Ausstellung

Der zerbrochene Messias

Hochbetagte als lebende Objekte: Kurz vor der Pressekonferenz zur Jubiläumsausstellung »Das Gegenteil von Jetzt« am Vormittag probt eine Gruppe von über 90-jährigen Sängerinnen und Sängern im Jüdischen Museum Berlin. Der »Chor der Zeitastronauten« ist die erste von insgesamt zwölf Stationen, die in dieser Ausstellung zu sehen sind – eine Installation des Amerikaners Ari Benjamin Meyers.

Der in Berlin lebende Pianist, Komponist und Künstler hatte sich in den Kopf gesetzt, nur Menschen über 90 Jahre für seinen Chor zu rekrutieren. Ein Projekt, das die Kuratorinnen Julia Friedrich und Shelley Harten anfangs für nicht machbar hielten. Doch Meyers blieb hartnäckig und setzte sich durch.

Zwar klingen die Stimmen der Chorsänger, unter ihnen eine Frau im Rollstuhl, altersgemäß eher dünn, doch die Probe der Senioren in astronautenähnlichen orangefarbenen Anzügen – der Chor absolviert nur Proben, niemals Auftritte – sowie persönliche Gegenstände der Ensemblemitglieder in Vitrinen, wie etwa ein Schweizer Taschenmesser »aus dem 20. Jahrhundert«, verleihen der Ausstellung im ersten Zimmer eine Leichtigkeit, die in manchen der folgenden Räume fehlt.

»Diese Menschen planen nicht hektisch ihren Tag und eilen nicht mehr von Termin zu Termin«, sagt Meyers über seine Sänger. »Sie planen auch nicht mehr fünf Jahre im Voraus.« Er habe zeigen wollen: »Wie ist es dort, wo sie sind? Was herrscht dort für ein Verständnis von Zeit?« Weil die nächste Probe der Senioren erst für den 22. September auf dem Programm steht, sitzt bis dahin statt Meyers als Chorleiter eine lebensgroße Astronautenpuppe am Klavier.

Yael Bartana entwickelt in »Birds« die Vision eines ins Gegenteil gekehrten Pessachfestes.

Apropos Zeit: Eine Stunde für einen Überblick über die Ausstellung solle man einplanen, lautet die Empfehlung an die Journalisten am vergangenen Donnerstag. Doch eine Stunde reicht nicht einmal für einen oberflächlichen Eindruck. Später am Abend, kurz vor der offiziellen Eröffnung im Glashof des Museums, drängen sich die Besucher vor allem in dem verdunkelten Raum im ersten Stock, in dem eine Videoarbeit von Yael Bartana gezeigt wird. Daneben steht die Plastik »Generation Ship« – das 3D-Modell eines abstrakten Raumschiffs.

In ihrem fast halbstündigen Video »Bird« entwickelt die israelische Künstlerin die Vision eines ins Gegenteil gekehrten Pessachfestes. Israelische Soldaten, auf den Köpfen unheimlich wirkende Vogelmasken, beugen sich bei einem Seder inmitten von Finsternis über die Pessach-Haggada, vollziehen das Ritual der »Zehn Plagen«, lassen Rotwein auf den Tisch tropfen. Doch ihr Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit führt sie nicht ins Heilige Land, sondern zurück in die Wüste. Sie entziehen sich dem Krieg. Gewehre werden zu Schlangen, eine Leiter weist den Soldaten den Weg in den Himmel.

Im Katalog zur Ausstellung schreibt der Filmemacher Benjamin Seroussi, Bar­tana habe in »Birds« denselben Mechanismus wie in ihrer polnischen Trilogie eingesetzt, »als sie die Rückkehr der Jüdinnen und Juden nach Polen vorschlug: ein umgekehrter Zionismus. Befreiung und Exil«.

Eröffnung mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ist unter den Besuchern, die sich Bartanas Video anschauen. Wenig später im Glashof wird er das Jüdische Museum Berlin als »Haus des Lebens« preisen, in dem die »eigenartige und wunderbare Melodie des jüdischen Selbstbewusstseins« über die »Politiken des Todes« triumphiere.

»Es herrscht ein Gefühl der Beklemmung, aus dem wir uns befreien wollen.« Hetty Berg

Vor 25 Jahren nahm Weimer als Journalist an der Gala am 9. September 2001 teil, als das Haus kurz vor seiner Einweihung stand. Wegen der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA musste die Eröffnung des Baus von Daniel Libeskind für das Publikum um zwei Tage verschoben werden. »Der Tag der Freude wurde ein Tag der Trauer«, erinnert sich der parteilose Politiker und zitiert einen Satz des Philosophen Ernst Bloch: »Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.«

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Museumsdirektorin Hetty Berg spricht über das Programm zum Jubiläum ihres Hauses. Die Überlegungen dazu hätten kurz nach dem 7. Oktober 2023 begonnen: »Niemandem war nach Feiern zumute; alles schien immer noch schlimmer zu werden. Dieses Gefühl begleitet uns bis heute. Es verbindet sich mit einer dunklen Stimmung, für die es immer Anlässe gibt.«

»In einer kaputten Welt die Scherben aufsammeln«

Es herrsche, so Hetty Berg, »ein Gefühl der Lähmung, der Beklemmung, aus der wir uns befreien wollen. Wie könnte ein Gegenteil aussehen, eine wirklich andere, bessere Situation, in der es auch Hoffnung gibt?« Aus diesem Grund hätte das Museum Künstlerinnen und Künstler gefragt, »wie ein Gegenteil von Jetzt aussieht«. Die Ausstellung zeige, »dass die Frage nach dem Glück, nach dem Besseren die Menschen immer beschäftigt. Für viele Jüdinnen und Juden verbindet sich das mit dem Warten auf den Messias. Und während wir auf ihn oder sie oder es warten, müssen wir in dieser kaputten Welt die Scherben aufsammeln und zusammenfügen«.

