Manchmal sagen mir Menschen: »Sarah, kannst du bitte mal aufhören, nur über Israel zu sprechen? Kannst du bitte mal aufhören, über Antisemitismus zu sprechen? Wir können es nicht mehr hören.« Glauben Sie mir: Nichts würde ich lieber tun.
Ich würde so gerne aufhören, darüber nachzudenken, darüber zu sprechen, die Menschen immer wieder mit dieser alten, ungelösten Frage zu konfrontieren. Aber das Problem ist: Wir leben in einer Zeit, in der dieser alte Hass, diese alte Menschenverachtung wieder laut, sichtbar, stolz und ohne Scham durch Europas Straßen marschiert. Nur diesmal nicht mit Stiefeln und Hakenkreuzen. Sondern mit Palästina-Flaggen.
Nicht mit dem offenen Satz: »Wir hassen Juden.« Sondern mit der Behauptung, man sei doch nur gegen diese angeblich bösen »Zionisten«. Doch am Ende trifft dieser Hass auf Israel immer auch Juden. Und er erklärt Juden wieder zu Freiwild.
Ein Video, das seit einigen Tagen auf X kursiert, zeigt eskalierende Szenen vor der Biennale in Venedig. Bei Protesten gegen den israelischen Pavillon kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und italienischer Bereitschaftspolizei. Die Demonstrierenden versuchten, in Richtung des Biennale-Eingangs zu marschieren, wurden jedoch von Polizeiketten gestoppt und zurückgedrängt.
Auf den Aufnahmen hört man Menschen »From the river to the sea« rufen, während schwer bewaffnete Beamte versuchen, die aufgebrachte Menge unter Kontrolle zu halten.
Warum sind diese Menschen so wütend? Weil ein Jude aus Israel in Venedig seine Kunst zeigt. Konkret geht es um den jüdisch-israelischen Künstler Belu-Simion Fainaru, der Israel auf der Biennale repräsentiert. Seine Kunst ist keine politische Propaganda. Kein Manifest. Kein Regierungsprogramm. Und dennoch wird er zur Zielscheibe, weil über diesem Pavillon Israel steht.
Die Biennale von Venedig ist eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt. Eigentlich sollte sie für Begegnung stehen, für Dialog, für Kunst jenseits nationaler Engführungen.
Doch ausgerechnet dort wird ein jüdischer Künstler nicht mehr als Künstler gesehen, sondern als Stellvertreter eines Staates, als Projektionsfläche, als Feindbild.
Dasselbe Muster sehen wir beim Eurovision Song Contest. Auch dort geht es längst nicht mehr nur um Musik. Wieder forderten unlängst tausende Künstler und Aktivisten den Ausschluss Israels, den Juden unter den Staaten. Wieder lautet die Botschaft: Ihr dürft hier nicht auftreten. Ihr dürft nicht gesehen werden. Eure bloße Teilnahme ist ein Skandal. Das ist die Logik des Ausschlusses.
Auch bei einem Benefizkonzert für die Opfer des antisemitischen Terroranschlags am Bondi Beach in Sydney zeigte sich dieses Muster. Das Konzert sollte Geld für die Familien der Opfer sammeln. Am Ende wurde es abgesagt, weil sich Musiker weigerten, gemeinsam mit einem jüdischen Ensemble aufzutreten.
Wenn sogar ein Benefizkonzert für jüdische Terroropfer daran scheitert, dass Menschen nicht mit Juden gemeinsam Musik machen wollen, dann hat das nichts mehr mit «Israelkritik» zu tun. Dann ist das Hass auf Juden. Punkt.
Der Hass auf Israel sitzt bei manchen inzwischen so tief, dass sie gar nicht mehr merken, wann sie selbst zu Antisemiten werden. Sie nennen es Gerechtigkeit. Sie nennen es Kampf für die Freiheit. Sie nennen es Menschlichkeit. Aber was sie praktizieren, ist Ausschluss und Isolation.
