Das Kopftuch sorgt seit jeher für heiße Diskussionen. Und für Populismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Nicht weil es als solches gefährlich wäre, sondern weil es aufgeladen ist. Denn das Kopftuch ist nicht einfach nur ein religiöses Symbol. Es ist ein Prüfstein. Für unsere Gesellschaft, für unsere Toleranz, für unsere Fähigkeit, Freiheit nicht nur zu predigen, sondern zu leben. Und: für unsere Entschlossenheit, Grenzen zu ziehen, wo Freiheit von ihren Feinden missbraucht wird.
Für uns Juden ist das keine abstrakte Debatte. Denn wir wissen aus leidvoller Erfahrung, dass Freiheit nie selbstverständlich ist. Wie kostbar bürgerliche Rechte sind. Und wie zerbrechlich sie werden, wenn Ideologien auf dem Vormarsch sind, die Freiheit nur für sich selbst beanspruchen, aber nicht für andere gewähren. Spätestens seit »der Islam« in Europa immer mehr Raum einnimmt und islamische Bräuche oder Symbole immer sichtbarer und spürbarer werden, kollidieren die Welten ein ums andere Mal miteinander.
Die Spannungen, die dadurch entstehen, sind zwar nicht neu. Aber sie haben spätestens seit der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 noch einmal deutlich Fahrt aufgenommen. Ebenso wie das Unbehagen, dass immer mehr Menschen bei der Konfrontation mit der Wirklichkeit zu befallen scheint.
Politische Provokation
Nicht selten ist es dabei das Kopftuch, das im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Für die einen ist es lediglich ein religiöses Symbol. Für die anderen eine politische Provokation. Für die einen ist es Ausdruck von Selbstbestimmung. Für die anderen Ausdruck patriarchalen Zwangs. Für die einen bemisst sich daran die Belastbarkeit der Religionsfreiheit. Für die anderen ist es eine Vorstufe zur Islamisierung westlicher Gesellschaften.
Nun ist unbestreitbar: Das Kopftuch ist nicht nur ein religiöses Symbol. Es ist oft auch ein politisches Statement. Ein Instrument, mit dem Islamisten weltweit Frauen unterdrücken. Im Iran etwa wird es per Gesetz erzwungen. Andernorts herrscht faktischer Zwang. Und auch hierzulande leiden nicht wenige Frauen unter dem unbarmherzigen Druck des patriarchalen Familienoberhaupts, der strikten Kontrolle der Familie oder den sozialen Zwängen des religiösen oder kulturellen Umfelds.
Dabei ist klar, dass jede Form des Kleidungszwangs Unfreiheit bedeutet. Umgekehrt bedeutet Freiheit aber auch das Recht, selbst zu entscheiden, ob und was man wo und wie trägt. Der Kampf um die Befreiung der Frau muss also dort enden, wo sie sich freiwillig und selbstbestimmt entscheidet, ein Kopftuch zu tragen. Freiheit schlägt Bevormundung.
Vergessene Werte
Andererseits: Wenn wir den Iran und andere islamische Gottesstaaten für den Kopftuchzwang kritisieren, müssen wir dann hier nicht alle Entwicklungen bekämpfen, die in dieselbe Richtung führen? Und zwar gerade im Namen der Freiheit? Rabbiner Jonathan Sacks schrieb: »Der Unterschied zwischen einer freien Gesellschaft und einer theokratischen ist, dass die eine ihre Werte lehrt und die andere sie erzwingt«. Aber was, wenn die freie Gesellschaft ihre Werte längst vergessen hat? Oder sie aufgegeben hat? Oder sich selbst aufgegeben hat? Wird Freiheit dann nicht zu einem Bumerang? Zu einem Einfallstor für Ideologen der Unfreiheit?
Für uns Juden hat diese Debatte eine besonders bittere und zwiespältige Note. Und zwar aus mehreren Gründen: erstens sind wir bekanntermaßen Minderheit und haben im Lauf der Geschichte zur Genüge erfahren, was es bedeutet, von der Mehrheitsgesellschaft herumgeschubst zu werden. Gedemütigt, ausgegrenzt, diskriminiert. Und bürgerlicher Freiheiten beraubt. Gleichzeitig wurden uns Kleidungsvorschriften aufgezwungen. Erkennungsmerkmale. Und Symbole der Abwertung. Sowohl in christlichen wie auch in islamischen Gesellschaften. Wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Heißt: Wir wissen, welchen Wert Grund- und vor allem Freiheitsrechte haben. Weshalb wir uns vehement für Freiheit und Gleichberechtigung aller Minderheiten einsetzen.