Am 6. September, dem Tag der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wirkt die Welt im Jüdischen Museum Berlin auf den ersten Blick noch heil. Es ist Familiensonntag, Kinder basteln, im Glashof trinken Erwachsene Kaffee. Als ob die Zeit stillsteht. Zeit also für einen dritten Blick auf die Ausstellung.

Zunächst spielerisch, wie bei der ersten Station der »Zeitastronauten«, geht es im zweiten Raum zu: Der Tänzer und Choreograf William Forsythe fordert Besucher auf, sich auf eine Bank zu setzen, elf Schritte auf das Fenster gegenüber zuzugehen und rückwärts mit geschlossenen Augen zur Bank zurückzukehren. Die Lektion: Schritte rückwärts sind kleiner als Schritte vorwärts. Am Ende der Ausstellung wird Forsythe die Besucher auffordern, »ohne jeden Rhythmus zu gehen«.

Die Auferstehung der Toten des Ukraine-Krieges muss bei Dana Kavelina Utopie bleiben.

Im nächsten Raum wartet ein animierter Film, der erschüttert: Die 1995 in Melitopol geborene ukrainische Animations- und Videokünstlerin Dana Kavelina hat ihr Werk »It Canʼt Be That Nothing Can Be returned« von 2022 für das Jüdische Museum Berlin neu bearbeitet. In einer der Sequenzen ragt der Kopf einer Frau aus dem Wasser, während eine beruhigende Stimme wie in einer Meditation darauf dringt, die Flashbacks des Krieges könnten ausgeblendet werden: »Die Erinnerung ist wie ein langer Korridor. Gehen Sie links aus der Tür und schauen Sie nicht zurück.«

Den Todesopfern des russischen Angriffskriegs wird (für den Fall, dass sie es wollen) eine Auferstehung der Toten in einer utopischen Zukunft »200 Jahre nach dem Sieg der Ukraine im Großen Krieg« in Aussicht gestellt. Künstliche Intelligenz soll in dieser Vision dafür sorgen, dass das Leid nicht mehr beherrschend ist. Doch die menschlichen Stimmen, die von den Qualen der Besetzten berichten, bleiben im Ohr, auch nachdem man den Raum verlassen hat.

Ausgangspunkt ist ein Gespräch zwischen Theodor W. Adorno und Ernst Bloch von 1964 im Südwestrundfunk

Intellektueller Ausgangspunkt für »Das Gegenteil von Jetzt« ist ein Radiogespräch von 1964 im Südwestrundfunk zwischen den Philosophen Theodor W. Adorno und Ernst Bloch. Das Thema: »Etwas fehlt. Über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht«. Eine Hörstation macht das Gespräch zugänglich. Und wer immer schon wissen wollte, wie Walter Benjamin Bertolt Brecht die Idee der »schwachen messianischen Kraft« erklärt hat, kommt in einem Kurzfilm des im März diesen Jahres verstorbenen Filmemachers Alexander Kluge auf seine Kosten.

Daniel Laufer widmet sich Eva Frank, Chefin der frankistischen Sekte in Offenbach.

Die Installation des Film- und Videokünstlers Daniel Laufer wiederum dreht sich um Eva Frank (1754–1816), Tochter des Chefs der »Frankisten«-Sekte Jakob Frank, die sich für den Messias hielt. Ein Schwarz-Weiß-Film ohne Anfang und Ende, der einen düsteren Sog entwickelt, folgt einer Studentin, die in Archiven nach Material über Eva Frank sucht, bis sie sich selbst in die Messiasgestalt verwandelt. Dazu passen das Gemälde einer Mauer und das auf die Frank-Forschung bezogene Bild »The Road to Esau«, das den gesamten Raum zu einem Teil des Isenburger Schlosses in Offenbach macht, wo Eva Frank als »Manifestation der Schechina« lebte.

Wer es etwas leichter möchte, dem sei die Klanginstallation »Esperoj« des Israelis Dor Zlekha Levy empfohlen – eine Vertonung der Hymne »Die Hoffnung« von Ludwik Lejzer Zamenhof, dem Schöpfer des Esperanto. Der Künstler hat sich in einem früheren Projekt »One Language« auch an einer »prosemitischen«, gemeinsamen hebräisch-arabischen Sprache versucht. »In der heutigen Welt fürchten wir uns davor, mehr als eine Identität auf einmal zu haben. Aber wir sollten allen zuhören«, sagt Dor Zlekha Levy, als ob es das Einfachste in der Welt von jetzt wäre. Und nicht etwa das Gegenteil.

Bis zum 10. Januar 2027 im Jüdischen Museum Berlin

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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