So beginnt es. Nicht sofort mit dem Satz: Wir müssen sie alle töten. Sondern viel früher. Mit Sätzen wie: Kauft nicht bei ihnen. Sprecht nicht mit ihnen. Ladet sie nicht ein. Druckt sie nicht. Hört ihnen nicht zu. Gebt ihnen keine Bühne. Zeigt ihnen, dass sie nicht dazugehören.
Nach dem 7. Oktober hat sich eine Propagandamaschinerie in Bewegung gesetzt, deren Gehirnwäsche sich wie eine Pandemie in Europa ausgebreitet hat. Ein Massaker von unfassbarer Grausamkeit - das größte Massaker an Juden seit der Shoah - verübt von Hamas-Terroristen und palästinensischen Arabern.
Verschleppte Geiseln. Vergewaltigte Frauen. Verstümmelte Menschen. Ein kollektives Trauma des jüdischen Volkes. Israel wurde ein Krieg aufgezwungen gegen Terrororganisationen und Islamisten, die nicht nur Israel bedrohen, sondern auch jene Werte, auf die Europa sich so gerne beruft: Freiheit, Demokratie, Menschenwürde, Frauenrechte.
Und dennoch hat es die Welt irgendwie geschafft, Israel zum Täter zu erklären. Israelis zu Mördern. Juden zu Verdächtigen. Aus Opfern wurden Angeklagte. Aus Selbstverteidigung wurde Verbrechen. Aus jüdischer Sichtbarkeit wurde Provokation.
Das ist die eigentliche Schande unserer Zeit: eine fatale Täter-Opfer-Umkehr, die antisemitisch motivierte Mordlust als Widerstand verklärt, während jüdische Selbstverteidigung unter Verdacht gerät.
Man fragt sich so oft: Wie konnte das damals geschehen? Warum haben so viele geschwiegen? Warum haben sie weggesehen? Warum haben sie mitgemacht? Aber es geschieht wieder vor unseren Augen. Menschen werden erneut ausgeschlossen, isoliert, entwürdigt. Wieder sucht man nach Vorwänden, um Judenhass auszuleben. Und die meisten bemerken es nicht einmal.
Eine Freundin von mir besitzt in Berlin einen Friseursalon. Vor einigen Wochen erzählte sie einer deutschen Kundin, dass sie Jüdin sei und inzwischen praktisch mit ihrer Familie auf gepackten Koffern lebe, weil die Stimmung in Deutschland so bedrohlich geworden sei.
Die Kundin antwortete: «Ist der Antisemitismus wirklich so schlimm? Das ist mir gar nicht aufgefallen.» Dieser Satz beschreibt unsere Gegenwart ziemlich genau. Es fällt nicht auf, wenn es einen selbst nicht betrifft. Man kann wegsehen. Man kann es ignorieren. Man kann weiterleben, während andere anfangen, wieder ihre Koffer zu packen.
Der moderne Antisemitismus kommt heute oft aus Milieus, die sich selbst für besonders gerecht, progressiv oder antirassistisch halten. Er kommt aus Teilen der Linken, aus muslimisch geprägten Milieus, aus dem Kulturbetrieb, von den Universitäten und natürlich existiert er weiterhin auch rechts. Aber entscheidend ist nicht nur, wer schreit.
Entscheidend ist auch, wer schweigt. Wegsehen, Ignorieren, Nicht-wahrhaben-Wollen, Nicht-darüber-Sprechen - all das gehört zum Gesamtbild dazu. All das macht diesen Hass möglich.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir es später wieder bedauern werden. Das werden wir. Die entscheidende Frage ist, ob wir jetzt bereit sind hinzusehen. Bevor wir erkennen müssen, dass «Nie wieder» nicht an fehlender Erinnerung gescheitert ist, sondern daran, dass wir die Gegenwart nicht ernst genommen haben.