Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

WDR-Mann Georg Restle Foto: picture alliance / HMB Media

Es war heiß in Deutschland am Wochenende, sehr heiß. Man konnte das nicht nur am Thermometer ablesen, sondern auch an der Qualität der Posts in den sozialen Netzwerken. Auch dort ging es wieder hitzig zu. Auch und gerade beim Leib- und Magen-Thema der Deutschen: Israel.

Jörg Lau, seines Zeichens Außenpolitik-Redakteur bei der »Zeit«, arbeitete sich gleich nach dem mittäglichen Sonntagsmahl am jüdischen Staat ab. Auf X schrieb er: »Der deutsche ‚Pro-Israel‘- Diskurs hat kurioserweise oft den Charakter eines Ersatznationalismus. Bewunderung für eine Nation, die ungebrochen patriotisch ist, ihren Gegnern kein Pardon gibt, Macht ohne Reue ausübt und sich nicht von Kritik beirren lässt. Eine Phantasie.«

Dankbar nahm Mark Schieritz, Laus Kollege bei der »Zeit«, die Vorlage auf – und legte noch eine Schippe drauf. Für Schieritz trägt der ‚Pro-Israel‘-Diskurs sogar »religiöse Züge«. Hanno Hauenstein, der bereits ein Alter Herr unter den Hohepriestern der deutschen »Israel-Kritik« war, als andere Israel noch die Stange hielten, sekundierte dankbar. »Wenn das hier so weitergeht, wird am Ende noch erkannt, dass die AfD rechts ist«, feixte er.

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Felix Dachsel vom »Spiegel« wollte da nicht mitspielen und schrieb seinem »Zeit«-Kollegen Lau ins öffentliche Poesiealbum: »Von allen Versuchen, der Sympathie für Israel etwas Anruch anzuheften, ist das einer der unbeholfeneren.« Damit war eigentlich alles gesagt, nur noch nicht von jedem.

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Doch schnell kam intellektueller Nachschub. Georg Restle, lange Jahre Leiter der »Monitor«-Redaktion beim WDR und seit wenigen Wochen neuer Chef des »crossmedialen ARD-Studios Nairobi« (WDR), hatte auch noch etwas auf dem Herzen.

Restle missfiel der Kommentar von Daniel Killy in der Jüdischen Allgemeinen. Unter der Überschrift »Wer kann das noch ernst nehmen?« hatte Killy sich kritisch mit einem Bericht im »heute journal« auseinandergesetzt, in dem Israel vorgeworfen wurde, ein Waffenstillstandsabkommen im Libanon zu hintertreiben.

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Restle zitierte einen X-Post dieser Zeitung, mit dem Killys Kommentar beworben wurde. In seinem »Drüko« machte der in den Globalen Süden verlagerte WDR-Mann der »Jüdischen Allgemeinen« schwere Vorwürfe. »Ist das noch Journalismus oder Propaganda im Dienste einer Regierung, die sich dem Verdacht von Kriegsverbrechen stellen muss?«, fragte Restle mit scharfer Zunge. Die Antwort auf seine rhetorische Frage gab er selbst. Die JA sei ein Sprachrohr der Netanjahu-Regierung.

Nun ist der Verfasser dieser Zeilen nicht ganz neutral, was die Bewertung dieser Frage angeht. Aber wird diese Zeitung nicht seit gefühlt einer Ewigkeit vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegeben? Und ist der JA-Herausgeber nicht auch eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, ähnlich wie ARD und ZDF?

Und mal im Ernst: Glaubt Restle wirklich, dass JA-Redakteure aus Israel bezahlt werden, um Netanjahu über den grünen Klee zu loben? Sollte das der Fall sein, können wir ihm an dieser Stelle hoch und heilig versichern: Nein, es wurde bislang kein Zahlungseingang aus Jerusalem festgestellt.

Sind für Restle die Juden in Deutschland und die in Israel, die nicht seine Position zum Krieg einnehmen, nicht allesamt Claqueure der Netanjahu-Truppe? Da kann man nur spekulieren, denn eine Klarstellung hat Restle bislang nicht herausgegeben. Doch für ihn scheint Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen, wenn sie in einer deutsch-jüdischen Zeitung veröffentlicht wird, gleichbedeutend zu sein mit »Propaganda« einer ausländischen Regierung.

Auch das ist Spekulation, aber der WDR-Redakteur ist wohl kein Freund der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zum Antisemitismus. Restle wird vermutlich die »Jerusalem Declaration« bevorzugen, weil die bei der »Israel-Kritik« die Latte so hoch legt, dass man bequem darunter durchgehen kann. Das ist schade, denn die IHRA-Judenhass-Definition würde haarscharf auf Restles »Post zum Sonntag« passen.

Sie sei deswegen an dieser Stelle und trotz Hitze in voller Länge wiedergegeben: »Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.«

Michael ThaidigsmannFoto: Privat

Früher hätte man Leuten, die jüdischen Dachverbänden und der einzigen jüdischen Wochenzeitung im deutschsprachigen Raum unterstellen, sie seien nur ein Sprachrohr einer rechten Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) abgesprochen. Aber die Zeiten sind halt andere.

Doch das ist noch nicht alles. Im gleichen Tweet zeigt Restle der JA nochmals den imaginären Mittelfinger – vermutlich, weil die Redaktion sich erdreistet hatte, gleich mehrfach Kritik an der Nahost-Berichterstattung zu üben. »Das haltlose Dauerfeuer gegen ARD & ZDF richtet sich längst gegen die JA«, findet Restle. Er hätte auch schreiben können: »An uns prallt die Kritik wie an Teflon ab und fällt auf euch zurück!«

Doch wir wollen ihm nichts in den Mund legen, wiewohl wir das gern mit Restle diskutieren würden. Aber der ist ja schon einen Schritt weiter. Er wünscht sich dringend Ersatz für die JA. Es brauche »eine unabhängige jüdische Stimme«. Restle hätte auch schreiben können: »Was eine gute jüdische Zeitung ist, bestimme immer noch ich!«, der Zuspruch seiner 158.000 X-Follower wäre ihm gewiss gewesen.

Übrigens, in Nairobi war es am Sonntag gar nicht so heiß wie in Deutschland. In Kenia ist gerade Winter. Und das ist auch gut so. So behalten auch ansonsten eher hitzköpfige Redakteure des ÖRR bei ihrer crossmedialen Kritik den kühlen Kopf.

Und noch eine gute Nachricht: In Hamburg sinkt die Tageshöchsttemperatur im Verlauf dieser Woche auf mickrige 20 Grad. Es besteht also für die Redakteure der »Zeit« noch Hoffnung auf ein gutes Ende.

thaidigsmann@juedische-allgemeine.de

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