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Porträt der Woche

Aus Erfahrung handeln

»Ich war ein stilles Mädchen und wurde von anderen Mädchen verprügelt«: Marina Koren (46) aus Berlin Foto: Rolf Walter

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Aus Erfahrung handeln

Marina Koren hat Ausgrenzung erlebt und unterstützt heute Betroffene von Hassgewalt

von Gerhard Haase-Hindenberg  09.08.2026 16:03 Uhr

Geboren wurde ich in Riga. In dem Jahr, als die Sowjetunion sich auflöste, reiste ich mit meiner Mutter und deren zweitem Mann in Richtung Deutschland aus. Da war ich elf Jahre alt. Ich habe mich auf den »Westen« gefreut, mit all den Produkten, die dort auf mich warteten, von Kaugummi bis zur Barbie-Puppe. Allerdings war damit auch die Trennung von meinem Vater verbunden, der in Riga eine neue Familie hatte. Der Abschied war herzzerreißend.

An meine Kindheit in Lettland erinnere ich mich sehr gern. Dort sang ich in einem jüdischen Chor, und als ich in die dritte Klasse kam, war in unserer Stadt die erste jüdische Schule der Sowjetunion gegründet worden. Bis dahin hatten wir das Judentum im engen Kreis der Familie und mit jüdischen Freunden gelebt.

»Schlagt die Juden – rettet Russland!«

Es gab in Riga eine sehr schöne Synagoge, und am Strand des Ortes JŪrmala vor den Toren der Stadt trafen sich im Sommer viele Familien der jüdischen Gemeinde. Deshalb wurde dieser Strandabschnitt allgemein Sinai genannt. Aber es gab auch weniger schöne Ereignisse. Jungen aus dem Hinterhof hatten mit Kreide auf unsere Hauswand geschrieben: »Schlagt die Juden – rettet Russland!«

Im April 1991 sind wir, offiziell noch als »Touristen«, nach Dortmund gereist. Wir kamen in eine Unterkunft, die gegenüber einer Schweinefarm lag. Dort habe ich als Schülerin den Hof gefegt und dafür vier Mark bekommen. Die habe ich zur Seite gelegt, um von einer Telefonzelle meinen Vater in Riga anzurufen. Dafür musste ich morgens um fünf Uhr aufstehen. Um diese Uhrzeit war das Telefonnetz noch nicht so ausgelastet, und ich hatte die Chance durchzukommen.

In der Dortmunder jüdischen Gemeinde wurden wir mit offenen Armen empfangen. Im »Emuna«, dem jüdischen Jugendzentrum, hatte ich eine wunderschöne Zeit. Es gab viele Angebote, es wurde auch viel gefeiert. Keine so schöne Zeit hatte ich in der Schule. Zunächst war ich an einer Hauptschule in einer Art Willkommensklasse. Da saßen Jungen neben mir, die waren 17 und beherrschten nicht einmal die Grundrechenarten. Dann hat mich meine Mutter an einem Gymnasium angemeldet. Weil ich aber noch nicht so gut Deutsch konnte, musste ich nach einer Weile auf eine Gesamtschule, die sich als sogenannte Brennpunktschule herausstellte.

Ich habe viele Dinge ausprobiert

Ich war ein stilles Mädchen und wurde dort von anderen Mädchen verprügelt. Es gab Lehrer, die zu meiner Mutter sagten, ich müsse schnellstens von dieser Schule weg. Diesmal ging es auf eine Realschule, wo ich meine Schulzeit mit der 10. Klasse abschloss. Danach habe ich viele Dinge ausprobiert. Mal wollte ich mein Fach­abitur in Kunst machen, dann eine Ausbildung zur Dolmetscherin. Aber ich habe alles abgebrochen und stattdessen viel gefeiert.

Ich habe mich auf den »Westen« gefreut, mit all den Produkten, die dort auf mich warteten.

Schließlich wollte ich unbedingt Schauspielerin werden, aber meine Mutter fand, das sei keine gute Idee. Trotzdem habe ich mich für die Aufnahmeprüfung an einer Kölner Schauspielschule vorbereitet. Ich wurde zwar angenommen, habe danach auch an ein paar Off-Theatern wie dem »Theater im Hof« in Köln gespielt, bin aber letztlich als Schauspielerin gescheitert.

Einer unglücklichen Liebe entfliehen

Um einer unglücklichen Liebe zu entfliehen, zog ich nach Berlin. Da habe ich mich dann einmal hingesetzt und mich gefragt, was ich eigentlich will in diesem Leben. Mir war klar, dass es etwas sein sollte, was nah an Musik ist. Außerdem wollte ich irgendwann einen Dokumentarfilm drehen und ganz allgemein Gutes für die Menschheit tun. Ich gründete eine Booking-Agentur für Jazz und Worldmusic, musste aber leider feststellen, dass eine solche Agentur einen nicht ernährt. So suchte ich nach einem Job und fand ihn in einem Apartmenthaus, das in eine Geflüchteten­unterkunft umgewandelt wurde. Ich als Jüdin würde eine Unterkunft für überwiegend aus Syrien Geflüchtete leiten. Parallel dazu rief mich das »Bildungswerk für Friedensarbeit« an.

