Kwod Harabanim, sehr geehrter Herr Botschafter Prosor, stellvertretend für alle Vertreter des diplomatischen Korps, sehr geehrte Staatssekretärinnen Frau Connemann und Frau Ludwig, stellvertretend für alle Mitglieder der Bundesregierung, sehr geehrte Frau Preisler als Trägerin des Paul-Spiegel-Preises, sehr geehrte Ehrengäste, sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages, sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Mansour, ich freue mich, dass wir auch Sie später auf der Bühne sehen werden, und natürlich: sehr geehrter Herr Nuhr, verehrte Familie und Freunde von Herrn Nuhr,
ich möchte Sie alle herzlich zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises 2026 begrüßen.
Bevor wir fortschreiten, möchte ich diese Begrüßung nutzen, um einen weiteren Gast herzlich zu begrüßen: Lieber Felix Klein, nach mehr als acht Jahren im Amt verlassen Sie im August Berlin und das Amt des Antisemitismusbeauftragten des Bundes. Ich möchte Ihnen für Ihr Engagement und für die Zusammenarbeit danken. Wenn auch nicht mehr in offizieller Funktion, so werden Sie dem Zentralrat der Juden auch in Zukunft stets herzlich willkommen sein.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
»Keine Juden erlaubt.« Ein israelischer Gast fragt nach einem Hotelzimmer und erhält diese Antwort. Heute und hier, in Deutschland.
Dieser Satz hat eine Geschichte. Eine deutsche Geschichte. Der Historiker Frank Bajohr hat sie erforscht und unter dem Titel »Unser Hotel ist judenfrei« beschrieben. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die vom Antisemitismus so durchdrungen ist, dass »judenfrei« als Prädikat gilt, um für sein Hotel, seinen Kur- oder Urlaubsort zu werben.
Diese Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert. Jahrzehnte vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten ist Judenhass in der deutschen Gesellschaft kein Tabu, sondern vielerorts eine Selbstverständlichkeit.
»Keine Juden erlaubt.« Ein Hotel in Bayern.
»Juden haben hier Hausverbot«. Ein Geschäft in Flensburg.
»Israelische Bürger sind in diesem Lokal nicht willkommen.« Ein Restaurant in Fürth.
Alles innerhalb der letzten 12 Monate.
Das Hausverbot für Juden kommt wieder in Mode. Es verrät viel – nicht nur über die Person, die dieses Hausverbot ausspricht. Sondern auch über seine Umgebung und über die Gesellschaft. Wie sicher muss man sich fühlen, um sich die Ausgrenzung von Juden nicht nur zu wünschen, sondern sie selbst in die Tat umzusetzen? Welches gesellschaftliche Klima muss herrschen, damit die Ausgrenzung von Juden akzeptabel erscheint?
Meine sehr geehrten Damen und Herren: Nicht der Antisemitismus ist auf dem Rückzug aus unserer Öffentlichkeit. Vielmehr ist es das jüdische Leben, das aus ihr verdrängt wird. Und je weniger jüdisches Leben in der Mitte unserer Gesellschaft stattfinden kann, desto ungehemmter beansprucht der Antisemitismus diesen Platz.
Was wir erleben, ist ein Prozess der Normalisierung des Judenhasses. Wer 2026 noch darauf beharrt, Antisemitismus habe »keinen Platz in unserer Gesellschaft«, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit. Der Judenhass – immer häufiger unter dem Deckmantel des sogenannten »Antizionismus« und so vorgeblich nur gegen den jüdischen Staat gerichtet – hat sich diesen Platz längst genommen. Auf unseren Straßen, in unseren Schulen und Hochschulen, in der Kunst- und Kulturszene. Und in unseren Medien.
Der Hass auf Israel ist von den Rändern kommend in die Mitte unserer Gesellschaft eingesickert.
Letzte Woche ist Deutschland mit seiner Bewerbung für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat gescheitert. In den Medien war zu lesen, dies liege an der deutschen Haltung zu Israel. Wer sich international zum israelischen Staat bekenne, müsse die Konsequenzen tragen.
Die Haltung zu Israel hat uns den Sitz im Sicherheitsrat gekostet? Den Sitz, den jetzt Österreich einnimmt, das seit langem durch seine entschlossene Positionierung im Sinne des israelischen Staates auffällt? Häufig, Sie gestatten mir diese Bemerkung, entschlossener als Deutschland selbst.
Nein, diese Erklärung offenbart nur eines: Die Obsession mit dem jüdischen Staat, die in unseren Medien so weit verbreitet ist.
