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»Etty«: Eine junge Frau umarmt das Leben und trotzt der Vernichtung

Julia Windischbauer als Etty Foto: © Reiner Bajo

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»Etty«: Eine junge Frau umarmt das Leben und trotzt der Vernichtung

Amsterdam 1941: Die jüdische Intellektuelle Etty Hillesum besiegt ihre Ängste und erlebt eine große Liebe. Sie führt Tagebuch, das viele weltweit berührt. Nun ist es verfilmt worden

von Annette Birschel  12.05.2026 13:30 Uhr

Eine junge Frau radelt durch Amsterdam. Sie ist auf dem Weg zu einem Psychotherapeuten. Sie hofft, dass er ihr hilft, mit ihren Ängsten umzugehen. Es ist der Beginn einer intensiven Liebesbeziehung und einer inneren Wandlung, die am Ende zu einer dramatischen Entscheidung führt. Das alles geschieht in dem von den Deutschen besetzten Amsterdam 1941 bis 1943.

Die TV-Serie »Etty« erzählt zwei Jahre aus dem Leben der jüdischen Niederländerin Etty Hillesum. Die junge Intellektuelle führte von 1941 bis 1943 Tagebuch. Schließlich geht sie freiwillig ins Deportationslager Westerbork, um anderen Juden zu helfen. 1943 wird sie gemeinsam mit ihrer Familie im deutschen Konzentrationslager Auschwitz ermordet – sie ist 29 Jahre alt.

Erst knapp 40 Jahre nach ihrem Tod wurden die Tagebücher gebündelt veröffentlicht und erlangten weltweiten Erfolg. Bis heute sind sie in 22 Sprachen übersetzt worden, in Deutschland unter dem Titel »Das denkende Herz«.

»Atemlos gelesen«

Die deutsch-französisch-niederländische Koproduktion basiert auf Ettys Tagebuch. Für ihn sei es ein wichtiges Buch, sagte der israelische Regisseur Hagai Levi bei der Premiere von »Etty« im vergangenen Jahr beim Filmfestival von Venedig. »Nachdem ich es atemlos gelesen hatte, fühlte ich, dass ich etwas gefunden hatte, über das ich den Rest meines Lebens reden könnte.«

Levi erzählt weniger die Lebensgeschichte der jungen Frau als ihre spirituelle Entwicklung vor dem Hintergrund der immer bedrohlicheren Judenverfolgung. Die Niederlande waren von 1940 bis 1945 von Deutschland besetzt. Rund 102.000 Jüdinnen und Juden waren in dieser Zeit ermordet worden.

Spirituelle Reise

Die österreichische Schauspielerin Julia Windischbauer (»Callas«) ist Etty und zeigt eindrücklich die inneren Konflikte, Zweifel und Ängste der jungen Frau. Und das ist nicht einfach, denn es geht vor allem um eine innere Entwicklung. »Eine spirituelle Reise«, wie Windischbauer sagte.

Die Schauspielerin lernte in kurzer Zeit so gut Niederländisch, dass sie nicht nur scheinbar mühelos zwischen den Sprachen jongliert. Sie liest auch die sehr dichten philosophischen Tagebuchtexte so glaubhaft, als hätte sie sie selbst gerade geschrieben.

Liebesbeziehung zum Therapeuten

Im Mittelpunkt der Serie steht die Liebesbeziehung zwischen Etty und dem Psychiater Julius Spier (Sebastian Koch). Der viel ältere Spier ist ein aus Deutschland geflohener Jude und Schüler des Psychoanalytikers C. G. Jung. Er verknüpft die Psychotherapie mit Handlesen und regt Etty zum Tagebuchschreiben an.

Koch (»Das Leben der Anderen«) spielt diesen sehr charmanten und charismatischen Therapeuten, der ebenso wie die junge Frau unter der zunehmenden Verfolgung leidet. Er bringt Etty dazu, das Leben und sich selbst zu umarmen. Und doch: Am Ende entscheidet sie sich dafür, dem sicheren Tod entgegenzugehen.

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Amsterdam von heute

Das alles geschieht nicht etwa vor der Kulisse von Amsterdam der 1940er Jahre, sondern von heute. Zwar ohne Internet und Handys, aber Etty trägt Jeans, und am Ende steigt sie in den modernen blaugelben Zug der niederländischen Eisenbahn, der sie nach Westerbork ins Deportationslager bringt.

Die Verfolgung der Juden wird subtil und sehr bedrückend ins Bild gebracht, ohne brutale körperliche Gewalt, fast ohne Uniformen. Erst hängen überall Zettel mit der Aufschrift »Für Juden verboten«. Etty darf nicht mehr studieren. Dann müssen Juden ihre Fahrräder abgeben. Eine bedrückende Szene, wie eine endlose Reihe von Menschen durch die Stadt radelt – schweigend – zum Depot weit draußen. Ab jetzt müssen Juden laufen. Im Hintergrund hört man immer bedrohlicher Flugzeuge, Befehle, Explosionen.

Zeitlose Botschaft

Regisseur Levi will mit dieser Kulisse von heute das Zeitlose von Ettys Botschaft unterstreichen. Eine Geschichte über den Holocaust, müsse man »in einer neuen Sprache erzählen«, sagte er bei der Premiere. »Hillesums Gedanken sind für die heutige Welt zu dringlich, als dass sie an die Geschichte gebunden bleiben dürfen«.

Angesichts der aktuellen Krisen sieht er eine Botschaft der Hoffnung. »In dieser Zeit des Krieges und des Hasses glaube ich, dass das Mitgefühl und das Vertrauen, das sie in ihren Worten – die vor mehr als achtzig Jahren geschrieben wurden – zum Ausdruck bringt, wichtiger sind denn je«.

»Was würde ich tun?«

Auch für Sebastian Koch ist die Geschichte von Etty sehr bewegend. Angesichts der heutigen Krisen, der internationalen Bedrohungen von Recht und Demokratie seien ihre Fragen sehr aktuell, sagte der Schauspieler der Deutschen Presse-Agentur in Amsterdam. »Die Geschichte berührt einen, und man stellt sich die Frage: Was würde ich machen in so einer Situation? Gibt es etwas, das größer ist als mein Leben?«

»Etty«: Streamingstart bei Arte am 13.5., TV-Ausstrahlung bei Arte am 21. und 28. Mai 2026

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