Nach den Massakern im Iran vom Januar wache ich an den meisten Tagen mit der Angst auf, von neuen Hinrichtungen von Demonstrationsteilnehmern zu lesen. Und mit der Angst, dass dies kaum noch wahrgenommen wird.
Am Dienstag hat die Islamische Republik im Morgengrauen während des Gebetsrufs wieder zwei Mitglieder der Protestbewegung vom Januar hingerichtet. Abolfazl Sepahi Badjani und Amir Hossein Safari Hosseinabadi – beide waren unter dreißig Jahre alt.
In einem nichtöffentlichen Gerichtsverfahren, das sogar von den Vereinten Nationen kritisiert worden war, beschuldigte der Richter sie des bewaffneten Aufstands gegen die Islamische Republik. In der Vergangenheit dauerten viele dieser Gerichtsverfahren nur fünf Minuten. Der zum Tode verurteilte Amir Hossein wäre aufgrund einer Behinderung einer Körperhälfte nicht einmal in der Lage gewesen, während der Proteste einen Stein aufzuheben und auf Sicherheitskräfte zu werfen.
Als jemand, der viele Jahre unter der Herrschaft der Islamischen Republik gelebt hat, weiß ich: Öffentliche Hinrichtungen in der Islamischen Republik dienen nicht nur der Vollstreckung der Scharia. Sie sind eine Methode, die Macht der islamischen Regierung zu demonstrieren, Protestierende zu entmutigen und anderen Muslimen auf der ganzen Welt eine Botschaft zu senden.
Während der Hinrichtung und bereits zuvor verlas die Islamische Republik im Staatsfernsehen Vers 33 der Sure al-Māʾida aus dem Koran:
»Der Lohn derjenigen, die gegen Gott und Seinen Gesandten Krieg führen und auf Erden Unheil stiften, ist nur, dass sie getötet oder gekreuzigt werden oder dass ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden oder dass sie aus dem Land verbannt werden. Das ist für sie Schande im Diesseits, und im Jenseits erwartet sie eine gewaltige Strafe.«
Die Botschaft war eindeutig: Töten auf dem Weg zur Ausbreitung des Islam in der ganzen Welt ist erlaubt, und jeder, der sich einer islamischen Regierung widersetzt, widersetzt sich Gott.
Menschen aus dem Iran berichteten in den sozialen Medien, dass das Regime bereits einen Tag vor der Urteilsverkündung auf dem Alikhani-Platz in Isfahan ein eisernes Gerüst errichtet hatten. Bewaffnete Kräfte waren vor Ort, und den Menschen wurde klar, dass dort bald Personen gehängt werden würden. Dringende Aufrufe verbreiteten sich in den sozialen Medien. Menschen demonstrierten in Isfahan, Teheran und in mehreren europäischen Städten, darunter auch in Berlin, wo sich noch in der Nacht eine Menge vor dem Auswärtigen Amt versammelte und protestierte.
Nach den Januar-Protesten wurden Trauerzeremonien, die nach islamischem Brauch mit schwarzer Kleidung, Koranrezitationen und Weinen begangen werden, von Demonstrierenden bewusst anders gestaltet: Sie trugen weiße Kleidung, spielten fröhliche Musik und tanzten auf den Gräbern.
In Isfahan hatten sich die Menschen mit der Hoffnung versammelt, dass das Urteil noch aufgehoben werden könnte. In der Islamischen Republik gehört es zum Staatshandeln, den Akt des Tötens mit dem Gebetsruf und »Allahu Akbar«- Rufen zu beginnen. Die Henker kamen, ihre Gesichter waren verhüllt und sie standen mit Waffen bereit. Scharfschützen bezogen rund um den Platz Stellung. Die Lichter wurden ausgeschaltet. Mit Schüssen wurde die Menschenmenge auseinandergetrieben. Anhänger der Regierung riefen einstimmig »Allahu Akbar«, anschließend erklang der Gebetsruf. Die Islamische Republik feierte ihren Sieg, indem sie zwei junge Männer tötete, man rief der Protestbewegung zu: »Weint lauter.«
Seit den Protesten vom Januar stellen sich die Mitglieder der Bewegung den Symbolen des Islam entgegen. Um dem Gebetsruf entgegenzutreten und in einem verzweifelten Versuch, die Hinrichtungen zu verhindern, antworteten sie auf die »Allahu-Akbar«-Rufe. Sie klatschten, pfiffen und schrien – auch wenn es letztlich vergeblich war.