Vor zwei Wochen hat die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bekanntgegeben, ihre ersten ausländischen Zweigstellen überhaupt in Deutschland zu eröffnen, in München und Leipzig. Die seit 1953 unabhängig arbeitende Gedenkstätte für die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen der Schoa will nach Deutschland kommen.
In das Land der Täter. In das Land, in dem laut einer Studie der Claims Conference fast jeder dritte junge Mensch heute den Namen »Auschwitz« nicht kennt. In dem jeder achte junge Mensch nicht weiß, was die Schoa überhaupt war.
Daraufhin war zu lesen, man solle sich hüten vor israelischer »Einflussnahme«. Es wurde gewarnt vor dem, ich zitiere »geschichtspolitischen Vorgehen der israelischen Regierung.«
Meine Damen und Herren, so weit ist es gekommen. So tief ist der Hass auf Israel von den Rändern kommend in die Mitte unserer Gesellschaft eingesickert. So sehr hat er den Diskurs vergiftet, dass selbst vor Bildungsarbeit gegen das Vergessen der Schoa gewarnt wird, wenn sie nur aus dem jüdischen Staat kommt. Diese gesellschaftliche Lage ist der Hintergrund, vor dem der Zentralrat der Juden in diesem Jahr den Leo-Baeck-Preis vergibt.
Leo Baeck sel. A. war ein halbes Jahrhundert lang eine prägende Figur des deutschen Judentums. Am 2. November jährt sich sein Todestag zum 70. Mal. Zeitlebens zeichnete ihn besonders sein Pluralismus, seine Offenheit für ganz verschiedene Positionen aus. Leo Baeck war ein überzeugter Deutscher, der als Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg diente, und die etwa 100.000 jüdischen Soldaten als Seelsorger betreute.
Gerne wollen uns einige absprechen, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Wir lassen uns aber nicht herausdefinieren.
Und Leo Baeck war, gerade in späteren Jahren, dem Zionismus sehr zugetan. 1951 erklärte er: »Ohne Israel zu bejahen, kann es keine jüdische Hoffnung geben.« Diese Haltung zu Deutschland und zu Israel prägt seit jeher auch das Wirken des Zentralrats der Juden.
Gerne wollen uns einige absprechen, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Wir lassen uns aber nicht herausdefinieren. Wenn wir, wie es in diesen Zeiten erneut der Fall ist, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden sollen, dann wehren wir uns mit allem, was uns zur Verfügung steht.
Zugleich stehen wir eng an der Seite Israels. Niemals wird die jüdische Gemeinschaft neutral oder gleichgültig zum Staat Israel stehen oder sich gar abwenden. Israel wurde zur Heimat für hunderttausende Juden, die auch nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa kein westliches Land aufnehmen wollte. Israel ist bis heute – trotz vieler kriegerischer Auseinandersetzungen – der sichere Hafen für viele Juden weltweit.
Je mehr Raum der Antisemitismus sich in unserer Gesellschaft greift, desto wichtiger wird diese Lebensversicherung. Und desto perfider werden die »antizionistischen« Anfeindungen. Man will Jüdinnen und Juden aus dieser Gesellschaft verdrängen und ihnen zugleich den global einzigen Zufluchtsort absprechen, den sie haben.
Um das Schweigen zu durchbrechen, erfordert es Mut. Leo Baeck verkörperte diesen Mut. Dieter Nuhr ebenso.
Die Geschichte, gerade auch die deutsche Geschichte, ist voll von Pogromen, jüdischer Entrechtung und Vertreibung. Wer vor diesem geschichtlichen Hintergrund, nach der Schoa, nun das Selbstbestimmungsrecht ausgerechnet und alleinig des jüdischen Volkes negiert, wer einzig und allein dem jüdischen Staat seine Existenzberechtigung abspricht, der betreibt keine legitime Kritik. Der verfolgt keine palästinensischen Interessen. Der lässt schlicht und ergreifend seinem Hass auf Juden freien Lauf.
Die zunehmende Normalisierung dieses Hasses fordert Entschlossenheit. Sie fordert Haltung. Politisch, aber insbesondere aus unserer Gesellschaft. Es ist längst nicht mehr ausreichend, an den einschlägigen Gedenktagen »nie wieder« zu sagen und den Rest des Jahres zu schweigen, wenn unsere Universitäten von Terrorismusverharmlosern besetzt werden, wenn jüdische Künstler zum Meineid gezwungen oder ausgeladen werden, wenn Juden in Restaurants, Geschäften oder Hotels Hausverbot erhalten.
