Von seinem ersten Entwurf an, der im Sommer 1989 den Wettbewerb um die Erweiterung des Berlin Museums »mit Abteilung Jüdisches Museum« gewann, versuchte Daniel Libeskind aus New York, eine Frage zu beantworten, die sich einem jüdischen Architekten seiner Generation stellte. Wie kann ein Museumsneubau ausdrücken, dass wir nach der Schoa anders fühlen, leben, denken, erinnern als vordem, während wir zugleich in Räumen, nach Mustern der Vergangenheit bauen? Wie kann Gestalt annehmen, was Dan Diner den Zivilisationsbruch nennt? Kann man eine solche Zerstörung bauen?
Das Jüdische Museum, das vor bald 25 Jahren seine schwere Eingangspforte öffnete, gibt die Antwort in seinem Zickzack, der einen Riss ins Gebäude legt, durch unebene Wege, aufgehäufte Steine, leere Flächen, die »Voids«, einen Garten des Exils, durch Namen von Autoren und Autorinnen, Buchtitel, Zitate, Habseligkeiten, die an die unzähligen Ermordeten erinnern. In einen von Hand gezeichneten frühen Plan fügte Libeskind Zeilen des Propheten Jeremias auf Hebräisch ein: »Ich verlasse mein Haus, / ich verstoße mein Erbteil …«
Zwei historische Zäsuren bestimmen die Baugeschichte: der 9. November 1989 und der 11. September 2001
An Sichtbarkeit und Bekanntheit sollte das Jüdische Museum bald sein Mutterhaus, das Berlin Museum, übertreffen. Zwei historische Zäsuren bestimmen seine Baugeschichte: Als der Wettbewerb über das Gebäude entschieden war, fiel am 9. November 1989 die Mauer. Es galt fortan, die Geschichte und Gegebenheiten jüdischen Lebens in der DDR zu integrieren. Der Tag der Eröffnung fiel auf den 11. September 2001. Die Feier musste verschoben werden. Der Bauherr des Jüdischen Museums entwickelte später den Ground Zero in seiner Heimatstadt New York. Noch eine Zerstörung, der er Gestalt gab.
Das Jüdische Museum blickt jetzt in einer Kabinettausstellung auf seinen architektonischen Ursprung zurück. Man sieht das Grundmodell der Erweiterung von 1994 in seiner jetzigen Gestalt, ein Studienmodell, Bilder aus Libeskinds Atelier. Ein Schlüsselmoment. Between the Lines zeigt, wie Libeskind früh seine Vorstellung eines richtungweisenden Museums für Berlin skizzierte – für eine Zukunft der erinnerten Vergangenheit in unserer Gegenwart.
Gleichzeitig nimmt der Architekt einen Kanon des Wissens in seinen Bau mit hinein. Rachel Varnhagen, Caspar David Friedrich, Walter Benjamin, Arnold Schönberg, Paul Celan und andere bilden so etwas wie intellektuelle Winkel dieses Gebäudes, sicherlich nicht dessen Gerüst. Für diesen Bau passt eher das Wort von Hannah Arendt: Es ist »ohne Geländer«.
Das Jüdische Museum gilt heute als herausragender Bau, repräsentativ und offen, integral, eine Ikone in der Museumslandschaft einer Stadt, die zu Protz, Großmäuligkeit und Geschichtsvergessenheit neigt. In diesem Geist – oder Ungeist – hat Berlin das Stadtschloss wiederaufgebaut, ist aber gleichzeitig nicht imstande, dem Deutschen Historischen Museum einen Raum während der Zeit der Renovierung zu bieten. In einer Stadt der unabgeschlossenen Baustellen ragt das Jüdische Museum heraus.
Wenn heute Libeskinds Bau überall gefeiert wird, darf nicht vergessen werden, wie erbittert darum gestritten wurde.
Wenn heute Libeskinds Bau überall gefeiert wird, darf nicht vergessen werden, wie erbittert darum gestritten wurde. Der Architekt sagte im »Spiegel«-Gespräch: »Nur sehr wenig von dem, was ich entwerfe, wird jemals ohne Weiteres akzeptiert – und genau so sollte es auch sein. Sinnvolle Architektur erfordert Zeit, Dialog und Überzeugung. (…) Architektur ist im Kern eine öffentliche Kunst – sie trägt die Verantwortung, das Leben aller zu bereichern.«
Das Jüdische Museum in Berlin begeht sein 25-jähriges Bestehen, indem es den 80. Geburtstag seines Architekten feiert, die Kühnheit, Neugier, Tiefe, Skepsis und Tatkraft von Daniel Libeskind. Sich selbst zu feiern, ist für eine Institution wie diese indessen problematisch.
Man vermisst in der Ausstellung und im Begleitprogramm ein Moment des Innehaltens, des Fragens, des Zweifelns. Das hätte das Museum von seinem Schöpfer lernen können. Man wüsste gern mehr über Erfahrungen, Einsichten, etwa über nicht realisierte Ausstellungen und zukünftige Pläne. Über die grundsätzliche Frage, was es für das Jüdische Museum Berlin bedeutet, zu 70 Prozent Besucher aus dem Ausland zu haben, aber nur 30 Prozent aus Deutschland. Und darüber, dass man im Museum ein Bildungsprogramm für Schüler und Schülerinnen entwickelt hat, aber Lehrpläne in den öffentlichen Schulen bis heute jüdische Geschichte und Kultur kaum behandeln.
Das Jüdische Museum ist zweifellos ein Ort der Repräsentation geworden, erst recht der politischen. Ein Ort des Nachdenkens, der Debatten und Impulse wird es hoffentlich noch stärker werden. Diesen Wunsch immerhin greift das große Haus in der Lindenstraße auf. »Das Gegenteil von Jetzt« heißt die geplante Jubiläumsausstellung, die künstlerische Wege in eine andere Gegenwart weisen soll. Die Zukunft wird es zeigen.
»Between The Lines« bis zum 1. November im Jüdischen Museum Berlin