Es heißt nicht umsonst Wahlkampf. Wenige Wochen vor der Knesset-Wahl wird in Israel mit harten Bandagen gekämpft. Selten geht es noch um Programme. Statt über Schulen, Straßen und Steuern zu debattieren, veranstalten die Kandidaten eine Schlammschlacht. Auf Englisch sagt man: »The gloves are off«, zu Deutsch: »Die Handschuhe sind ausgezogen«.
Dabei wird es niveaulos wie in einer Realityshow mit B- oder C-Promis. Im regierungstreuen Kanal 14 spricht die Premiergattin in verquasten Sätzen, während sie die Werbetrommel für ihren Ehemann rührt. Und unterstellt dem Vorsitzenden der Demokraten, schon vor dem 7. Oktober 2023 Wind von einem bevorstehenden Angriff der Hamas gehabt zu haben. Gelogen, geschmacklos und brandgefährlich.
Für die Israelis geht es um das echte Leben. Und das erfordert Respekt.
Doch auch aus dem Lager der Demokraten kommen fragwürdige Töne. Entlang des gesamten Schulwegs der Kinder des Parlamentspräsidenten wurden Plakate angebracht, auf denen stand, was für ein Verbrecher ihr Vater sei. Auch hier: völlig fehl am Platz und übergriffig. Es sind nur zwei Beispiele. Leider gibt es viele mehr. Aktuelle Umfragen zeigen, dass 70 Prozent der israelischen Wähler die Kampagnen als schmutzig, unfair und sogar gewalttätig empfinden. Die Grenze scheint schnell überschritten. Isaac Amit, Präsident des Obersten Gerichts, warnt eindringlich: »Der Weg zur körperlichen Gewalt führt über verbale Gewalt.«
Niemand erwartet, dass Politiker einander mit Samthandschuhen anfassen – schon gar nicht, wenn das Rennen so knapp ist wie in Israel. Aber eine Wahl in einer Demokratie ist keine Realityshow voller Gekreische. Schon gar nicht nach den schwersten Jahren in der Geschichte des Landes. Für die Israelis geht es um das echte Leben. Und das erfordert Respekt. Also, liebe Politiker in Israel: Zieht die Handschuhe wieder an!
Die Autorin ist Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen.