Philosophie

Zwischen Mensch und Maschine

Die Macher des Films »Matrix« hatten sich an Putnams Gedankenexperiment »Gehirn im Glas« orientiert.

Als Willard Van Orman Quine im Jahr 2000 verstarb, enervierte sich Putnam über die oberflächliche Berichterstattung, die allzu vorschnell den Allgemeinplatz bedient, dass es sich um einen der größten und bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts gehandelt habe. Was in den über ihn publizierten Nachrufen nicht sichtbar wurde, war seine Radikalität im Denken. Eine Qualität, die Putnams akademischer Lehrer ihm mit auf den Weg gab. Beiden ging es darum, den festen Boden der alltäglichen Gewissheiten zu erschüttern.

So gab es zum einen für Quine keine feststehenden Tatsachen. Denn seinem skeptischen Blick erschienen die Tatsachen selbst unglaubwürdig. Eine Tatsache lässt sich nicht isolieren und mit einer eindeutigen Bedeutung erklären. Auf den Punkt gebracht, scheitert die Übersetzung der Welt in Sprache. Und genau darin offenbart sich für Putnam Quines Genie, in der Unbestimmtheit dieser Übersetzung.

Diese Vagheit und Ungewissheit führte Quines sprachphilosophisches Gedankenexperiment vor Augen: Eine Linguistin reist in den Urwald und möchte die Sprache eines unbekannten Volkstammes erforschen. Als neutrale Beobachterin möchte sie unerkannt bleiben und versteckt sich. Dann ereignet sich folgende Situation: Ein Hase hoppelt vorbei, woraufhin ein Mann aufsteht, auf den Hasen zeigt und ruft: »Gavagai!«. Sie hält in ihrem Notizbuch fest: »Gavagai gleich Hase«.

Aber zwischen Welt und Sprache führt keine direkt verlaufende Brücke. Denn dazwischen gibt es so viele Quellen und Gründe, die zu einem Fehlverstehen und zu Missverständnissen führen können. Darin bestand die grosse Faszination für Putnam selbst der ebenso eine Affinität für Gedankenexperimente entwickelte.

In welcher Matrix leben wir?

Bemerkenswert ist, dass der junge Putnam in den fünfziger und sechziger Jahren noch einer naturwissenschaftlichen und materialistischen Weltanschauung anhing. Er glaubte an die Errungenschaften der modernen Physik. Der analytischen Philosophie kam die Aufgabe zu, die einheitliche Beschreibung der Welt als Einheitswissenschaft sichtbar zu machen. Diese Physikalisierung der Welt und des Denkens wird dabei auf die Natur übertragen – und in letzter Konsequenz auf den Menschen mit seinem Leistungszentrum: dem Gehirn.

Die Vermessung der Welt mittels einer berechnenden Physik würde in letzter Konsequenz mit der Natur des Menschen zusammenfallen, da dieser denselben physikalischen Gesetzen unterworfen ist. Wenn dem so wäre, gäbe es allerdings keine Missverständnisse zwischen Welt und Sprache. Oder noch visionärer verstanden: Die Vorstellung vom Geist als eine Art von Rechenmaschine könnte sich zu einer absoluten Weltauffassung steigern.

Diese Physikalisierung der Welt und des Denkens wird dabei auf die Natur übertragen.

Von den Gifford Lectures ausgehend, die Putnam 1990 an der Universität St. Andrews hielt, setzte dann jedoch ein Richtungswechsel ein, den er programmatisch mit der Schrift »Für eine Erneuerung der Philosophie« betitelte. Dabei reflektiert er über die Rechenleistung des Gehirns, was Alan Turing mit der Geschichte des Computers ins Rollen gebracht hat: Der Geist reduziert sich zu einer Turing-Maschine.

