Meine ersten Jahre in Deutschland lassen sich mit einem Wort beschreiben: Kulturschock. Dass die Sprache eine andere ist, die Mehrheit der Bevölkerung nichtjüdisch und das Wetter schlechter, versteht sich von selbst. Neu war für mich vor allem der Alltag. Ich musste mich daran gewöhnen, dass der Sonntag ein Ruhetag ist oder dass die Wohnung gelüftet werden muss, selbst wenn draußen Minusgrade herrschen.
Eine der häufigsten Reaktionen meiner neuen Mitbürger auf mein Verhalten lautete: »Hat dir das niemand beigebracht?« Heute kann ich darüber lachen. Damals wusste ich oft nicht einmal, was ich eigentlich falsch gemacht hatte. Wer wie ich in ein neues Land kommt, ohne seine Regeln und kulturellen Codes zu kennen, braucht Zeit, um zu verstehen, wie alles funktioniert. Doch wie jeder gute Gast wollte ich mich dankbar zeigen und mich an die Gepflogenheiten anpassen.
Ich bin am Rand von Haifa aufgewachsen, einer gemischten Stadt, in der Juden und Araber Seite an Seite leben. Meine Biografie begann zunächst recht gewöhnlich: Kindergarten, Schule, Militärdienst. Schon als Kind faszinierte mich die Welt des Radios. Die Vorstellung, vor einem Mikrofon zu sitzen und zu Menschen zu sprechen, die mich kennen, obwohl ich selbst keine Ahnung habe, wer sie sind. In mir wuchs der Traum, eines Tages selbst im Studio zu sitzen und die Nachrichten zu präsentieren.
Um diesem Traum näherzukommen, begann ich ein Kommunikationsstudium am Yezreel Valley College. Während meiner Zeit an der Universität sagten mir mehrere Kommilitonen, dass meine Stimme besonders gut über ein Mikrofon klingt. Als sich die Bemerkungen häuften, begann ich ernsthaft, darüber nachzudenken, eine Karriere als Sprecher einzuschlagen. Zunächst übte ich in den Studios der Hochschule.
Während des Studiums lernte ich auch meine Frau kennen
Später kaufte ich mir eine einfache Ausrüstung und nahm meine ersten Tonspuren in einem wackeligen Kleiderschrank auf, der in meiner Studentenwohnung als improvisiertes Studio diente. Dabei lernte ich, dass Improvisation oft der Anfang von etwas Großartigem ist. Es war eine herausfordernde und prägende Zeit. Ich merkte schnell, dass ich häufig mehrere Dinge gleichzeitig tun muss, um voranzukommen, und dass Kreativität und Durchhaltevermögen dabei entscheidend sind. Zwei Eigenschaften, die mich bis heute begleiten.
Während des Studiums lernte ich auch meine Frau kennen. Sie war aus Deutschland für ein Auslandssemester nach Israel gekommen. Wir zogen später für einige Jahre nach Tel Aviv, wo unser erster Sohn geboren wurde. Danach entschieden wir uns, nach Deutschland zu ziehen – ohne festen Zeitplan, aber mit viel Neugier auf das, was kommen würde.
Ich musste mich daran gewöhnen, die Wohnung auch bei Minusgraden »stoßzulüften«.
Wie viele Menschen, die in ein neues Land ziehen, ohne die Sprache zu sprechen, fühlte ich mich am Anfang oft orientierungslos. Viele Fragen des Alltags blieben zunächst unbeantwortet. Das änderte sich nur langsam. Erst als ich mehr Israelis in Berlin kennenlernte, verstand ich, dass viele von uns in den ersten Jahren ähnliche Erfahrungen machen.
Parallel zu meiner Arbeit als Angestellter feilte ich weiter an meiner Karriere als hebräischer Sprecher. Während der Corona-Pandemie digitalisierten viele Museen ihre Führungen und stellten ihre Inhalte online. Dadurch entstand eine unerwartete Nachfrage nach Audioguides in meiner Muttersprache. Für mich öffnete sich plötzlich ein neues Arbeitsfeld, das mich in dieser Zeit nicht nur beschäftigte, sondern auch finanziell über Wasser hielt.
Nach dem 7. Oktober 2023 änderte sich vieles. Die Auftragslage brach plötzlich ein. Einige Institutionen, die zuvor hebräische Audioguides angeboten hatten, nahmen sie wieder aus ihrem Angebot. Offizielle Begründungen gab es kaum, doch es schien, als wollten sie mögliche Konflikte vermeiden. Gleichzeitig bemerkte ich eine Veränderung an mir: Hebräisch zu sprechen, selbst auf der Straße oder in der U-Bahn, fühlte sich plötzlich riskanter an als früher.
