Zentrum

Jüdische Präsenz

Sie ziert das Stadtbild Münchens, mitten in der Altstadt, nur wenige Gehminuten von Rathaus und Viktualienmarkt entfernt: Die Hauptsynagoge »Ohel Jakob« der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbay­ern (IKG) ist eines der bedeutendsten baulichen Zeugnisse jüdischer Präsenz in Deutschland. Der moderne Sakralbau, der gemeinsam mit dem Gemeindezentrum und dem städtischen Jüdischen Museum das Jüdische Zentrum München bildet, wird im Herbst den 20. Jahrestag seiner Eröffnung feiern.

Die Geschichte des Gebäudes erzählt auch die jüngere Geschichte der Stadt München. »Ohel Jakob«, »Zelt Jakobs«, so hieß bereits die Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße aus dem Jahr 1892, die die Nationalsozialisten in der Pogromnacht 1938 in Brand steckten. Zuvor war im Juni desselben Jahres auf Befehl Hitlers die alte Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße abgerissen worden, danach nutzte man die Fläche als Parkplatz.

Auch hier parkten nach dem Krieg erst einmal Autos

Viele Jahrzehnte später wurde dann eine andere Brachfläche in der Innenstadt, der St.-Jakobs-Platz, zum neuen Zentrum jüdischen Lebens in München. Auch hier parkten nach dem Krieg erst einmal Autos, während das Gemeindeleben der IKG sich in der nahen Reichenbachstraße abspielte, im sprichwörtlichen Hinterhof.

Ein neues Kapitel begann, als mit der Zuwanderung aus der zerfallenden Sowjetunion Anfang der 90er-Jahre die alten Strukturen für die Bedürfnisse der IKG zu klein wurden.

Oberbürgermeister Christian Ude machte das Projekt damals zur Chefsache.

Als IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch schließlich ihren Herzenswunsch, die sichtbare Rückkehr jüdischen Lebens in die Mitte der Stadt, dem neu gewählten Oberbürgermeister Christian Ude vortrug, machte dieser das Projekt zur Chefsache. Den 1999 ausgeschriebenen städtebaulichen Wettbewerb für den St.-Jakobs-Platz gewann 2001 das Saarbrücker Architekturbüro Wandel Hoefer Lorch, das auch die neue Synagoge in Dresden baute.

Nach der Grundsteinlegung am 9. November 2003 wurde aus dem Traum eines zentral gelegenen Neubaus schließlich Wirklichkeit. An der feierlichen Einweihung der Hauptsynagoge »Ohel Jakob« drei Jahre später nahmen unter anderem Bundespräsident Horst Köhler und Ministerpräsident Edmund Stoiber teil.

Peter Merkin, Vorsitzender des Synagogenvorstands, des Vaad, war bei der Eröffnung damals mit dabei. »Die Synagoge symbolisiert die jüdische Präsenz in der Stadt«, erklärt er. »Auch nichtjüdische Münchner zeigen sie ihren Gästen mit Stolz.« Jüdische Besucher, etwa aus Israel oder Nordamerika, die auch an Gottesdiensten teilnähmen, seien ebenfalls begeistert. Die Synagoge, mit 454 Plätzen die größte in München, müsse den internationalen Vergleich nicht scheuen. Sie sei »eine der schönsten modernen Synagogen, hell und anziehend«, betont Merkin mit Blick auf den Glaskubus, durch den das Licht von vier Seiten den Innenraum erleuchtet. Er selbst habe schon Synagogen in aller Welt gesehen, »aber diese ist einzigartig«.

Rund 200 Personen sind jeden Schabbat vor Ort

Der von Merkin geleitete ehrenamtliche Vaad fungiert als Bindeglied zwischen den Mitpallelim, also der Beter-Gemeinschaft, dem Rabbinat und dem Vorstand der IKG. In seinen Aufgabenbereich fallen unter anderem die Verwaltung der Synagogenplätze und der in den Gottesdiensten zugesagten Spenden. Rund 200 Personen sind jeden Schabbat vor Ort, sagt Merkin. Das sei eine beeindruckende Zahl, zu der nicht zuletzt auch die Kidduschim nach dem Gottesdienst beitragen würden. »Es ist eine Frage der Atmosphäre, man sitzt auch nach dem Gebet noch stundenlang zusammen.« Dabei ist es bis heute geblieben.

Am 9. November 2003 wurde aus dem Traum eines zentral gelegenen Neubaus Wirklichkeit.

Auch die IKG-Präsidentin ist jede Woche in »ihrer« Hauptsynagoge anzutreffen. Mehrmals im Monat ist zu Schabbat ein Kantor vor Ort, der zusammen mit dem Synagogenchor »Schma Kaulenu« unter Leitung von David Rees den musikalischen Rahmen für das Gebet setzt. Das alles sind gewachsene Strukturen. Was aber hat sich verändert in den vergangenen 20 Jahren? »Früher«, antwortet Merkin, »fanden außer an Schabbat und Feiertagen die Gottesdienste in der Wochentagsynagoge im Untergeschoss statt« – er selbst hat dort geheiratet. »Während der Pandemie wurden alle Gebete in den Hauptraum verlegt, weil hier mehr Platz ist.«

Siddurim in Deutsch, Englisch, Russisch, Italienisch und Spanisch

Auch die Zusammensetzung der Beter ist nicht mehr dieselbe. Im Laufe der Jahrzehnte hat es einen Generationswechsel gegeben. Man sei internationaler geworden, führt Merkin aus, zweisprachiges Siddurim gebe es außer in Deutsch, Englisch und Russisch inzwischen auch in Italienisch und Spanisch. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der regelmäßigen Beter zudem um eine zweistellige Zahl geflüchteter Ukrainer angewachsen.

Zu den Konstanten im Haus zählt der seit 2016 amtierende Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman. Für ihn ist die Synagoge ein wunderbarer Teil seines Alltags: »Das ist ein Ort, wo Menschen wirklich zusammenkommen, ein echtes Beit Knesset. Wir sind stolz und froh, dass wir eine so schöne Synagoge haben. Die Menschen kommen gern und fühlen sich wohl. Sie spüren die gute Stimmung.«

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über Münchner Synagogen.

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