War die Philosophie im Mittelalter die sogenannte Magd der Theologie, so wird sie durch diese Reduktion zum Slaven der Naturwissenschaften. Die altehrwürdige Vernunft verkommt so zu ihrem eigenen Instrument: »Wenn der ganze menschliche Körper ein den Gesetzen der Newtonschen Physik gehorchendes physikalisches System ist und wenn jedes derartige System – bis hin zum gesamten physikalischen Universum (…) eine Maschine ist, dann ist auch der ganze menschliche Körper zumindest im metaphorischen Sinne eine Maschine.«

Entzauberung des menschlichen Geistes

Dieses Szenario der radikalen Entzauberung spielte Putnam indes bereits1981 in seinem berühmten Gedankenexperiment »Gehirn im Tank« durch: Ein Neurowissenschaftler schleicht sich an dein Bett, betäubt dich und entfernt dein Gehirn, das in eine Nährlösung gelangt. An eine Maschine angeschlossen, wird bewusstes Erleben nun durch elektrische Impulse als Gehirnzustand künstlich erzeugt.

Über die akademische Welt hinausgreifend, wurde es zum Ideengeber des cineastischen Meilensteins »Matrix«. Die Annahme einer angeborenen neuronalen Datenstruktur des Gehirns könnte zur Ansicht verleiten, dass der Mensch grundsätzlich über das Dispositiv einer angeborenen Denksprache verfügt, also eine Art Datensatz. Darin wären die semantischen und begrifflichen Grundelemente auf eine Art und Weise enthalten, so dass jedes Erleben von Geruch, Geschmack und Aussehen funktionalistisch in Daten übersetzt werden könnte. Die anregende Sciencefiction-Fantasie ist bekannt: Eine entsprechend bedeutsame Welt kann simuliert werden.

Der Geist ist chaotisch. Die Wirklichkeit ist chaotisch.

Natürlich ging es Putnam selbst nicht um die reisserische Frage, ob es nun eine Aussenwelt (nicht) gibt. Die Grösse seiner Philosophie besteht in der Art und Weise, wie er seine ursprünglichen Annahmen revidierte und dann in den erwähnten Gifford Lectures insbesondere »Das Projekt der Künstlichen Intelligenz« dekonstruierte: Es gibt für ihn nämlich keinen Algorithmus für das Erlernen natürlicher Sprache, auch wenn es zwischen dem Computermodell und dem Gehirn Analogien gibt. Das entscheidende Argument liegt in der Sprachverwendung selbst: Diese stellt eben keine abtrennbare Fähigkeit des Menschen dar, die funktionalistisch isoliert werden könnte. In hoher Affinität gegenüber dem späten Wittgenstein der Sprachspiel-Philosophie sind die Lebenskontexte entscheidend, in denen in und mit Sprache gehandelt und gelebt wird.

So ist für Putnam Bedeutung keine Funktion, sondern ein Ereignis, das sich in den Wechselwirkungen zwischen Sprache und Welt entfaltet. Diese lässt sich nicht vorhersagen – und bleibt deshalb unberechenbar. Dass sich Bedeutung nicht auf Gehirnstrukturen zurückführen lässt, bedeutet selbst ganz Grosses: Der Geist ist chaotisch. Die Wirklichkeit ist chaotisch. Die Matrix des menschlichen Lebens hermeneutisch: Unser sprachlich geprägtes Selbstverständnis ist kontextempfindlich und situativ. Vermeintlich unabhängige Fakten formieren sich dabei zu Situationen und Konstellationen, die über den reinen Sachverhalt hinausgehen.

Keine Dekonstruktion ohne Rekonstruktion

Wenn Paul Feyerabend den Begriff »Anything goes« 1975 nutzte, um zu zeigen, dass die Wissenschaftsgeschichte nie nach starren Regeln ablief, tendiert Hilary Putnam durchaus in Richtung der Postmoderne. Es ist aber nicht alles nur eine Frage der Interpretation. Putnam hält am Projekt der Weltbeschreibung fest. Aber im Geiste der Pluralisierung schreiben wir uns vielfältig in die Welt ein und überschreiben diese durch unterschiedliche Formen der Bezugnahme auf die Welt.

