Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images

Eine Zeitmaschine habe ich mir schon als Kind gewünscht. Nicht eine, die mich in ferne Jahrtausende katapultiert. Vielmehr eine, die so funktioniert, dass sie mich in die nahe Vergangenheit bringt und von dort wieder zurückholt. Ein paar Jahre, Jahrzehnte, vielleicht noch etwas mehr. Die Beschäftigung mit der Zukunft hatte mich nicht wirklich interessiert. Irgendwie löste der Gedanke an die Zukunft sogar etwas Beängstigendes aus, sodass ich ihn besser beiseite schob.

Es war tatsächlich der Blick in die Vergangenheit, der eine große Faszination auf mich ausübte und mich ebenso beschäftigte. Stundenlang konnte ich mir die schwarz-weißen Fotos meiner Eltern und Großeltern ansehen. So stumm die Bilder waren, so spannend erzählten ihre Protagonisten darauf ihre Geschichten, verwandelten sich in Farbe. Ich stellte mir vor, wie die Stimmen dieser jungen Menschen, die ich nur alt oder gar nicht mehr kannte, klingen würden.

Das Lachen der Kinder von damals

Ich fragte mich, worüber sie gerade gesprochen hatten, bevor das Bild ausgelöst wurde, und ob die Punkte auf dem »grauen« Kleid wirklich weiß oder vielleicht auch gelb waren. Das Lachen der Kinder von damals auf diesen kleinen DIN-A8-Formaten mit weißem Rand, manchmal gewellt, war mit Sicherheit gleich laut wie dasjenige, das ich aus meiner eigenen Gegenwart kannte.

Natürlich leuchtete der Himmel von damals auch blau, natürlich zwitscherten die Vögel im Frühling wild, und vermutlich waren die Pfirsiche im Sommer sogar süßer als heute.

Aber in meinem Kopf blieb dieses Fragezeichen, ob denn wirklich alles so wie »heute« war. Natürlich leuchtete der Himmel von damals auch blau, natürlich zwitscherten die Vögel im Frühling wild, und vermutlich waren die Pfirsiche im Sommer sogar süßer als heute. Diese Informationen konnte aber kein Bild der Welt einfangen. Für kurze Zeit nach damals zu gehen, um die Lage abzuchecken, wäre also eigentlich die Lösung gewesen.

Später professionalisierte sich meine Beschäftigung mit der Vergangenheit, ich studierte Geschichte. In Epochen umherzuspringen, hatte nichts Spielerisches mehr, wenngleich es nach wie vor ein sehr reizvoller Gedanke ist, dem Mittelalter oder dem 19. Jahrhundert einen Besuch abzustatten.

Algorithmen des Netzes und neue Kombinationen auf dem Silbertablett

Ein wenig Abhilfe, so seltsam das anmutet, leisten heute KI-generierte Zeitraffer. Ich bleibe jedes Mal an ihnen hängen, wenn die Algorithmen des Netzes mir neue Kombinationen auf dem Silbertablett servieren. Es erschreckt und fesselt mich zugleich, wenn man in halbminütigen Videos Zeuge davon wird, wie sich die Welt in 100, 200 oder 1000 Jahren verändert hat: von der ursprünglichen Waldlandschaft einer Halbinsel namens Mannahatta zur pulsierenden Metropole New York oder der Besiedelung Lutetias bis zur Vergrößerungsmaßnahme Georges-Eugène Haussmanns ins vermeintlich heutige Paris oder vielleicht auch nur der Wandel der Mode seit dem Rokoko.

Während ich zusehe, wie Jahrhunderte in einer halben Minute vergehen, wird mir bewusst, dass die Zeitmaschine meiner Kindheit womöglich längst existiert. Nicht als technische Apparatur, sondern als tatsächliche Fähigkeit, aus realen Quellen der Vergangenheit Geschichte entstehen zu lassen. So erzählt das vergilbte Foto von früher gestochen scharf, wie die Welt von damals war.

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