Ein paar Tage nach dem Terrorangriff der Hamas war ich mit meinem älteren Sohn in der Innenstadt unterwegs, den jüngeren – damals erst wenige Monate alt – auf dem Arm. Zufällig kamen wir an einer Demonstration vorbei. Die Atmosphäre wirkte aggressiv, einige Teilnehmer hatten ihre Gesichter verdeckt. In diesem Moment entschied ich instinktiv, lieber kein Hebräisch zu sprechen – zumindest so lange, bis wir außer Hörweite waren. Mein Gefühl von Sicherheit in diesem Land bekam dabei spürbare Dellen.
Die Stimmung hierzulande veränderte sich
Aus dieser Erfahrung heraus entstand die Idee für den Podcast »Ma Nisgar Berlin«, was übersetzt so viel bedeutet wie »Was geht ab, Berlin?«. Es ist ein wöchentliches hebräisches Magazin, in dem ich Themen bespreche, die für die israelische Community in Berlin im Alltag relevant sind. Was passiert kulturell gerade in der Stadt? Welche israelischen Künstler treten hier auf? Welche jüdischen Festivals, Feiertage oder Community-Treffen stehen an? Darüber hinaus bereitet der Podcast wichtige Informationen aus den deutschen Medien für ein hebräischsprachiges Publikum auf.
Etwa wenn in bestimmten Vierteln Demonstrationen angekündigt sind und es für Familien sinnvoll sein kann, diese Orte zu den entsprechenden Zeiten zu meiden. Nach einigen Folgen meines Podcasts bemerkte ich, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt zuhörten, sogar aus Israel. Daraufhin begann ich ein zweites Format mit dem Titel »Israelis on the Line«. Auch dieser Podcast ist auf Hebräisch und richtet sich an Israelis weltweit. In Gesprächen mit Gästen aus verschiedenen Ländern geht es um ihre Migrationserfahrungen, um Herausforderungen im Alltag und um das Gefühl, fern der Heimat ein neues Leben aufzubauen.
Ein zentrales Projekt im Tfuzot-Kosmos ist der »Jewish History Month«, der jedes Jahr im Oktober stattfinden soll.
Ich merkte, dass sich die Stimmung hierzulande zunehmend veränderte. Der deutliche Anstieg antisemitischer Vorfälle beunruhigte mich ebenso wie die Tatsache, dass der Begriff »zionistisch« in manchen Kreisen zu einem Schimpfwort mutierte, das mir als Graffiti von Hauswänden entgegenschrie. In dieser angespannten Atmosphäre realisierte ich, dass Podcasts allein nicht ausreichen würden.
Im Jahr 2024 begann ich deshalb mit meiner Initiative »Tfuzot«, die darauf abzielt, die israelische Identität in der Diaspora zu stärken. Im Kern geht es darum, israelische Communitys auf der ganzen Welt miteinander zu vernetzen. Wenn ich zum Beispiel als Israeli aus Kiel nach Brisbane reise, könnte ich mich über Tfuzot mit lokalen Israelis verbinden, eine Unterkunft finden, ein jüdisches Restaurant empfohlen bekommen oder eine Tour durch das jüdische Leben der Stadt buchen. Eine Plattform von Mitgliedern für Mitglieder.
Ein zentrales Projekt im Tfuzot-Kosmos ist der »Jewish History Month«, der jedes Jahr im Oktober stattfinden soll. Ich bin überzeugt, dass wir Vorurteile und Hass gegenüber Juden nur durch Bildung abbauen können. Am besten beginnt das in den Schulen. Mit Unterrichtsmaterialien zur jüdischen Religion und Geschichte, aber auch mit niedrigschwelligen Zugängen wie jüdischem Essen, Musik oder Stadtführungen durch das jüdische Leben. Gleichzeitig möchte ich Unternehmen und Institutionen einladen, den Oktober für kuratierte Panels, Workshops und Veranstaltungen zu nutzen.
Meine Projekte stehen noch am Anfang
Meine Projekte stehen noch am Anfang. Ich denke, es gibt viel Raum für Wachstum und für Menschen, die diese Reise mitgestalten möchten. Mein Traum ist ein internationales Netzwerk israelischer Communitys. Jede Stadt könnte ihre eigene Version von »Ma Nisgar« haben, und der »Jewish History Month« könnte sich zu einem globalen Projekt entwickeln, das jeden Oktober Menschen durch Wissensvermittlung und Begegnung zusammenbringt.
Tfuzot fungiert dabei als zentraler Hub. Es soll eine Plattform sein, auf der Initiativen, Projekte und Ideen von Israelis aus aller Welt zusammenkommen. Ein Ort, an dem sie sich austauschen, voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen können. Ich glaube, dass auf diese Weise eine gemeinsame Stimme der Israelis in der Diaspora entstehen kann.
Bis ich meine Vision dieser Graswurzelbewegung verwirklicht habe, entdecke ich jeden Tag neue Seiten dieser Gesellschaft. Inzwischen bin ich mehr als ein Gast. Ich bin ein Teil von ihr. Und das nicht nur, weil ich die Kunst des Stoßlüftens mittlerweile beherrsche.
Aufgezeichnet von Lorenz Hartwig