Sehr geehrter Herr Dr. Schuster, sehr geehrter Herr Prosor und Frau Prosor, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter des Zentralrats, sehr geehrte Festgäste — und vor allem: lieber Dieter Nuhr.
Wer ist dieser Mann, den wir heute ehren?
Dieter Nuhr, 1960 in Wesel geboren, wollte eigentlich Lehrer werden. Er studierte Kunst und Geschichte auf Lehramt und legte 1988 sein Staatsexamen ab — doch nach seiner ersten Schulstunde beschloss er, die Lehrerlaufbahn nicht weiterzuverfolgen. Da hatte er seine eigentliche Berufung längst gefunden, er wurde Kabarettist.
Schon 1986 gründete er ein Kabarett-Duo, seit 1994 steht er solo auf der Bühne, seit 2011 moderiert er »Nuhr im Ersten«. Heute zählt er zu den erfolgreichsten Kabarettisten Deutschlands, ausgezeichnet mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Deutschen Comedypreis.
Doch wer Dieter Nuhr nur als Kabarettisten beschreibt, beschreibt ihn nicht vollständig. Er ist auch Künstler, Fotograf, Reisender. Einer, der mit offenen Augen durch die Welt geht und sich seine Neugier bewahrt hat.
Über diesen Mann ließe sich unendlich viel sagen. Über seinen feinen Blick für die Widersprüche des Alltags. Über seine Fähigkeit, Menschen gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken zu bringen.
Dieter Nuhr gehört zu den bemerkenswerten Menschen, die sich nicht von Moden, Stimmungen oder Erwartungen leiten lassen. Er vertraut darauf, dass man Menschen die Wahrheit zumuten kann – auch dann – oder gerade dann, wenn sie unbequem ist.
Denn Nuhrs eigentliche Kunst ist eine seltene: Er fasst Unbehagen in Worte. Er nimmt das diffuse Gefühl, das viele tragen, aber nicht benennen können, und gibt ihm eine Sprache — so präzise, dass die Zuschauer nicht nur lachen, sondern denken: »Genau so ist es. So hätte ich es auch sagen wollen.«
Diese Fähigkeit allein wäre schon besonders. Aber wenn man die deutsche Debatte der letzten Jahre betrachtet, dann reicht das Wort »Fähigkeit« nicht mehr. Dann muss man von Mut sprechen. Mut, Themen anzusprechen, die viele denken, aber kaum noch jemand auszusprechen wagt. Ob es um Klimaaktivismus geht, um linken Antisemitismus, um Identitätspolitik, um Cancel Culture oder um den Krieg im Nahen Osten: Dieter Nuhr sagt seine Meinung, ohne sich vorher um Befindlichkeiten zu sorgen. Ohne Angst vor dem Shitstorm. Ohne sich anzupassen.
Und genau dadurch ist er zu einer Stimme geworden für all jene in diesem Land, die ähnlich denken, sich aber nicht trauen, es zu sagen.
Man muss Dieter Nuhr nicht in allem zustimmen. Das wäre auch gar nicht der Maßstab. Die Stärke einer offenen Gesellschaft zeigt sich nicht darin, dass alle derselben Meinung sind. Sie zeigt sich darin, dass unterschiedliche Meinungen ihren Platz haben.
Dieter Nuhr hat diesen Gedanken über viele Jahre gelebt. Er hat nie versucht, für alle zu sprechen. Aber er hat vielen Menschen das Gefühl gegeben, dass ihre Stimme ebenfalls gehört werden darf - ebenso wie seine. Besonders deutlich wurde das dort, wo es für ihn nicht mehr nur um Satire ging, sondern um etwas Grundsätzlicheres: um Anstand, um Menschlichkeit und um die Frage, welche Werte eine freie Gesellschaft zusammenhalten.
Lassen Sie mich eines klarstellen: Man muss ihm nicht in allem zustimmen. Man muss es nicht. Ich tue es — und ich bin froh, eine Stimme wie Dieter Nuhr in diesem Land zu haben. Denn Demokratie bedeutet, aushalten zu können. Demokratie bedeutet Meinungsvielfalt. Und Toleranz heißt nichts anderes als: ertragen.
Doch ausgerechnet von den lautesten Demokratie-Beschützern erleben wir in letzter Zeit das Gegenteil. Es gibt Meinungen, die man einfach so äußern darf — und andere, die man zwar sagen kann, aber nur mit Konsequenzen. Konsequenzen, die abschrecken sollen. Dieter Nuhr kann davon ein Lied singen. Und trotzdem bleibt er sich treu und hat den Mut, den Finger weiter in die Wunde zu legen. Eigentlich tut dieser Mann nichts anderes, als das, was einer öffentlichen Person zusteht: zu sagen, was ist.
