Glosse

Der Rest der Welt

Einfach mal so gar nichts tun Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Sommerfrische ist ausgestorben. Sie ist nicht mehr unter uns. Viele kennen sie schon gar nicht mehr, weil sie nur noch eine zur Nostalgie verkommende Worthülse ist, die von Weitem an literarische Touristen aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Denn Hand aufs Herz: Wer macht noch Urlaub auf gestreiften unbequemen Liegestühlen, knarzenden Holzveranden und sieht Menschen vor sich, die nachmittags ein Buch lesen, ohne dabei gleichzeitig ihre Schrittzahl zu kontrollieren oder im Fünfminutentakt die Chatprotokolle durchzugehen. Man könnte ja eine Nachricht verpassen. Dass vertiefte Lektüre damit zur Herausforderung, ja beinahe zur Qual wird, ist dabei die logische Konsequenz.

Heute bucht man denn auch lieber ein Retreat. Oder macht eine Detox-Woche, vielleicht irgendwo als »Coolcation« in den Bergen, selbstverständlich mit den besten Hightech-Klamotten ausgerüstet. Urlaub heute soll schließlich entschleunigen, inspirieren und vielleicht sogar noch die eigene Persönlichkeit weiterentwickeln. Aber wenn das neueste Rezept für Sauerteigbrot und die schönsten Foodporn-Fotos mit im Gepäck nach Hause kommen – wobei, die wurden ja bereits vorher verschickt oder gepostet –, hat sich der Urlaub gelohnt.

Bullerbü für große Kinder und kleine

Damit hat dieser wunderbar altmodische Begriff der Sommerfrische ausgedient. Man stelle sich einmal vor: Das schöne Wetter und der Sommer waren einfach da – und das genügte. Man wusste um Farbe und Höhe des hochsommerlichen Grases. Wer sprach denn davon, »das Beste aus dem Sommer herauszuholen«?

Der schöne Kinderroman Die Turnachkinder im Sommer könnte diesen verkannten sommerlichen Zustand des Status quo nicht besser beschreiben. Eine Bullerbü-Geschichte der ersten Stunde, geschrieben 1906 von Ida Bindschedler, einer Züricher Autorin, die in diesen Text ihre eigenen Kindheitserinnerungen einfließen ließ. Um der glühenden Hitze der Stadt zu entkommen, zog die ganze Familie für die Sommerfrische ins Sommerhaus, das direkten Seezugang hatte. Der Sommer stand für Ruhe, gar für Routine. Auch Thomas Mann und Stefan Zweig schickten ihre Figuren in Kurorte und ließen sie an Seepromenaden flanieren. Und Joseph Roth wusste, dass man in einem Kaffeehaus manchmal weiter reist als mit jedem Zug. Heute hingegen reisen Romanfiguren bevorzugt in Achtsamkeitsresorts oder auf Inseln, auf denen garantiert ein Familiengeheimnis darauf wartet, gelüftet zu werden.

Vielleicht liegt darin der Unterschied zwischen damals und heute: Früher reichte das Wort Sommerfrische beinahe als Abkühlung – neben einem guten Zitroneneis. Vielleicht sollten wir also das alte Wort wiederbeleben. Es verdient eine zweite Chance. Gewiss nicht als Tourismuskonzept, sondern als Lebenshaltung, weil ein wenig Sehnsucht nach verlorener Normalität mitschwingt. Aber auch nicht aus nostalgischer Verklärung, sondern als kleine Erinnerung daran, dass Erholung kein Leistungsnachweis ist. Dass man verreisen darf, ohne sich selbst zu finden. Sommerfrische verlangte nämlich nichts. Sie stellte nur eine bescheidene Bedingung: Bleib eine Weile.

Das ist doch der eigentliche Luxus. Nicht das Fünf-Sterne-Retreat oder das Familienhotel mit Rundum-Betreuung, sondern drei Wochen am selben Ort. Genug Zeit, um die Bäckerei beim Namen zu kennen, den Kellner wiederzuerkennen und das Buch tatsächlich bis zur letzten Seite zu lesen, anstatt es zu fotografieren.

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