Geburtstag

Mit exaktem Blick – Dagmar Nick zum 100. Geburtstag

Gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen nach 1945: Dagmar Nick Foto: Christian Rudnik

Ein Satz, derart charmant und witzig, dass es Applaus im Alten Rathaus gibt. »Sie wissen gar nicht, was das für mich bedeutet«, sagt Dagmar Nick und meint – in erster Linie nicht den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München, der ihr gerade überreicht wurde. Sondern die Erdbeer-Marmelade vom Viktualienmarkt, die Kulturreferent Marek Wiechers ihr zudem mitgebracht hat. Am 30. Mai feierte die Lyrikerin ihren 100. Geburtstag. Und da sie etwas unsicher auf den Beinen ist, kann sie nicht mehr selbst von ihrem Zuhause im Münchner Westen in die Altstadt fahren, um die geliebte Konfitüre zu besorgen.

Geboren wurde Nick 1926 in Breslau. Ihre Mutter, die Sängerin Kaete Jaenicke, kam aus angesehenem jüdischem Haus; Vater Edmund Nick war Komponist. Den Nationalsozialisten galt die Tochter als »Mischling«. Die Familie zog nach Berlin und floh von dort über Böhmen nach Bayern, wo sie Anfang 1945 unterkam. Nach Kriegsende schrieb Nicks Vater für »Die Neue Zeitung«, deren Feuilletonchef Erich Kästner war. Er publizierte im Oktober 1945 das Gedicht »Flucht« der 19-Jährigen; es machte sie sofort bekannt.

Das Besondere an Gedichten wie »Flucht« oder »Belsen 1954« ist, dass sie »nie pädagogisch« seien, bringt es die Autorin Lena Gorelik bei einer Lesung zu Ehren der Jubilarin auf den Punkt. Die Texte präge die »Gleichzeitigkeit des genauen Benennens dessen, was ist. Und zugleich dem Suchen nach Dingen, die nicht in der Zeitung stehen.« Im Zentrum von Nicks Werk steht die Lyrik. Doch dürfen ihre Prosa-Arbeiten nicht vergessen werden, etwa die Auseinandersetzung mit mythologischen Frauenfiguren. Oder ihr jüdisches Familienalbum »Eingefangene Schatten«. Gewissenhaft recherchiert und wunderbar erzählt betreibt sie hier Identitätssuche mithilfe der Literatur. Ausgangspunkt ist Moses Spanier, ihr ältester dokumentierte Ahne, ein Sepharde, der um 1550 in Hamburg zur Welt kam.

In ihren jüngsten Gedichten setzt sich Dagmar Nick mit der Endlichkeit auseinander: exakt, mit leiser Ironie, doch nie empathielos. In einem besonders berührenden Text wendet sie sich ans eigene Herz: »daß du nun still bist in Erwartung/ des letzten Befehls: deine Schotten/ dicht zu machen, um mit mir/ die Stellung zu räumen und vielleicht/ über unsere Verwandlung/ noch eine zuckende Erdsekunde/ zu staunen«. Bis dahin allerdings ist noch viel Zeit.

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