Essay

Iran ist nicht das islamistische Regime. Iran, das seid ihr!

Sarah Maria Sander Foto: Alon David

Diese Worte werden vielleicht nur wenige von euch erreichen. Ich weiß nicht, wie viele von euch sie lesen werden können, wegen der Internetabschaltungen, wegen der Angst, Erschöpfung und dem ständigen Kampf zu überleben. Aber wenn es auch nur die kleinste Chance gibt, dass ich einige von euch erreichen kann, ist es mir den Versuch wert.

Mein Name ist Sarah. Ich bin eine jüdische Frau und lebe in Deutschland, in Berlin. Ich bin keine Iranerin, ich war nie in Iran. Und dennoch will ich, dass ihr eines wisst: In meinem Herzen stehe ich an eurer Seite.

Ich fühle mich euch verbunden, nicht, weil ich mir anmaßen würde, eure Wirklichkeit zu kennen. Sondern weil ich jene Einsamkeit erkenne, die entsteht, wenn ein Volk brutaler Gewalt ausgesetzt ist und die Welt den Blick abwendet, während der Kampf für Wahrheit, für die Menschenwürde und für das Leben noch gar nicht zu Ende ist. 

Seit dem 7. Oktober 2023 ist mein Leben von einer offenen Wunde gezeichnet. Was an diesem Tag geschah - die Gräueltaten, der Massenmord, die Grausamkeit, der Sadismus, die Vergewaltigungen israelischer Mädchen und Frauen - war unerträglich. Doch noch tiefer traf mich als Jüdin, was danach kam: Schweigen, Gleichgültigkeit und Hass. Offener Hass, der sich sogar hier in Deutschland ausbreitete, einem Land, das behauptet, aus seiner Geschichte gelernt zu haben.

Aber es gibt ein Bild, das mir Kraft gab und das ich nie vergessen werde: Wieder und wieder sah ich bei Kundgebungen für Israel und für die Freilassung Geiseln eure Fahnen, die Flagge des freien Iran.

Ihr wart da. Ihr standet neben uns. Ihr habt unseren Schmerz gesehen. Als es sich anfühlte, als hätte die ganze Welt sich von uns abgewandt, seid ihr geblieben. Wenn man trauert und alle so tun, als sähen sie den Schmerz nicht, bedeutet Solidarität und Mitgefühl einfach alles. Was ihr getan habt, war nicht nur symbolisch. Es war menschlich.

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Nach dem 7. Oktober habe ich einige Monate in Israel verbracht. Ich war im Norden, nahe der Grenze zum Libanon, dort, wo Hisbollah-Raketen versuchten, das Leben der Menschen zu zerstören, ihre Häuser, ihren Alltag, ihr Gefühl von Sicherheit.

Es war dort lebensgefährlich. Aber in Deutschland wurde nur wenig über die Lage der Menschen im Norden Israels berichtet. Später stand ich in Tel Aviv während Raketenangriffen, ausgeführt von jenem Regime, das auch euer Land in Ketten hält. Ich erinnere mich, wie ich nach oben schaute und die Raketen ziehen sah. Plötzlich merkte ich: Du kannst in jeder Sekunde sterben. Dein Leben kann durch Machthaber beendet werden, die dir nie in die Augen geblickt haben und dich trotzdem auslöschen wollen. Dich, dein Land, dein Volk.

Und nun sehe ich seit Wochen eure Proteste. Ich sehe eure Videos, eure Gesichter, eure zitternden Stimmen. Ich sehe eure Beerdigungen, euer Blut auf den Straßen, eure Mütter, die weinen. Ich sehe eure jungen Menschen, mutig und unbewaffnet, vor einer Maschine, die nicht zögern würde, euch alle zu töten. Ich kann nicht behaupten, euer Leid zu kennen, so wie ihr es kennt. Aber ich will, dass ihr eines wisst: Euer Schmerz ist nicht unsichtbar. Ihr seid nicht allein.

Euer Land ist nicht dieses islamistische Regime. Iran ist nicht die Revolutionsgarde. Iran ist nicht Terror. Iran ist nicht Hisbollah. Iran ist nicht Hamas. Iran ist auch nicht jene Raketen, die mich beinahe getötet hätten. Iran, das seid ihr.

Ihr habt der Welt gezeigt, wie Mut aussieht, obgleich er einen hohen Preis hat. Ihr, die ihr auf die Straße geht, obwohl ihr wisst, was euch widerfahren kann. Ihr, die ihr alles riskiert, um frei zu sein. Ich habe keinen größeren Wunsch, als euch frei zu sehen. Nicht als Parole. Nicht als geopolitische Chiffre. Sondern als Leben, das euch gehört.

Ein Leben, in dem eure Töchter atmen und ihre Zukunft wählen dürfen. Ein Leben, in dem eure Söhne nicht gejagt werden. Ein Leben, in dem Familien nicht in den eigenen vier Wänden flüstern müssen. Wenn ich politischen Einfluss hätte, würde ich ihn einsetzen. Ich würde mit aller Kraft dafür kämpfen, dass die freie Welt aufhört, euer Leid als Hintergrundrauschen zu behandeln, dass sie aufhört, mit euren Unterdrückern zu handeln, dass sie aufhört wegzusehen. Denn seit dem siebten Oktober habe ich etwas gelernt.

Nach einer kollektiven Wunde ist der gefährlichste Moment der, in dem man zu glauben beginnt, man schreie in ein Vakuum hinein. Wenn man denkt, dass die Toten und die Geiseln vergessen sind. Dass nichts, was man tut, etwas ändert. Aber es ändert etwas. Jeder Tag, den ihr übersteht, zählt. Jedes Leben, das geraubt wurde, zählt.

Ich weiß, weil ich iranische Freunde in Deutschland habe, dass fast jede iranische Familie Verluste erlitten und Namen und Gesichter hat, die nicht zurückkehren werden. Zukünfte, die abgebrochen wurden. Leben, die mitten im Satz endeten. Und trotzdem macht ihr weiter. Nicht, weil ihr keine Angst hättet, sondern weil ihr euch weigert, ein Leben auf den Knien zu akzeptieren.

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Ich höre eure Rufe nach Reza Pahlavi. Ich höre euren Anspruch auf Würde, auf einen Iran, der wieder seinem Volk gehört. Und mit der Stimme, die ich habe, werde ich tun, was ich kann, um eure Stimme hier lauter zu machen.

Eines Tages werdet ihr ohne Angst atmen. Eines Tages werdet ihr dieses Regime dort begraben, wo es hingehört, in der Geschichte.

Ich träume von dem Tag, an dem ich von Tel Aviv nach Teheran fliegen kann. Ich träume von dem Tag, an dem ihr Israel besuchen könnt, ohne Angst, ohne Lügen, ohne Propaganda, ohne den Hass, der euch aufgezwungen wurde. Ich träume von einem freien Iran, in dem eure uralte Kultur nicht länger Geisel einer Ideologie ist, die das Leben verachtet.

Ich verneige mich vor eurem Mut, vor eurer Ausdauer, vor eurer Einheit, im Iran und in der Diaspora. Ich bin bei euch. Wir sind bei euch. Und wir werden euch nicht vergessen.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Deutschland und Israel.

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