Wenn meine 92-jährige Mutter aus Israel anruft und vom dortigen Gesundheitssystem schwärmt, klingt das für deutsche Ohren fast wie Science-Fiction: Facharzttermine gibt es per App am selben Tag, die Laboranalysen kommen binnen weniger Stunden später auf das Smartphone, es gibt keinen Papierkram und keine Zettelwirtschaft.
Man könnte das als anekdotisch abtun. Oder man nimmt es als Anlass, das israelische Gesundheitssystem mal etwas genauer anzuschauen. Denn die Frage drängt sich auf: Was macht das Land am Mittelmeer fundamental anders? Und warum hinkt das deutsche System trotz gigantischer Budgets hinterher?
Israels Versorgung ruht auf einem verblüffend schlanken Fundament: Gerade einmal vier Krankenkassen – die beiden großen Clalit und Maccabi sowie Meuhedet und Leumit – sind für knapp 10 Millionen Menschen zuständig. Alle vier sind gesetzlich verpflichtet, exakt denselben Leistungskatalog anzubieten: den sogenannten »Sal Briut« (Gesundheitskorb).
Niemand darf wegen Alters oder Vorerkrankungen abgewiesen werden. Finanziert wird das System über eine einkommensabhängige Gesundheitsabgabe (Mas Briut), eingezogen über die Sozialversicherung Bituach Leumi. Wer Zusatzleistungen wie Wahlarztbehandlungen oder Zahnersatz wünscht, bucht modulare Tarife (Bituach Maschlim) hinzu. Der Wettbewerb zwischen den Kassen findet folglich nicht über bürokratische Tarifdschungel statt, sondern über Servicequalität, Praxisnetzwerke und Erreichbarkeit vor Ort.
Landesweiter Datenaustausch
Der entscheidende Hebel liegt jedoch in der Konsequenz, mit der Israel seine Digitalisierung vorangetrieben hat. Während in deutschen Arztpraxen noch vor wenigen Jahren das Faxgerät das Maß aller Dinge war, gehören digitale Patientenakten und E-Rezepte in Israel seit Mitte der 1990er-Jahre zur gelebten Realität. Über 98 Prozent der medizinischen Daten liegen lückenlos digital vor – verknüpft mit einer einheitlichen nationalen Patienten-ID.
Über das landesweite Datenaustauschsystem »Ofek« hat jede behandelnde Ärztin und jeder Notfallmediziner innerhalb von Sekunden Zugriff auf die relevante Krankengeschichte, Vorerkrankungen und aktuelle Medikationen. Gefährliche Wechselwirkungen und redundante Doppeluntersuchungen werden im Keim erstickt. Was für meine Mutter schlicht komfortabel ist – Termine verwalten, Befunde einsehen, Rezepte in jeder beliebigen Apotheke einlösen –, spart dem Gesamtsystem Jahr für Jahr Milliarden.
Das Standardargument hiesiger Debatten lautet reflexartig: Israel sei klein, Deutschland dagegen groß und föderal – ein Vergleich verbiete sich. Technologisch wie ökonomisch greift diese Schutzbehauptung zu kurz. Moderne Softwarearchitekturen skalieren linear: Ein größeres Land erfordert mehr Rechenleistung und Serverkapazitäten, stellt aber kein architektonisches Hindernis dar. Nein, das deutsche Nadelöhr ist nicht die Geografie, sondern die Zersplitterung der Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern, Kassenärztlichen Vereinigungen und über hundert Krankenkassen sowie gewachsene Blockaden bei Schnittstellen und Datenschutz.
Riesiges Einsparpotenzial
Dass sich entschlossene Reformen rechnen würde, belegen Berechnungen: Laut einer Studie von McKinsey aus dem Jahr 2022 birgt eine konsequente Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen ein Einsparpotenzial von rund 42 Milliarden Euro - pro Jahr, wohlgemerkt. Das sind etwa zwölf Prozent der gesamten Versorgungskosten im Gesundheitswesen.
Allein die Vermeidung von Doppeluntersuchungen und der Wegfall papiergestützter Bürokratie könnten zweistellige Milliardenbeträge einsparen, ganz zu schweigen von KI-gestützter Frühdiagnostik und verbesserter Fernüberwachung chronischer Krankheiten.
An finanziellen Mitteln mangelt es hierzulande auch nicht. Der Transformationsfonds für Krankenhäuser stellt von 2026 bis 2035 bis zu 50 Milliarden Euro bereit, flankiert von den Milliarden des Krankenhauszukunftsgesetzes. Mit dem Roll-out der elektronischen Patientenakte im Opt-out-Verfahren hat Deutschland immerhin den ersten Schritt getan. Doch die neue Infrastruktur nützt wenig, wenn Systeme proprietär bleiben und Schnittstellen nicht verpflichtend interoperabel sind.
Israels Erfolg ist kein Hightech-Geheimnis, sondern das Ergebnis klarer politischer Führung: einheitliche Datenstandards, ein verbindlicher Versorgungsrahmen und die Einsicht, dass Patientenorientierung und Wirtschaftlichkeit zwei Seiten derselben Medaille sind.
Es wird Zeit, dass wir den Blick nach vorne wagen. Oder mal auf jene hören, die diese bessere Versorgung bereits am eigenen Leib spüren dürfen.