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Dazu muss ich eine Geschichte von meinem Vater erzählen. In den ersten Jahren der Unabhängigkeit Lettlands tauchten dort ehemalige Legionäre der Waffen-SS auf. Einige von ihnen waren in führenden Positionen in neuen Parteien zu finden. Sie versuchten, die Geschichte der Legion heldenhaft darzustellen, und ernannten den 16. März zu ihrem Gedenktag.

An diesem Datum wurde nun alljährlich gefeiert. Anfänglich waren das nur die Alt- und Neonazis der Umgebung, die daran teilnahmen. Dann jedoch wurden auch deutsche Neonazis darauf aufmerksam. Es organisierte sich in Lettland aber auch Widerstand dagegen. Mein Vater war sehr aktiv. Er wurde sogar der Vorsitzende des »Antifaschistischen Lettischen Komitees«. Als solcher hatte er viele Verbindungen geknüpft, auch ins Ausland und eben zum »Bildungswerk für Friedensarbeit«.

Mir kamen sofort die ersten Ideen

Das Bildungswerk rief mich also an und fragte, ob ich an einem bestimmten Projekt mitarbeiten wolle. Man hatte ältere Roma gefunden, die noch nie ihre Geschichte als Überlebende des nationalsozialistischen Völkermords erzählt hatten. Das sollte dokumentiert werden, und mir kamen sofort die ersten Ideen. Ich schlug vor, dass wir mit jeweils zwei Roma-Jugendlichen aus der Ukraine, Rumänien, Moldau und Deutschland die vier Länder bereisen. Wir würden ihnen beibringen, Interviews zu führen und in Archiven zu arbeiten. Dann würden wir zu den Überlebenden gehen und deren Geschichten dokumentieren.

Das also war mein Versuch, einen Dokumentarfilm zu drehen. Nun hatte ich aber den Job in dieser Geflüchtetenunterkunft. Zum Glück hatte mein Chef dort Verständnis und meinte, das würden wir schon irgendwie schaffen. Am Ende entstand zwar ein Film mit zahlreichen Zeitzeugenaussagen, aber es ist eben nur die filmische Begleitung eines Projekts. Ich musste mir eingestehen, dass man, um einen richtigen Dokumentarfilm zu drehen, dies von Grund auf erlernen muss.

Gemeinsam mit einer Freundin hatte ich den Verein »Kulturschaft« gegründet, in dem wir Künstler aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen zusammengebracht haben.

Gemeinsam mit einer Freundin hatte ich den Verein »Kulturschaft« gegründet, in dem wir Künstler aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen zusammengebracht haben. Mit dem 7. Oktober 2023 kam leider bei vielen die antisemitische Seite zum Vorschein. Schon am 8. Oktober wurde gepostet: »Israelische Soldaten erschießen palästinensische Kinder!« Mit einem Schlag sind alle jüdischen Mitglieder aus unserem Verein ausgestiegen. Ich war die Letzte, die noch gehofft hat, dass ein Dialog möglich ist. Dann aber schickten mir meine Gründungspartnerin und ihr Ehemann eine Nachricht, man müsse mit mir ein »ernstes Gespräch« führen, weil ich angeblich den Tod von palästinensischen Kindern befürworten würde.

Wir verbinden Kultur- und Bildungsarbeit

In der Konsequenz habe ich mit einer anderen Freundin einen neuen Verein gegründet, der »aMensch« heißt und sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben hat. Wir verbinden Kultur- und Bildungsarbeit, das Erarbeiten von Netzwerken, und irgendwann soll Forschung dazukommen. Nach dem 7. Oktober hatten wir eine Ausstellung konzipiert. Wir haben Themen aufgeschrieben, die in Deutschland unserer Meinung nach dringend aufgearbeitet werden müssten, und haben öffentliche Gelder beantragt. Uns wurde von potenziellen Geldgebern gesagt, wir müssten erst einmal die Räume für dieses Projekt haben. Und da fingen die Schwierigkeiten an. Viele Vermieter sagten, sie seien leider ausgebucht. Später tauchten teils dieselben Leute in antisemitischen Zusammenhängen auf.

Hauptberuflich leite ich heute den Schutzfonds der Amadeu Antonio Stiftung und kümmere mich um Betroffene von Hassgewalt. Solche Menschen rufen mich an und bitten um Hilfe. Gemeinsam suchen wir dann nach Lösungen. Dies kann zum Beispiel so aussehen, dass wir Sicherheitsexperten hinschicken. Zum offiziellen Teil dieser Arbeit gehört, dass wir Sicherheitsmaßnahmen finanzieren.

Darüber hinaus ist die Stiftung sehr gut vernetzt und kann Kontakt zu Organisationen herstellen, die bei der jeweiligen Hassgewalt tätig werden, wie etwa die Beratungsstelle »OFEK« bei Fällen von antisemitischer Gewalt. Wenn uns Organisationen anrufen, die angegriffen wurden, so unterstützen wir zum Beispiel bauliche Maßnahmen zu deren Schutz.

Am 14. Oktober werden wir versuchen, auf einer gemeinsamen Veranstaltung Ins­tanzen zu bündeln: Polizei, Staatsanwaltschaft und die Zivilgesellschaft. Wir holen aber auch die Politik ins Boot, die die gesetzlichen Grundlagen für deren bessere Verzahnung schaffen muss.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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