Jewrovision

»Wir eröffnen die ganze Sache …«

Werden als erste beim Wettbewerb auf der Jewro-Bühne performen: die Kinder und Jugendlichen vom Zusammenschluss »Juze Emet Nürnberg. Am Echad Bayern« Foto: juze

Es ist Halbzeit. Die Kinder und Jugendlichen haben fast zwei Stunden Probe hinter sich, und jetzt dampft erst mal die Pizza. Jeder sucht sich sein Plätzchen irgendwo im so funktionalen wie verwinkelten Erdgeschoss des Gemeindezentrums der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg (IKGN). Beim Balancieren der Pizzafladen gibt’s einiges zu bequatschen. Die meisten hängen in Gruppen ab, sitzen, stehen, schlendern ein bisschen herum. Und dann geht es weiter. »Seid ihr ready?« »Ja!« »Seid ihr ready?« »Jaa!« »Seid ihr ready?« »Jaaaaa!«

An die 35 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren drängen zurück in den Arno-Hamburger-Saal. Und was dort dann stattfindet – bleibt natürlich geheim. Immerhin ist das eine der letzten Proben vor der Jewrovision 2026, dem »größten jüdischen Gesangs- und Tanzwettbewerb Deutschlands und Europas«. Der findet in diesem Jahr in Stuttgart statt, am 15. Mai, und das ist so gut wie »übermorgen«. Wieder mit dabei (und vergangenes Jahr kamen sie auf einen tollen fünften Platz!): Juze Emet Nürnberg feat. Am Echad Bayern.

So viel wird jedenfalls verraten: Es wird abgehen bei »Juze Emet Nürnberg. Am Echad Bayern«. Der Rhythmus wird keinen still sitzen lassen, und an Überraschungsmomenten wird es ebenfalls nicht fehlen. Auch über den Text des coolen Songs soll hier nichts weiter verraten werden – außer dass er punktgenau zum diesjährigen Motto der Jewro passt: »Voices of Hope«.

Für Fred ist das die dritte Jewrovision als Juze-Leiter

»Wir kommen als Erste dran, wir eröffnen die ganze Sache!« Fred Kuperman (28), Jugendzentrumsleiter der IKGN, macht das mit der ausgelosten Startnummer eins ein wenig nervös. »Ach, was«, sagt er dann in seiner lockeren, Immer-gut-drauf-Art: »Ist vielleicht auch gar nicht schlecht. Wir machen den Anfang. Wir bringen die Energie.« Für Fred ist das die dritte Jewrovision als Juze-Leiter.

An seiner Seite weiß er dafür Rosch Lena K. (25). Sie hat 2014 als Jugendliche erstmals selbst an der Jewrovision teilgenommen, in der Leitung ist auch sie zum dritten Mal mit dabei. »Fred macht alles, was mit Orga zu tun hat, er bestellt die Sachen, erstellt die Listen, hält den Kontakt zum Zentralrat, sorgt für die Busse. Bei mir liegt mehr das Kreative, ich helfe mit bei der Choreo, schreibe die Texte für die Acts und Videos, übernehme das Gesangscoaching.«

Der Songtext, den Lena für die Jewrovision 2025 in Dortmund geschrieben hatte, ist damals als »bester« gekürt worden, und ein Jahr davor in Hannover war das auch schon so gewesen. Also scheint es mehr als logisch, sie weiter texten zu lassen. Für die Choreografin Lidia Steinbrecher (18) ist es die zweite Jewro. »Klar ist das eine Herausforderung, mit so vielen Kindern und Jugendlichen eine Bindung aufzubauen, aber ich denke mir, uns ist das gelungen, und das hat auch damit zu tun, dass wir den richtigen Ton finden. Wir schreien nicht herum und gehen die Sache mit Spaß an«, sagt sie. Lidia kommt selbst aus dem Tanzbereich (»Ich tanze, seit ich fünf Jahre alt bin«), trainiert Volkstanz, Hip-Hop, zeitgenössischen Tanz. Sie wohnt bei Nürnberg und ist mit den »Kids superzufrieden«.