Schon zuvor hatten sich Angehörige der Bewegung allem entgegengestellt, was als Symbol des Islam oder islamischer Rituale verstanden wird. Nach den Januar-Protesten wurden Trauerzeremonien, die nach islamischem Brauch mit schwarzer Kleidung, Koranrezitationen und Weinen begangen werden, von Demonstrierenden bewusst anders gestaltet: Sie trugen weiße Kleidung, spielten fröhliche Musik und tanzten auf den Gräbern. Sie vermieden sogar die Bezeichnung »Märtyrer« und nennen die Getöteten stattdessen mit dem persischen Ausdruck »Javid Nam« (»ewig im Namen lebend«) vor ihrem Namen.
Weitere Menschen von Hinrichtung bedroht
Mindestens acht weitere Menschen stehen in Gefahr, auf dem Alikhani-Platz in Isfahan hingerichtet zu werden. Diese Zahl steigt aber weiter an, denn in der Nacht zum Mittwoch wurden im Zuge der Proteste in Isfahan weitere Menschen festgenommen, verletzt und inhaftiert.
Das Regime hat mit den schrittweisen, täglichen Tötungen von Menschen eine psychologische Kriegsführung innerhalb und außerhalb des Iran begonnen. Die Menschen im Land leben täglich in Angst vor dem Tod, und wir Iranerinnen und Iraner außerhalb des Landes sind wütend und verzweifelt. Auf der Social-Media-Plattform X sah ich, dass einige Menschen als Reaktion auf die Verlesung der Sure al-Māʾida den Koran verbrannten. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass es der Regierung der »Islamischen Republik« gelungen ist, extreme und emotionale Reaktionen ihrer Gegner hervorzurufen und diese anschließend als »Islamfeindlichkeit« zu instrumentalisieren und zur Festigung ihrer eigenen Ideologie zu nutzen. Viele andere, so wie ich, bleiben einfach hoffnungslos.
Es ist das Gefühl der Hilflosigkeit, dass die Islamische Republik mit dem Leben der Menschen machen kann, was sie will – vor den Augen der Welt und in aller Öffentlichkeit. Es ist das Gefühl der Ohnmacht, dass ziviler Widerstand – Demonstrationen, Schreiben, Aufklärung und Hilferufe an Menschenrechtsorganisationen – wirkungslos bleibt, weil ihnen die Macht fehlt.
Auch ich bin verzweifelt darüber, dass wir nichts tun können und dass die Anhänger jenes Islams, den die Islamische Republik verbreiten will, vor dem Töten nicht zurückschrecken. Ob das Töten durch Hinrichtungen geschieht oder indem Attentäter mit einem Auto in eine Menschenmenge fahren wie beim Christopher Street Day in Berlin – ein Angriff, den ich aus nächster Nähe miterleben musste. Noch schmerzhafter ist die Erfahrung, dass etwas, das man bereits einmal im eigenen Land erlebt hat, als innere Angelegenheit ignoriert wird und ich nun in meinem zweiten Land erneut mit dem Wüten des Islamismus konfrontiert werde.
Während dieser Text geschrieben wird, wurden die Familien von drei weiteren Angeklagten zu einem letzten Besuch vor der Hinrichtung ins Gefängnis gerufen. Die Tötung der Menschen im Iran geht weiter – vor den Augen der Welt und ohne jede Reaktion.
Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat diesen Beitrag aus Sicherheitsgründen unter Pseudonym verfasst.