Nachruf

Kämpfer für die Wahrhaftigkeit

Albrecht Weinberg sel. A. (rechts) mit dem Fotografen Luigi Toscano bei einer Demonstration gegen Rechtsextremismus in Leer Foto: picture alliance/dpa

Mit gebrochenem Herzen denke ich an Mister Weinberg, den ich vor etwa zwei Jahren in Leer, Ostfriesland, kennenlernen durfte. Es war mir eine Ehre, ihn für mein weltweit anerkanntes Projekt »Gegen das Vergessen« porträtieren zu dürfen. An jenem Tag tauchte ich tief in seine bewegende Geschichte ein und ahnte sofort, dass sie zu denjenigen gehörte, die mein Herz auf besondere Weise berühren und mich tief traurig stimmen würden. Als wir miteinander sprachen, war es, als würden die Zeiten stillstehen. In seinem ruhigen Ton und seinem warmen Lächeln fand ich Trost und Freundschaft. Ich bemühte mich, meine Tränen zurückzuhalten, um ihm in diesem besonderen Moment meine volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Zwischen unseren Gesprächen wechselten wir immer wieder ins Englische, da er nach seiner Flucht aus Deutschland Jahrzehnte mit seiner geliebten Schwester in New York verbracht hatte und die Sprache besser beherrschte als ich. Es erfüllte ihn mit Freude, wenn ich ihn mit den respektvollen Titeln »Boss« oder »Mister Weinberg« ansprach, während ich stolz von meinen Ausstellungen in Amerika und den dortigen Begegnungen erzählte.

Beim festen Händedruck verspürte ich die Wärme der Freundschaft zwischen uns

Seine Offenheit und Herzlichkeit ließen mich sofort spüren, dass wir uns auf einer Ebene begegnen, die mich sehr berührte. Es war, als hätten wir ohne viele Worte vereinbart, uns einander zu stützen und durch Höhen und Tiefen zu gehen. Sein Wunsch, auf du und du zu sein, ehrte mich sehr, doch ich bat darum, ihn weiterhin mit dem Respekt anzusprechen, den er verdiente. So schlossen wir einen stillen Pakt, der von Vertrautheit, Respekt und Zuneigung geprägt war. Beim festen Händedruck verspürte ich die Wärme der neu entstandenen Freundschaft zwischen uns, Männer von gemeinsamem Geist, die einander wertschätzten.

Die Tage vergingen, und in unserem freundschaftlichen Austausch fühlte es sich an, als hätte das Leben uns unerwartet miteinander verwoben. Selbst in schwierigen Zeiten, wie bei der besagten Bundestagsabstimmung Ende Januar 2025, erwies sich die Verbindung zu Mister Weinberg als kostbarer Anker.

Als ich erklärte, mein Bundesverdienstkreuz aus Protest zurückgeben zu wollen, spürte ich seine Entschlossenheit, die mir Mut machte. Seine klare Stimme drückte eine unerschütterliche Überzeugung aus, die mich tief berührte. Wir standen Schulter an Schulter, fest entschlossen, unseren Standpunkt zu verteidigen. Wir wussten beide was dies bedeutet, er mehr als ich – er hatte den Holocaust überlebt.

Wir sind in diesem Moment für viele ein Vorbild geworden

Mister Weinberg hat sich entschieden sein Bundesverdienstkreuz auch abzugeben und mir in meinem Protest zu folgen. Die Entscheidung, gemeinsam ein Zeichen zu setzen, verbreitete sich wie ein Licht über die Grenzen unserer persönlichen Begegnung hinaus. Die Resonanz war überwältigend.

Selbst die »New York Times« hat über uns zwei Kerle geschrieben, und es fühlte sich an, als wären wir Teil von etwas viel Größerem, etwas, das unseren freundschaftlichen Bund über den Raum und die Zeit hinaustrug. Wir wurden zu Komplizen des Guten, zu Verteidigern der Wahrheit und zu Kämpfern für eine Welt des Respekts und der Menschlichkeit. Wir sind in diesem Moment für viele ein Vorbild geworden, aber wir wollten das nicht sein. Ich wusste nur: Wir müssen zusammenhalten.

In all diesen Erinnerungen an Mister Weinberg, an seine Weisheit, seine Freundlichkeit und seine Bereitschaft, für das Richtige einzustehen, finde ich Trost und Inspiration. Sein Vermächtnis wird weiterleben, in den Herzen derer, die ihn kannten und schätzten, und in den veränderten Realitäten, die seine Standhaftigkeit und sein Geist hervorgebracht haben. Möge sein Licht weiterhin leuchten und uns auf unserem Weg begleiten, als Zeichen der Hoffnung und des unerschütterlichen Glaubens an das Gute.

Lesen Sie auch

In tiefer Trauer und Dankbarkeit verabschiede ich mich von einem besonderen Freund, dessen Einfluss unauslöschlich bleiben wird. Mister Weinberg, du wirst für immer in unseren Herzen weiterleben und uns daran erinnern, was es bedeutet, wahrhaftig zu leben und für unsere Überzeugungen einzustehen.

Ich vermisse dich, ich brauche dich noch lieber Freund Albrecht. So sehr, dein Luigi.

Gedenken

Stolpersteine für jüdische Familie Frank in Erfurt

Als Zwölfjährige wurde Ingeburg Geißler nach Theresienstadt deportiert. Jahrzehnte später erzählt sie von ihrem Schicksal. Ihre Stimme soll nun bei der Gedenkveranstaltung erklingen

 11.08.2026

Porträt der Woche

Aus Erfahrung handeln

Marina Koren hat Ausgrenzung erlebt und unterstützt heute Betroffene von Hassgewalt

von Gerhard Haase-Hindenberg  09.08.2026

München

Klassiker des Humors

Im früheren Gemeindehaus in der Reichenbachstraße sorgte ein Abend mit Sketchen in jiddischer Sprache für Spaß und Unterhaltung

von Ellen Presser  09.08.2026

Porträt

Stil auf Rädern

Der Swing-Musiker Andrej Hermlin sammelt Oldtimer – und fährt sie, statt sie nur in der Garage zu bewundern. Ein Besuch in Pankow

von Imanuel Marcus  09.08.2026

Karlsruhe

Altes Amt mit Zukunft

Die Jüdische Kultusgemeinde ernannte erstmals einen Oberrabbiner, erinnerte an 55 Jahre Gemeindehaus und gab ihrer Synagoge den Namen eines berühmten Gelehrten der Stadt

von Mascha Malburg  09.08.2026

Reformpläne

Hilfe im Alltag

Familien mit behinderten Kindern sorgen sich, dass ausgerechnet die Unterstützung gekürzt wird, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht

von Christine Schmitt  05.08.2026

Erfurt

Schicht um Schicht

Dort, wo eben noch Parkplätze waren, wird seit wenigen Tagen nach einem Stück jüdischer Geschichte gegraben. Erst mit dem Bagger, dann von Hand

von Katrin Richter  05.08.2026

Geschichte

Bedrohlich aktuell

Ein Forschungsprojekt von NS-Dokuzentrum und Lenbachhaus untersucht, wie völkische Gedanken vor dem Ersten Weltkrieg wirkten

von Luis Gruhler  05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026