Der jüdische Historiker, Pädagoge und ehemalige französische Widerstandskämpfer Lucien Lazare ist im Alter von 101 Jahren in Jerusalem gestorben. Lazare, der sich jahrzehntelang mit der Schoa und insbesondere mit dem jüdischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten beschäftigte, starb am Dienstag.
Seine Erfahrungen während der deutschen Besatzung Frankreichs prägten sein späteres Leben. Als Jugendlicher schloss sich Lazare den Éclaireurs israélites de France an, einer jüdischen Pfadfinderorganisation. Von 1942 bis 1944 war er Teil ihres Widerstandsnetzwerks »La Sixième«. Später kämpfte er in der Widerstandseinheit um Marc Haguenau in den Maquis de Vabre. Dabei war er auch an der Rettung jüdischer Kinder beteiligt.
Nach dem Krieg setzte Lazare seine Ausbildung fort und besuchte 1948 die Jeschiwa von Aix-les-Bains. Anschließend kehrte er nach Straßburg zurück und heiratete 1949 Janine Hemmendinger, die als Psychologin arbeitete. Beruflich war Lazare als Lehrer in Frankreich und Belgien tätig. 1957 wurde er erster Chefredakteur von »Hamoré«, einer vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift jüdischer Pädagogen.
Kommission von Yad Vashem
Parallel dazu beschäftigte er sich wissenschaftlich mit jüdischer Geschichte. Lazare war Sekretär der jüdischen Gemeinde von Straßburg und schloss 1967 seine Promotion in Geschichte an der Universität Straßburg ab. Ein Jahr später zog er mit seiner Familie nach Israel und ließ sich in Jerusalem nieder.
In Israel widmete sich Lazare weiterhin der Bildungsarbeit. Er gründete das Lycée René-Cassin und leitete die Schule über mehrere Jahre. Zudem gehörte er der Kommission von Yad Vashem an, die über die Anerkennung der »Gerechten unter den Völkern« entscheidet. In dieser Funktion beschäftigte er sich mit Menschen, die während der Schoa Juden unter Einsatz ihres eigenen Lebens oder ihrer eigenen Sicherheit geholfen hatten.
Lazare veröffentlichte zahlreiche Arbeiten über den jüdischen Widerstand in Frankreich und die »Gerechten unter den Völkern«. Zu seinen Büchern zählen »La Résistance juive en France« aus dem Jahr 1987, »Le Livre des Justes« von 1993 und »La Résistance juive, un combat pour la survie« aus dem Jahr 2000. 2003 koordinierte er außerdem das »Dictionnaire des Justes de France«, das gemeinsam von Fayard und Yad Vashem herausgegeben wurde.
Linkes Spektrum
Auch die Erinnerung an einzelne Persönlichkeiten des jüdischen Widerstands gehörte zu seinem wissenschaftlichen Werk. 1990 veröffentlichte er ein Buch über Abbé Alexandre Glasberg, der während des Zweiten Weltkriegs in der französischen Résistance tätig war. 2016 erschien zudem eine englische Übersetzung von Lazares Arbeit über Glasbergs Einsatz im französischen Widerstand.
Eine besondere Rolle spielte für Lazare die Erinnerung an die »Gerechten unter den Völkern«. Gemeinsam mit der französischen Politikerin und Schoa-Überlebenden Simone Veil setzte er sich dafür ein, die Anerkennung dieser Menschen auch im Pariser Panthéon sichtbar zu machen. Lazare engagierte sich zudem für Gewaltlosigkeit und wurde politisch dem linken Spektrum zugerechnet.
Seine politischen Positionen führten später auch zu Konflikten in seinem persönlichen Umfeld. Lazares Tochter Anne-Joëlle heiratete 1978 Avraham Burg. Nachdem Lazare politische Texte seines Schwiegersohns ins Französische übersetzt hatte, damit sie in »Le Monde« veröffentlicht werden konnten, wurde er laut der vorliegenden Biografie von Teilen seiner religiösen Gemeinschaft boykottiert.
Ritter der Ehrenlegion
Zuletzt veröffentlichte Lazare 2015 seine Memoiren unter dem Titel »Le tapissier de Jérusalem«. Für sein Wirken erhielt er unter anderem 2003 den Preis der französischen jüdisch-christlichen Freundschaft sowie die Auszeichnung als Ritter der französischen Ehrenlegion.
Der Pariser Rabbiner Gabriel Farhi schrieb auf X, er sei erschüttert: »Lucien Lazar war eine der Gestalten der Résistance. Gemeinsam mit Simone Veil brachte er die Gerechten (deren Namen er erfasst hatte) ins Panthéon. Er war ein wahrer Humanist, ein Mann des Dialogs und der Brüderlichkeit.« im