Sonntags finden die megalangen Proben statt

Draußen scheint die Sonne. Es ist ein einladender Frühlingstag und Sonntag. Also keine Schule, und der Montag noch weit weg. »Und trotzdem, sie sind wieder so gut wie alle da«, sagt Fred, »und das hat wirklich meine volle Anerkennung.« Die Kinder und Jugendlichen, die zu »Am Echad Bayern« gehören – sie machen neben den »Nürnbergern« vom Juze Emet ein gutes Viertel der Gesamtgruppe aus –, kommen aus Fürth, Hof, Augsburg, Regensburg, Würzburg, Straubing. »Manche sind drei Stunden hin, drei Stunden zurück unterwegs«, sagt Fred. »Im Gegensatz zu anderen Juzes können wir deshalb auch nicht mehrfach kurz mal unter der Woche proben«, ergänzt Lena. »Wir haben den Sonntag, und da finden dann halt unsere megalangen Proben statt.«

Manche reisen bis zu drei Stunden mit dem Zug an, aus Augsburg, Würzburg oder Regensburg.

Die Sonne wird per Lamellenjalousie draußen gehalten, in der Ecke des Saals steht eine große Israelfahne. Stühle markieren die Bühne, die die Tanzenden und Singenden in Stuttgart erwarten wird. »Die Lücke da zwischen den Stühlen, das sind die zwei Türen, durch die ihr auf- und abgeht, denkt daran«, erklärt Lena.

Draußen vorm Fenster ziehen ab und zu und in ganz anderem Tempo ältere Leute mit ihren Rollatoren vorbei. Denn das Adolf-Hamburger-Heim liegt gleich nebenan. »Beine höher! Jungs, die Beine höher, und dann noch mal!« Für German (13) ist das das Einzige, was ihn ab und zu nervt, »wenn wir manchmal immer wieder einzelne Bewegungen wiederholen müssen«. Aber er sieht auch ein, dass das wichtig ist »für die Perfektion«. Ob er glaube, dass sein Team mit dem Act den ersten Platz nach Bayern holen werde? »Na, ich hoffe doch!«, sagt er motiviert.

»Wir wollen vor allem, dass alle, die teilnehmen, Spaß an der Sache haben, dass die Kids hinter dem Act stehen können und sowohl stolz auf ihre Leistung sind als auch darauf, zur jüdischen Community zu gehören. Genau das zu vermitteln, denke ich, gelingt uns ganz gut«, sagt Fred, während es German zurück zu seinen Freunden zieht, neuen Freunden von den Proben jetzt, alten von den Proben der vergangenen Jahre. Und als Erfahrener sagt er noch, dass ihm und den anderen mit jeder Jewrovision »mehr zugetraut« werde.

Für Maja (12) aus Augsburg wird es dagegen das erste Mal sein, auf der großen Jewrovision-Bühne zu stehen. Vom Warm-up ist sie noch ganz außer Atem, aber ihr Gesicht strahlt. Sie tanze einfach sehr gern, sagt sie, und dass sie auch privat Sportgymnastik mache, und ganz schön aufgeregt sei sie auch. Von Augsburg aus braucht Maja zwischen zwei und drei Stunden nach Nürnberg, »mit dem Auto oder mit dem Zug«. Keine Lust zu kommen hatte sie aber noch nie, was auch damit zu tun hat, dass auch sie hier »neue Freunde« gefunden hat, »und die will ich sehen«.

Daniel fährt zusammen mit Freunden mit dem Zug her, weil er gerne tanzt

Dagegen ist Daniel bereits ein alter Hase. Er braucht ebenfalls Stunden, um aus Würzburg hier ins Juze Emet zu kommen. Schon »fünf- oder sechsmal« war der 18-Jährige bei der Jewro mit dabei. Daniel fährt zusammen mit Freunden mit dem Zug her, weil er gerne tanzt, obwohl er vom Tanzen »eigentlich keine Ahnung« habe. Auf Stuttgart freut sich Daniel, auch weil er da andere wiedersieht, mit denen er gut vernetzt ist.

Nina (14) ist »ziemlich excited«, und sie freut sich »sehr, sehr« auf den Special Act. Noa Kirel wird performen! »Ich mag ihre Stimme total, und sie tanzt cool.« Auf Noa Kirel freuen sich alle, auch die Roschim, auch die Choreografin. Fred würde sich allerdings noch mehr freuen, wenn Noa ihren Mann mitbrächte: Daniel Peretz, ein Top-Fußballer, mit Vertrag bei den Bayern.

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