Leer

Holocaust-Überlebender Weinberg mit 101 Jahren gestorben

Albrecht Weinberg Foto: picture alliance/dpa

Der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg ist im Alter von 101 Jahren gestorben. Er hatte erst im März mit Hunderten Gästen in Leer seinen 101. Geburtstag und gleichzeitig die Premiere des Dokumentarfilms über sein Leben »Es ist immer in meinem Kopf« gefeiert. Weinberg starb am Dienstag in Leer, wie die Stadt mitteilte. Zunächst hatte die »Ostfriesenzeitung« darüber berichtet. 

»Seit seiner Rückkehr aus New York in seine ostfriesische Heimat vor 14 Jahren hat Albrecht unermüdlich und mit einer unvorstellbaren Energie von seinen schrecklichen Erlebnissen während des Nationalsozialismus berichtet und immer wieder vor dem Vergessen gewarnt«, sagte Leers Bürgermeister Claus-Peter Horst.

Für die Stadt Leer sei der Tod Weinbergs ein großer Verlust. Als Kind sei Weinberg mit seiner Familie auf Weisung der Nazis unter anderem durch Leer zur Viehhalle getrieben worden, wie die Stadt weiter mitteilte. Angeordnet worden sei das in dem Rathaus, in dem der Holocaust-Überlebende dann viele Jahrzehnte später die Ehrenbürgerwürde in Empfang nehmen sollte.

Weinberg überlebte drei Konzentrationslager

Sie waren Ostfriesen, die Weinbergs aus Rhauderfehn. Albrechts Vater hatte für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft. Und doch wurde dieser nie zuerst mit seinem Vornamen Alfred angesprochen.

Immer schickten sie zuerst »de Jööd« voran, plattdeutsch für »der Jude«. »Ich war elf, da haben sie mich von der Schule geworfen«, erinnerte sich Weinberg. Freunden wurde verboten, mit ihm zu spielen.

So begann für ihn die Ausgrenzung der Juden in Deutschland, an deren Ende die Ermordung von Millionen von Menschen stand.

Albrecht Weinbergs Eltern wurden 1945 in Auschwitz ermordet.

Dorthin verschleppten sie auch ihn. Dass diejenigen, die bei der Ankunft in eine andere Richtung gehen mussten als er selbst, in den Tod in den Gaskammern geschickt wurden, war ihm damals noch nicht bewusst. Als er am Ende seines Leidensweges im April 1945, nach drei Todesmärschen, aus dem niedersächsischen Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle befreit wurde, sei er ein Knochengerippe gewesen, so berichtete er viele Male vor Schulklassen oder bei Lesungen. »Mit Haut überzogen, zwischen den Gerippen von Bergen von Leichen.«

Nach der Befreiung fand er seine Schwester Friedel wieder, die als eine der wenigen der Familie überlebt hatte. Gemeinsam wanderten sie nach Amerika aus. Dass er im Alter wieder in Deutschland leben würde, hätte er sich damals nicht vorstellen können. Friedel und er blieben zusammen. Er eröffnete mit einem Freund in New York eine Fleischerei, die den Lebensunterhalt sicherte. 2012 verschlug es die Geschwister dann doch nach Leer, ganz in die Nähe ihres Geburtsortes. Nachdem Friedel einen Schlaganfall erlitten hatte, zogen sie dorthin in ein Altenheim.

Die Pflegerin Gerda Dänekas bekam den Auftrag, sich um sie zu kümmern. Nach Friedels Tod wurde sie zur wichtigsten Begleiterin in Albrecht Weinbergs Leben. Sie nahm gemeinsam mit ihm eine Wohnung und sie ermunterte ihn, über die Vergangenheit zu sprechen. Das erste Mal überhaupt erzählte er 2013 einer Historikerin der Gedenkstätte Bergen-Belsen seine Lebensgeschichte. Fortan wurde er zu einem ebenso umtriebigen wie geschätzten Zeitzeugen. Gemeinsam mit Gerda Dänekas war er unzählige Male in Schulen, bei Vorträgen und Lesungen unterwegs. Später kam der Journalist Nicolas Büchse dazu, der zusammen mit Weinberg dessen Biografie geschrieben hat.

Zum 100. Geburtstag im vergangenen Jahr hatte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratuliert und dem gebürtigen Rhauderfehner in einer Grußbotschaft gedankt. »Ihre Geschichte ist eine Mahnung für uns nachfolgende Generationen. Ihr unermüdliches Engagement darin, Schülerinnen und Schüler über die Vergangenheit aufzuklären, hat mich bereits zu Beginn meiner Amtszeit beeindruckt«, schrieb Steinmeier in einer Mitteilung des Bundespräsidialamtes.

Bundesverdienstkreuz aus Protest zurückgegeben

Weinberg hatte sich besorgt vor einem erstarkenden Rechtsextremismus in Deutschland gezeigt. Nachdem die Union mit Stimmen der AfD einen Bundestagsantrag zur Migrationspolitik durchgebracht hatte, gab er aus Protest sein Bundesverdienstkreuz an Bundespräsident Steinmeier zurück. 

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Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hatte Weinbergs Engagement gewürdigt. »Weinberg erinnert uns daran, dass die Würde des Menschen, Respekt und gegenseitige Verantwortung das Fundament unseres Zusammenlebens bilden«, erklärte der Politiker. Sein Einsatz mahne zugleich, die Erinnerung wachzuhalten und sich aktiv für Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit einzusetzen.

Israels Botschafter Ron Prosor hob auf der Plattform X hervor, Weinberg sei ein »Mensch voller Würde, Wärme, Humor und unerschütterlicher Kraft« gewesen.

Auch die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg trauert. »Sowohl persönlich als auch im Namen des Vorstands, möchte ich die große Trauer über den Tod unseres geschätzten und geliebten Mitglieds Albrecht Weinberg sel A. zum Ausdruck bringen«, teilt die Gemeindevorsitzende Claire Schaub-Moore mit. »Er wird uns stets in besonderer Weise in Erinnerung bleiben, als Mahner, Zeitzeuge, Verfechter der Demokratie und guter Freund. Ich danke ihm für seinen Mut, seine Wachsamkeit, seine unnachahmliche Freundlichkeit und Zugewandtheit und seinen Humor, der uns immer wieder erinnert, was in schwierigen Zeiten hilft. Möge er nun in Frieden ruhen! Baruch Dajan haEmet.«

dpa/epd/ja

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