Film

Die Entwirrung der UNRWA

Eine provisorische UNRWA-Unterkunft in Gaza-Stadt am 20. Januar 2026. Foto: picture alliance / SIPA

Die Doku Unraveling UNRWA erzählt in 115 Minuten die Geschichte des UN-Hilfswerks für die Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten. Im Zentrum dieser außergewöhnlichen Fernsehdokumentation steht ein zentrales Ziel der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East): die Rückkehr der Geflüchteten. Auch die Bildungsaufträge und schließlich die engen Verbindungen zu Terrorgruppen des 7. Oktober 2023 bilden filmische Schwerpunkte.

Die Dokumentation ist für 14 Tage online ausschließlich auf der Seite der BILD-Zeitung zu sehen. Es ist verdienstvoll, diesen Film einem breiten Publikum zur Verfügung zu stellen, und irritierend, dass der Film nicht in einem großen Fernsehprogramm läuft. Die BILD-Zeitung behauptete medienwirksam, es habe Absprachen zwischen der Produktionsfirma und der ZDF-Redaktion des Kultursenders ARTE gegeben. Das ZDF weist dies entschieden zurück. Es habe lediglich einen Vorschlag gegeben, aber weder einen Auftrag noch Vorverträge; Gelder seien nicht geflossen. Die Darstellung der BILD sei fehlerhaft.

Renommierte Produktionsfirma

Fest steht: Die Dokumentation hätte einen Sendeplatz in einem öffentlich-rechtlichen Programm verdient, zumindest eine längere Verfügbarkeit in einer Mediathek. Filme der Produzenten »beetz brothers« stehen für hohe Qualität; der Grimme-Preis und eine Oscar-Nominierung belegen dies. Die Produktionsfirma mit Sitz unter anderem in Hamburg und Berlin realisiert viele politische Dokumentationen für ARD und ZDF, auch zu Nahost.

Ob die verantwortlichen Redakteure den Vorschlag abgelehnt haben, weil die Dokumentation die humanitären Verdienste der UNRWA zwar aufzeigt, das Flüchtlingswerk von israelischen und arabischen Experten aber hart kritisieren lässt, wird sich nicht klären. Auch ob die Unterstützung dieser deutsch-israelischen Koproduktion unter anderem durch das israelische Kulturministerium Befremden ausgelöst hat, ist nicht bekannt.

Flüchtlinge schnellstmöglich integrieren

Der Film ist sachlich und ausgewogen recherchiert, aber er benennt deutlich die Verantwortungslosigkeiten arabischer Politiker im Umgang mit den Flüchtlingen und die politische Instrumentalisierung des Flüchtlingshilfswerks.

Die Dokumentation hätte einen Sendeplatz in einem öffentlich-rechtlichen Programm verdient.

Ein Vergleich hilft: In Europa flohen 1945 allein aus den deutschen Ostgebieten 14 Millionen Menschen. Auch die Überlebenden der Schoa mussten versorgt werden. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat versucht, die Flüchtlinge so schnell wie möglich an ihren neuen Wohnorten zu integrieren. Ebenfalls Anfang der 50er-Jahre richteten die Vereinten Nationen mit der UNKRA ein Hilfswerk für Flüchtlinge des Korea-Kriegs ein. 3,1 Millionen Menschen mussten betreut und verpflegt werden. Das geschah mit einem Drittel des UNRWA-Budgets aus dieser Zeit und war innerhalb weniger Jahre abgeschlossen, so die Autoren Adi Schwartz und Einat Wilf in ihrem Buch The War of Return (2020).

UNRWA-Ausweis zerrissen

Nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 befanden sich deutlich weniger Menschen auf der Flucht. Schwartz und Wilf nennen eine Zahl von rund 350.000 arabischen Flüchtlingen; die Vereinten Nationen gehen von etwa 700.000 aus. Für sie wurde die zunächst auf ein Jahr befristete UNRWA gegründet.

Die Zahl der zu betreuenden Flüchtlinge ist mittlerweile auf sechs Millionen angewachsen, der Flüchtlingsstatus wird vererbt. Eine problematische Geisteshaltung.

Anders als die Hilfsprogramme für andere Flüchtlingsgruppen besteht die Organisation bis heute – inzwischen seit 77 Jahren. Die Zahl der zu betreuenden Flüchtlinge ist mittlerweile auf sechs Millionen angewachsen, der Flüchtlingsstatus wird vererbt. Eine problematische Geisteshaltung, so Mohammad Dawjani Dawudi, der aus einer alteingesessenen arabischen Familie stammt und dessen Großeltern aus West-Jerusalem geflohen sind. »Wer in ein Abhängigkeitsverhältnis hineinwächst, wird es nicht mehr los.« Sein Großvater zerriss einst den UNRWA-Ausweis, um sich mit seiner Familie ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.

Ein Synonym für Recht auf Rückkehr

Mehrere ehemalige leitende UNRWA-Mitarbeiter bestätigen, das Versprechen auf Rückkehr habe das UNRWA-Mandat über Jahrzehnte manifestiert. Das Hilfswerk leitete die Schulen in den Camps und bildete vor allem Handwerker, Ärzte und Lehrer aus, die später in der Golfregion Arbeit fanden. Vor und nach dem offiziellen Unterricht erhielten die Kinder Propagandastunden. »Wir werden niemals aufgeben. Jerusalem ist unser. Wir tränken unsere Heimat mit unserem Blut.« Fünfjährige werden bei paramilitärischen Ausbildungen gezeigt.

Einat Wilf verweist darauf, dass nahezu alle Mitglieder der Terrorgruppe »Schwarzer September«, die 1972 israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München ermordete, UNRWA-Schulen besucht hätten.

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Die UNRWA, so der Politikwissenschaftler Jalal Al Husseini vom French Institute of Middle East Studies in Amman, sei ein Synonym für das Recht auf Rückkehr. Darauf pochte die PLO ebenso wie heute die Palästinensische Autonomiebehörde und viele arabische Funktionäre. Es macht alle politischen Lösungen nahezu unmöglich.

Verflechtung von UNRWA und Terror

Das Massaker des 7. Oktober erscheint unter diesem Aspekt als eine fast logische Folge: Die Terroristen auf ihren Motorrädern meinten, ihr eigenes Land zurückzuholen. Eine Szene der Doku zeigt, wie ein erschossener Israeli auf dem Asphalt liegt, ein UNRWA-Mitarbeiter im UN-Auto anhält und die Leiche nach Gaza verschleppt. Dieser Moment, im Video festgehalten, zeigt die Verflechtung zwischen UNRWA und Terror besonders krass.

Ein einseitiger Film? Sicher nicht, aber ein durchaus UNRWA-kritischer. Weitere heikle Themen wären das Missmanagement und die Veruntreuung von Hilfsgeldern gewesen, die sich am Beispiel des ehemaligen UNRWA-Generalkommissars Pierre Krähenbühl manifestierten. Er musste aus diesem Grund 2019 nach einer internen Untersuchung zurücktreten. Regisseur Duki Darwish Dror verzichtet jedoch darauf, diesen Themenkomplex zu vertiefen. Auch deshalb bleibt der Film ausgewogen. Jeder politisch Interessierte sollte ihn anschauen.

Die Autorin ist freie Journalistin und war viele Jahre als Redakteurin für den Hörfunk in der ARD tätig.

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