Mit Putnam poetisch und wissenschaftlich gedacht, gibt es draussen im physikalischen Universum tatsächlich selbstleuchtende Kugeln aus heissem Gas. Aber die »Sterne«, die in das menschliche Denken und Sprechen Eingang finden, geben dem Universum eine eigene Gestalt. So deutet der »grosse Bär« exemplarisch auf ein Sternbild hin, als eine rezipierte und gestaltete Wirklichkeit. Das Wort Konstellation enthält offensichtlich mit »Stella« darin das Sternenhafte in sich. Über diese Etymologie eröffnet sich zugleich ein konstellativer Zugang zur Welt. Wirklichkeit ist kein Konstrukt, aber eine bewegliche Konstellation, in der sich eben auch Positionen verändern können.

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Ein interessantes Zeugnis dazu stellt ein dialogisch ausgerichteter Text dar, der an seine Frau Ruth Anna Putnam adressiert war. Die gebürtige Berlinerin war Tochter der jüdischen Mutter Marie Kohn und des christlichen Vaters Hermann Jacobs, bei dessen Eltern sie sich zwischen 1938 und 1945 verstecken konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte sie in die Vereinigten Staaten und schlug ebenfalls den akademischen Weg der Philosophie ein. Ihre grosse Leidenschaft galt den Begründern des amerikanischen Pragmatismus.

Es ist in der Tat bemerkenswert, welchen pragmatistischen Einfluss sie auf Hilary ausübte. Dies betrifft insbesondere die untrennbare Verwebung von Fakten und Werten, was die Bedeutung der Konstellation natürlich verstärkt: Eine Perspektive auf eine unabhängig faktische und objektive Wirklichkeit gibt es demzufolge nicht. Diese wird dekonstruiert, um eine sinnbehaftete Realität zu rekonstruieren. Denn der Mensch sucht nach Sinn. Oder in den prägnanten Worten Putnams: »Dekonstruktion ohne Rekonstruktion ist Verantwortungslosigkeit.«

Das Erkennen der Welt

In diesen Prozess der Rekonstruktion fügt sich in den genannten Gifford Lectures Putnams Bekenntnis ein, dass er sich als praktizierenden Juden identifizierte. Seine Mutter Riva (geborene Sampson) war jüdischer Herkunft. Sich dem Judentum und der jüdischen Philosophie anzunähern, wurde dann insbesondere durch den Wunsch seines ältesten Sohnes ausgelöst, eine traditionelle Bar Mitzva vorzubereiten.

Das Wort Konstellation enthält offensichtlich mit »Stella« darin das Sternenhafte in sich.

Dass die religiöse Dimension in seinem Leben zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, zeigt sich in seiner Spätschrift »Jewish Philosophy as a Guide to Life«. Darin führt er einen Dialog mit Rosenzweig, Buber, Levinas und Wittgenstein – und entdeckt für sich selbst eine dialogische Philosophie, welche die pragmatistische Grenzverwischung zwischen Tatsachen und Werten noch zuspitzt. Das Erkennen der Welt in ihrem Sein wird von etwas tiefer Greifendem aufgerüttelt: der Anerkennung eines unbedingten Sollens, das nicht nur über die Fakten hinausgeht, sondern ein moralisches Fühlen prägt. Es geht um Dynamiken der Anerkennung zwischen Gott, Welt und Mensch.

Putnams Augenmerk galt dem biblischen »Hineni«. In Abrahams elementare Antwort »Hier bin ich« auf den Aufruf Gottes sieht Putnam die Rekonstruktion der Welt durch Verantwortung. Im sprechenden und antwortenden Denken gilt die Anerkennung der schöpferischen Freiheit Gottes. Dies als Resonanz auf die Ordnung eines Geistes verstanden, der sich eben nicht berechnen lässt. Es geht eben nicht um die funktionalistische Überbrückung zwischen Sprache und Welt, sondern um die lebendige Entfaltung des Geistes in den Falten zwischen Mensch, Welt und Transzendenz. In dieser Vielgestaltigkeit und Wandelbarkeit von Putnams Denken liegt seine wahre Grösse und die fundamentale Einsicht, dass der Mensch so viel mehr ist als eine Maschine.

Der Autor ist Gymnasiallehrer, promovierte am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung in Luzern und wurde an der Luzerner Universität habilitiert.

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