Um das Schweigen zu durchbrechen, erfordert es Mut. Leo Baeck verkörperte diesen Mut. Den Mut, auch in der dunkelsten aller Zeiten für die Wahrheit einzustehen und dem Hass nicht das Feld zu überlassen. Obwohl er nach 1933 vielfach die Möglichkeit hatte, ins sichere Ausland zu fliehen, weigerte er sich. Er blieb bewusst bei seiner Gemeinde, um ihr als moralischer Anker beizustehen, selbst um den Preis seiner eigenen Deportation ins Ghetto Theresienstadt. Er ist nicht gewichen.
Wir zeichnen Sie heute nicht aus, um Ihren Humor oder die Zusammenstellung ihrer Programme zu prämieren. Sondern aus einem ganz anderen, viel wichtigeren Grund.
Um das Fundament unserer offenen Gesellschaft zu erhalten, ist genau diese Haltung – das bewusste ‚Nicht-Weichen‘ und das Einstehen für die Wahrheit – heute wieder gefordert. Gerade in den neuen Medien erleben wir seit Jahren eine Flut von Desinformationen, die den antizionistischen Hass in jeden Winkel unserer Gesellschaft spült. Es ist deshalb so fundamental wichtig, dass dem Hass auch und gerade in den Medien die Stirn geboten wird.
Und das, lieber Herr Nuhr, führt mich zu Ihnen.
Sie sind einer der bekanntesten Kabarettisten Deutschlands. Sie verfügen über eine Reichweite, über die nur wenige andere öffentliche Personen in unserer Gesellschaft verfügen. Aus dieser Reichweite folgt eine ebenso große Verantwortung. Mit Fug und Recht kann ich behaupten – ich denke, Sie würden über sich dasselbe sagen – dass Sie als Kabarettist streitbar sind.
Konsequent decken Sie die Doppelstandards auf, denen die deutsche Medienlandschaft beim Thema Israel und Nahost oftmals unterliegt.
Wir zeichnen Sie heute nicht aus, um Ihren Humor oder die Zusammenstellung ihrer Programme zu prämieren. Sondern aus einem ganz anderen, viel wichtigeren Grund. Es ist nicht die Aufgabe des Kabaretts, des politischen Humors, den Menschen zu gefallen. Es ist seine Aufgabe, die Menschen zu konfrontieren. Sie aufzurütteln, manchmal auch zu empören. Widerspruch auszulösen, vor allem aber: Reflexion über die eigenen Gedanken und Positionen zu ermöglichen. Auch wenn das manchem unangenehm ist.
Sie nutzen Ihre Reichweite, um genau das in Bezug auf Israel, in Bezug auf das Judentum zu tun. Konsequent decken Sie die Doppelstandards auf, denen die deutsche Medienlandschaft bei diesen Themen oftmals unterliegt. Sie treffen damit auch ihre Kollegen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie erregen viel Widerspruch, und bleiben doch standhaft, Herr Nuhr.
Damit werden Sie der Verantwortung, die sich aus Ihrer herausgehobenen Stellung in der Öffentlichkeit ergibt, in besonderem Maße gerecht. Sie beweisen hierbei Zivilcourage und folgen mit ihrem Mut dem Beispiel, das Leo Baeck sel. A. gegeben hat. In einer Zeit, in der der Antisemitismus eine Normalisierung erfährt, stehen Sie an der Seite der jüdischen Gemeinschaft – hier in Deutschland genauso wie in Israel.
Träger dieses Preises zu sein, ist eine besondere Anerkennung. Auch das geht mit einer besonderen Verantwortung einher.
Das macht Sie zu einem würdigen Träger der höchsten Auszeichnung, die der Zentralrat der Juden zu vergeben hat. Und deshalb freue ich mich, Ihnen heute Abend den Leo-Baeck-Preis überreichen zu dürfen.
Träger dieses Preises zu sein, ist eine besondere Anerkennung. Auch das geht mit einer besonderen Verantwortung einher. Ich bin überzeugt, dass Sie auch in Zukunft ihren Kolleginnen und Kollegen den Spiegel vorhalten, wenn Doppelstandards und antisemitische Stereotype repliziert werden. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und in der Medienbranche. In der Kulturszene und im Kabarett.
Ich danke Ihnen, dass Sie auch in Zukunft fest und hörbar an der Seite der jüdischen Gemeinschaft stehen werden.
Ich freue mich, nun das Wort an Ihren Laudator zu übergeben. Herrn Ahmad Mansour, der als Muslim und gebürtiger Israeli schon seit langem Freund und Verbündeter der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ist, und der in seinem Wirken wie wenige andere den Geist der Offenheit, der Pluralität und des Nicht-Weichens weiterträgt, den Leo Baeck sel. A. vorgelebt hat.
Zuvor allerdings werden wir nun gemeinsam einen Film über unseren diesjährigen Preisträger sehen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.