. Zuhören ist anstrengend. Ich halte es nur ein paar Minuten lang aus. Die Faszination besteht hier darin, dass es eben ein Elfjähriger war, der das Album aufnahm.

Ein 22-jähriger Harry Connick Jr. in dem Film »Memphis Belle« von 1990Foto: picture alliance / Everett Collection
Solist mit neun

Wie geriet Harry Connick Jr. an Dixieland? Vermutlich über seinen Vater und die musikalische Umgebung, für die New Orleans nun einmal bekannt ist. Bevor er das anstrengende Gedudel einspielte, war er mit viel ernsteren Klängen beschäftigt, nämlich Ludwig van Beethovens drittem Klavierkonzert in C-Moll. Mit neun Jahren spielte er es mit dem New Orleans Symphony Orchestra – als Solist, wohlgemerkt.

Trotz allem schaffte der Pianist die Aufnahmeprüfungen für zwei Musikhochschulen nicht. In New York lief es dann aber besser, wo er schließlich am Hunter College und der Manhattan School of Music studierte. In der Weltmetropole nahm seine Karriere dann richtig Fahrt auf.

Mit 19, im Jahr 1987, kam plötzlich ein Solo-Piano-Album von Harry Connick Jr. auf den Markt. Auf dem Cover sieht er in einem viel zu weiten Anzug, einer Modeerscheinung dieser Zeit, so schlank aus, dass man ihm am liebsten ein Brot streichen will, mit einer dicken Schicht Markenbutter und einer Doppel-Lage Tilsiter oben drauf. Ein Teenager, der »I Mean You« oder »On the Sunny Side of the Street« am Flügel aufnimmt? Dies war eine weitere Überraschung.

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Connick spielt »I Mean You« für sein zweites Album.
»Muy talentoso«

Schon zwei bis drei Jahre zuvor hatte ich ein Interview mit ihm gehört, beim mexikanischen Radiosender Jazz FM. Dessen legendärer Macher und Moderator Roberto Morales stellte Harry Connick Jr. zurecht als »pianista muy talentoso« vor, ohne zu ahnen, dass dieses Merkmal schon bald nicht mehr im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit seines Gastes stehen würde.

Auf dem Album Twenty von 1988 – und zwar auf Track Nummer drei, »Imagination« – fängt Harry Connick Jr. plötzlich an zu singen. Aus dieser Nummer ist er seither nicht mehr herausgekommen. Es mag nicht die Stimme sein, die fasziniert, wohl aber das Gesamtpaket. Vom Wunderkind am Klavier war er mal eben zum Sänger avanciert. Und doch war dies erst der Anfang.

Connick wurde 1989 vom Regisseur Rob Reiner (der im Dezember 2025 von seinem eigenen Sohn getötet wurde) angesprochen und gefragt, ob er den Soundtrack für When Harry Met Sally liefern wolle. Wer hätte da Nein gesagt? Er war 22 Jahre alt, als er als Sänger von Songs wie »It Had to Be You« für diesen Film seinen ersten Grammy einsteckte.

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Maßlose Untertreibung

Ein »normaler« Künstler hätte dort weitergemacht, wo er so erfolgreich war. Harry Connick setzte jedoch noch einen drauf: Während er eine Tournee startete und zwei Alben aufnahm, fand er auch noch die Zeit, als Schauspieler in dem Film Memphis Belle mitzuspielen, der am 5. September 1990 in die amerikanischen Kinos kam. Seine Rolle: Luftwaffenoffizier Clay Busby, der nebenbei Klavier spielen muss, um seine Familie zu ernähren. Tja, Connick musste für diese Rolle nicht erst einen Klavier-Crash-Kurs belegen.

Es kam noch besser: Für den Song »Promise Me You’ll Remember« für The Godfather III von 1991 bekam er sowohl eine Oscar- als auch eine Golden-Globe-Nominierung, kurz bevor er auch für Sleepless in Seattle ein Lied aufnahm. »Es lief gut« zu sagen, wäre schon zu diesem Zeitpunkt eine maßlose Untertreibung gewesen.

Gibt es außer Barbra Streisand, Sammy Davis, Elvis Presley und Barry Manilow weitere Juden, die Weihnachts-Alben aufnahmen? Die Antwort auf diese Frage lässt sich auch ohne Telefonjoker finden. Es ist ein eindeutiges »Ja«. Harry Connick Jr. gehört in diese Liste.

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Das Arrangement und die Kulisse rechtfertigen diese Interpretation des Billy Joel-Klassikers »Just the Way You Are«.
»Soulful« und cool

Bisher sind es 28 Alben, die der heute 58-jährige Harry Connick Jr. aufgenommen hat. Live-CDs, Kollaborationen und Filmmusik sind hier nicht mitgezählt. Seine Aufnahmen feiern »My New Orleans« und Cole Porter, sie bieten Rückblicke auf seine Zeit als Pianist ohne Gesang, sie feiern natürlich vor allem die Liebe und sogar Mary Poppins (»Supercalifragilisticexpialidocious«).

Mit seinem Album She von 1994 erfand sich Connick abermals neu. Allen Ernstes nahm er dafür »New Orleans Funk«- und (Möchtegern-)Soul-Stücke auf. Diese klingen aufgrund seiner geografischen Herkunft einerseits mehr oder weniger glaubwürdig. Allerdings passen diese Genres nicht wirklich zu ihm. Es ist, als würde er krampfhaft versuchen, »soulful« und cool zu wirken. Ist dies nur mein gemeines Vorurteil? Ich denke nicht. Die Soul- und Funk-Gemeinde hat Connick mit diesem Album nicht erreicht, wohl aber diejenigen seiner eingefleischten Fans, die diesen Ausflug in ein Fremd-Genre akzeptierten.

Niemand geringerer als Harry Connick Jr. nahm 1997 To See You auf. Diesmal waren die enthaltenen Love Songs keine Interpretationen, sondern seine eigenen Kompositionen. 2001 lieferte er den Soundtrack zum Musical Thou Shalt Not. Weiterhin wusste er vielleicht selbst nicht, ob er gerade tourte, im Studio war oder vor der Kamera stand, wie er es auch 2003 für den Film Basic tat. Knapp zehn Jahre später fand er darüber hinaus noch Zeit für vier Folgen Law & Order. Nachdem Hurricane Katrina 2005 seine Heimatstadt New Orleans verwüstet hatte, half er mit Benefiz-Konzerten und separaten Spenden für den Wiederaufbau.

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Mit elf Jahren nahm Harry Connick Jr. Eleven auf, ein reines Dixieland-Album.
Drei Töchter

Die viel besungene Liebe fand Harry Connick Jr. mit Jill Goodacre, einem früheren Victoria’s Secret-Model. Die drei Töchter des Paares, Georgia, Sarah und Charlotte, leben inzwischen in Australien. Dort war die ganze Familie im Jahr 2023 hingezogen, als Harry Connick an der dortigen Talent-Show Australian Idol arbeitete.

Connick ist in der Tat voller Überraschungen. Hier ist noch eine: Als halachischer Jude ist er praktizierender Katholik, identifiziert sich aber auch mit seiner jüdischen Herkunft.

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