»Schreibt man ›Ping-Pong‹ mit Bindestrich oder ohne?«, fragt meine Mutter, während ihr Zeigefinger unentschlossen über ihrem iPad kreist. Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern in Stuttgart, sitze auf dem Balkon, und meine Mutter schickt gerade eine böse Mail an den Vermieter. »Ping-Pong mit Bindestrich«, antworte ich. »Und Pong großgeschrieben?«, fragt meine Mutter.
Ich atme tief durch und starre an unsere Balkondecke, an der unser Ping-Pong-Ball-großes Problem hängt … Klein, rund und bräunlich, hatte ich es vor einigen Tagen fachmännisch als einen Schmetterlings- oder Falter-Kokon diagnostiziert. Und zwar einen leeren Kokon, mit einem kleinen schwarzen Loch unten, aus dem die kleinen Schmetterlinge (oder wer auch immer die Ursprungs-Kokon-Bewohner waren) bereits ausgeflogen sein mussten.
Aber dann war meine Mutter kurz entschlossen auf eine Leiter geklettert und hatte ein Foto geschossen, das sie sogleich in ihre Online-Suchmaschine einspeiste. Mein Vater las das Suchergebnis laut vor: Es handele sich keineswegs um einen leeren Kokon, sondern um ein Wespennest, das noch »in der Aufbauphase befindlich und größtenteils leer« sei, so stand es auf dem Handy-Bildschirm.
»Okay, ich hole einen Besen, steige auf die Leiter, und schieße das Ding wie einen Golfball in den Garten!«
»Na dann, weg damit«, meinte ich. »Neinneinnein«, entgegnete mein Vater und dozierte weiter, »im Wespennest befinden sich momentan nur die Wespenkönigin und ihre Eier … einige Hundert bis 1000!« »Okay, ich hole einen Besen, steige auf die Leiter, und schieße das Ding wie einen Golfball in den Garten!«, bot ich an. »Und wenn es jemandem auf den Kopf fällt, dann hat er die Haare voller Wespen-Eier! Igitt!«, meinte meine Mutter.
»Wespen«, belehrte uns mein Vater, »stehen in Baden-Württemberg unter Naturschutz! Wusstet ihr nicht, oder? Wer ein Wespennest eigenhändig beseitigt, dem droht eine Geldstrafe von nicht weniger als 200 Euro, steht da! Seht mal hier, die Online-Broschüre: ›Mit Wespen und Hornissen leben‹. Die empfehlen, einfach den Herbst abzuwarten, bis alle Wespen geschlüpft und ausgeflogen sind.«
Mein Vater ist zunehmend begeistert von seinem Online-Wissen und dem neuen Abenteuer »Wespennest«. Meine Mutter erwägt, das kleine Ping-Pong-Nest einfach nachts im Dunkeln, still und heimlich, mit unserem Gartenschlauch zu ersäufen. Mein Vater warnt vor den Nachbarn von gegenüber, die doch immer alles mitbekämen und beispielsweise unsere mangelhaften Mülltrennungs-Aktivitäten vor dem Container des Öfteren mit einem Feldstecher überwachten.
Meine Mutter kapituliert seufzend und informiert nun also den Vermieter, der einige Tage später einen Kammerjäger vorbeischickt, der das Wespennest vorsichtig entfernt, um die lieben kleinen Tierchen in einem nahe gelegenen Wald in die Freiheit zu entlassen. Kosten: 300 Euro. Mensch, bin ich froh, dass ich in Antwerpen wohne. Mit einer wunderschönen Aussicht auf den nur acht Kilometer entfernten Binnenhafen und die dort angesiedelte Petrochemie, die der Antwerpener Luft diesen gewissen Benzin-Beigeschmack verleiht und Bienen, Wespen, Schmetterlingen und anderem Getier von Anfang an einfach keine Chance lässt.