Dieter Nuhr sagte, es sei »ein Trauerspiel, dass die Ablehnung des Antisemitismus heute gerade im Kulturbetrieb alles andere als selbstverständlich ist.« Und er fügte hinzu: »Das macht mich fassungslos.« Ich teile diese Fassungslosigkeit. Denn was sagt es über ein Land aus, dass es einen Preis verleihen muss für etwas, das eine Selbstverständlichkeit sein sollte? Dass man ausgezeichnet wird, weil man Mörder Mörder nennt?
Wir stehen heute hier, weil das Selbstverständliche außergewöhnlich geworden ist. Das ist die eigentliche Nachricht dieses Abends. Und sie ist bitter. Es waren wahrscheinlich Sätze wie dieser, die den Zentralrat zu seiner Entscheidung bewogen haben. In einer Zeit, in der Israel überall delegitimiert, dämonisiert und zum alleinigen Aggressor erklärt wurde, sagte Nuhr schlicht, dass die Hamas den Krieg an jedem einzelnen Tag hätte beenden können — sie hätte nur die Geiseln freilassen müssen.
Als gerne in den Medien von einem »Geiseltausch« gesprochen wurde, benannte Dieter Nuhr, was dahinter stand: dass im Austausch gegen die israelischen Geiseln verurteilte Mörder aus der Haft entlassen wurden. Auch das war wieder nur ein Fakt, die nüchterne Wahrheit — er hat es im Ersten gesagt, zur besten Sendezeit, vor einem Millionenpublikum.
Es gibt in diesem Land eine bequeme Form, gegen Antisemitismus einzustehen. Sie besteht darin, ihn ausschließlich rechts zu verorten — bei den Neonazis, bei der AfD, bei den ewig Gestrigen. Das ist richtig und wichtig. Aber es kostet nichts. Nuhrs Verdienst ist ein anderer: Er hat den Antisemitismus auch dort benannt, wo es weh tut — in der politischen Linken, im akademischen Milieu, in der progressiven Identitätspolitik und im Islamismus. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht.
Es ist das erste Mal, dass dieser Preis an einen Kabarettisten geht — an jemanden, dessen Beruf das Lachen ist. Das ist kein Fehler zum Ernst dieser Stunde. Es ist seine Vollendung. Denn der Antisemitismus lebt von der Lüge, und die Lüge fürchtet nichts so sehr wie das Gelächter. Dieter Nuhr hat sich das Lachen nicht nehmen lassen. Und das Denken auch nicht.
Das führt uns zu demjenigen, dessen Namen dieser Preis trägt: Leo Baeck war Rabbiner — ein Mann des Dialogs, der Versöhnung, der Vernunft. Und er war ein Theresienstadt-Überlebender. Als eine der prägenden Stimmen des liberalen Judentums im 20. Jahrhundert, in Zeiten größter Bedrängnis, hat er daran festgehalten, dass Denken, Bildung und Sprache Wege zur Freiheit bleiben. Unwissen und Hass begegnete er nicht mit Gegengewalt, sondern mit Aufklärung und Haltung.
Der Leo-Baeck-Preis ehrt Menschen, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die Haltung zeigen. Menschen, die Brücken bauen. Menschen, die ihre Hand ausstrecken. Und deshalb ist dieser Preis mehr als eine Ehrung. Er ist ein Signal: An alle, die zögern, weil sie den Sturm fürchten. Hier steht einer. Und der Zentralrat hat heute gesagt, dass er gesehen wird.
Lieber Dieter Nuhr, Sie haben gesagt, diese Auszeichnung bedeute Ihnen etwas, weil sie zeige, dass Ihre Arbeit »eine gewisse Relevanz« habe. Lassen Sie mich das korrigieren — als Laudator darf ich das. Ihre Arbeit hat nicht eine »gewisse« Relevanz. Sie hat in diesen Zeiten eine seltene, eine notwendige, eine rettende Relevanz.
Sie tun das auf Ihre ganz eigene Weise – mit Witz, mit Neugier, mit Unabhängigkeit und mit dem Vertrauen darauf, dass ein freier Mensch selbst denken darf. Und dafür danken wir Ihnen.
Lieber Dieter, es ist mir eine echte Ehre. Herzlichen Glückwunsch zum Leo-Baeck-Preis 2026.