Zweitens: Wollte man uns das Tragen einer Kippa verbieten, würden wir uns heftig dagegen wehren. Aus grundsätzlichen Erwägungen. Wobei die jüdische Kopfbedeckung kein politisches Symbol ist. Es ist ein Zeichen des Glaubens. Und ein Zeugnis der Zugehörigkeit. Vor allem kann es uns von niemandem aufgezwungen werden, außer von uns selbst. Und trotzdem ist es eine recht theoretische Diskussion, da es wegen der zunehmenden Übergriffe auf Juden heute kaum mehr möglich ist, die Kippa oder andere Insignien des Judentums gefahrlos zu tragen.
Besorgniserregender Brandherd
Will heißen: Es mag ja sein, dass das Grundgesetz uns Religionsfreiheit garantiert. Und damit in der Theorie auch die Freiheit verspricht, Symbole seiner Religion sichtbar zu tragen. Doch in der Praxis bleibt davon nicht viel übrig, wenn man Gefahr läuft, wegen sichtbarer Symbole beleidigt oder tätlich angegriffen zu werden.
Und drittens ist es gerade die muslimische, und vor allem die türkisch-arabische Community, die dafür mitverantwortlich ist. Denn in ihrer Mitte gedeiht der Juden- und Israelhass nahezu ungehindert. Was nicht heißt, dass der Antisemitismus in anderen Bereichen unserer Gesellschaft ein Schattendasein führt. Keineswegs. Aber ein besorgniserregender Brandherd schwelt im Herzen der muslimischen Gemeinschaft. Wo Antisemitismus und Israelhass in verschiedenen Variationen beheimatet sind. Und deren sichtbarstes Symbol neben den Moscheen ausgerechnet das Kopftuch ist.
Mit anderen Worten: Eine von Antisemitismus getränkte und stetig wachsende islamische Gemeinschaft oder Kultur oder Religion erzeugt bei vielen Juden mehr als nur Unbehagen. Sie erzeugt die reale Sorge um die eigene Sicherheit, die eigene Existenz und die eigene Zukunft.
Sichtbares Symbol
Das heißt natürlich nicht, dass jeder Moslem ein unverbesserlicher Judenhasser ist. Aber die berechtigten Sorgen vieler Juden entzünden sich auch nicht an den vielen aufgeklärten, friedfertigen und freiheitsliebenden Muslimen. Und nicht an denen, die für die liberale Demokratie einstehen. Und nicht an denen, die engagiert gegen Fundamentalismus und Judenhass kämpfen. Sondern sie speist sich aus schockierenden Ergebnissen von Meinungsumfragen im In- und Ausland, aus Massendemonstrationen auf denen der Judenhass unverblümt grassiert, aus den antijüdischen Texten, aus denen der Islam schöpft, aus der Aufstachelung islamistischer Prediger, aus der Einflussnahme radikaler Influencer, aus den verbalen und tätlichen Angriffen und Übergriffen, die von Muslimen gegen Juden und jüdische Einrichtungen erfolgen, aus den offensiven Aktivitäten der Islamisten und aus den Bestrebungen, die der politische Islam und dessen Vertreter entwickeln. Und eines der sichtbarsten Symbole dafür ist ausgerechnet das islamische Kopftuch.
Das heißt: Auf der einen Seite sind wir vehemente Streiter für die Freiheit. Für den Schutz von Minderheiten. Gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus. Und für das Recht, so sein und leben zu dürfen, wie man sein und leben will. Und auf der anderen Seite wächst die Sorge, dass es gerade diese Freiheiten sind, die sich als Bumerang erweisen können.
Dass es also die Gegner der Freiheit, die Gegner unserer liberalen Demokratie und damit auch die Gegner der Juden sind, die ebendiese Rechte nutzen, ausnutzen und missbrauchen, um sie am Ende in ihr Gegenteil zu verkehren.
Nicht, weil alle Muslime dies planen würden. Geschweige denn dies wollten. Sondern weil die radikalen und die fundamentalistischen Kräfte zunehmend den Kurs und den Diskurs bestimmen. Wenn dies ohne entscheidende Gegenwehr von den moderaten oder liberalen Kräften der eigenen Gemeinschaft hingenommen oder gar mit stiller Sympathie begleitet wird, dann ist irgendwann der Kipppunkt erreicht. Dann übernehmen die Fundamentalisten das Kommando. Und die Freiheit sagt leise Adieu. Beispiele dafür gibt es reichlich. Und manches vollzieht sich in Echtzeit - direkt vor unseren Augen.
Es braucht also einen risikoreichen Spagat: Wir sollten engagiert für das Recht jeder Muslima kämpfen, die sich aus freien Stücken dazu entscheidet, ein Kopftuch zu tragen. Und wir sollten uns allen entschlossen in den Weg stellen, die einer Frau das Kopftuch aus religiösen, kulturellen oder politischen Gründen aufzwingen wollen.
Für unsere Werte. Für unsere Freiheit. Für unsere Zukunft.
Der Autor ist Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.