Ich habe Urlaub in Italien gemacht. Irgendwo im Nirgendwo. Seit zehn Jahren komme ich her. Immer in dasselbe kleine Dorf. In dieser Zeit ist viel geschehen. Allerdings nicht hier. In meinem halb verlassenen Bergdorf scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben. Mir tut das gut. Es ist genau die Ruhe, die ich suche, wenn ich Urlaub von Nahost nehme.
Die Uhren scheinen wirklich etwas langsamer zu ticken, wenn man in die Bar im 50er-Jahre-Chic auf einen Cappuccino und Spremuta einkehrt. Tatsächlich aber ist auch an diesem Fleckchen die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Die Menschen lesen und schauen selbstverständlich Nachrichten und sind informiert. Auch in Sachen Israel.
Beruf und Privatleben
Wenn ich Urlaub mache, will ich allerdings nicht darüber reden. Das tue ich in Beruf und Privatleben ständig. Israelis sind politische Menschen, und auch wir als Familie diskutieren viel und oft. In den Ferien möchte ich mir dann ausnahmsweise nur darum Gedanken machen, ob das Wetter gut genug zum Baden ist oder ob man besser im Haus Monopoly spielen sollte.
Mittlerweile kennen wir hier im Ort einige Leute. Manche sind Bekannte, andere sind Freunde geworden. Über Israel haben wir zwar schon gelegentlich gesprochen, aber nie mehr als einige Belanglosigkeiten. Doch dieses Mal war es anders. Eine Freundin, die ursprünglich aus England stammt, berichtete mir, peinlich berührt, eine neue Bekannte, die ebenfalls von der Insel kommt, habe ihr aufgetragen, mich »zur Rede zu stellen«, als sie erfuhr, dass ich in Israel lebe.
Zuerst war ich empört. Dann fand ich es lächerlich und ärgerte mich über die Unverschämtheit dieser Fremden. Doch am nächsten Tag wachte ich mit einem Gefühl von Tatendrang auf. »Ich muss reden«, dachte ich. Nicht mit dieser Frau, die ich noch nie in meinem Leben getroffen habe und auch nicht treffen will. Sondern mit meiner Freundin. Denn auch sie wollte über Israel sprechen.
»Oh, das wusste ich gar nicht«
Bei einem Aperitivo am nächsten Nachmittag erzählte ich einfach drauflos. Sie hörte zu, stellte Fragen und sagte oft: »Ah« und »Oh, das wusste ich gar nicht«. Dann gab sie zu, in den vergangenen zwei Jahren eine sehr negative Meinung von Israel bekommen zu haben.
Auf mein »Warum?« erklärte meine Freundin, dass fast alles, was sie in den Leitmedien hört und sieht, Israel als das »ultimative Böse« darstellt. Die Frage, ob sie wirklich glaube, dass die Realität derart sei, verneinte sie. Meinte jedoch, es sei oft schwer, zu hinterfragen und ausgewogene Informationen zu bekommen, wenn vieles von vornherein in solch düstere Farben getaucht sei.
Es tut weh zu sehen, wie Israel weltweit verzerrt dargestellt wird.
Es tut meiner Familie und mir weh, dass derart simple, oft verzerrte oder schlicht falsche Bilder unseres Zuhauses in die ganze Welt projiziert werden. Die Realität ist eine andere. Wir leben sie jeden Tag.
Kurz darauf lud uns meine Freundin zum Abendessen ein. Mit dabei ein Ehepaar, sie aus der Schweiz, er aus Italien. Wir kannten sie von den vergangenen Jahren, allerdings nicht sehr gut. Nachdem sich alle am Tisch die Bäuche vollgeschlagen und köstlichen lokalen Wein getrunken hatten, kam das Gespräch – natürlich! – auch auf Israel. Doch an diesem Abend gab es keine pauschalen Verurteilungen, sondern offene Fragen. »Ich habe dies oder jenes gehört. Ist es tatsächlich so?«, fragten die Gäste. Meine Kinder und ich erzählten. Wir redeten stundenlang, auch und gerade über schwierige Themen wie Krieg, Gaza, Tod und Trauer.
Offen und ehrlich
Am Ende bedankten sich alle bei uns, dass wir so offen und ehrlich mit ihnen gesprochen haben. Sie sagten, dass sie vieles noch nie so gehört hatten. »Woher sollen wir es wissen?«, meinten sie entschuldigend. Sie haben weder TikTok noch Instagram, und selbst wenn, folgen sie sicher keinen pro-israelischen Influencern. Sie schauen die Nachrichten und lesen die Tageszeitung. Die Zerrbilder, die so oft gezeigt werden, sind ihre einzigen Informationen.
Um ehrlich zu sein, hatte ich Magenschmerzen, bevor ich diesen Sommer ins Ausland reiste. Dass Israel für viele als Pariastaat gesehen wird, bringt mich um den Schlaf. Ich möchte nicht auf einer völlig isolierten Insel leben. Meine Familie will Teil der Weltgemeinschaft sein, und ich weiß, dass die meisten Israelis dasselbe wollen.
Und dafür müssen wir reden. Denn nicht alle, die heute ein negatives Bild von Israel haben, sind Antisemiten oder fanatische Israelhasser. Viele wissen schlicht sehr wenig und sehen jeden Abend dieselben Bilder. Natürlich gibt es nicht wenige, bei denen auch durch noch so viele Erklärungen nichts mehr zu machen und jedes Wort verschwendet ist. Wer sich im Hass eingerichtet hat und an keiner ehrlichen Auseinandersetzung interessiert ist, wird kaum zu überzeugen sein.#
Doch wenn wir den Menschen nie begegnen, überlassen wir es anderen, das Bild vom jüdischen Staat zu zeichnen. Denn nicht jede negative Stimme ist verloren. Viele haben Fragen und suchen Orientierung. Wer sich nicht auf Gespräche einlässt, darf sich nicht wundern, wenn diese Menschen irgendwann nur noch die lautesten und extremsten Meinungen hören.
Die Autorin ist Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen und lebt in Tel Aviv.