Zentralrat

»Die Einheitsgemeinde hat sich etabliert und bewährt«

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: Marco Limberg

»Wie sieht jüdisches Leben in Deutschland aus? Wie viel Normalität ist möglich? Wie gehen wir mit Antisemitismus um?« Diesen Fragen widmete sich am Dienstagabend ein Online-Seminar der Konrad-Adenauer-Stiftung Rheinland-Pfalz. Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, nahm daran als Redner und Gesprächspartner teil.

Ursprünglich sollte die Veranstaltung in der ehemaligen, heute als Kulturzentrum genutzten Synagoge der bei Trier gelegenen Stadt Schweich stattfinden. Wegen der anhaltenden Pandemie wurde das von Thomas Roth, Chefredakteur der Zeitung »Trierischer Volksfreund«, moderierte Seminar in den digitalen Raum verlegt.

Diesen Umstand bedauerte Daniel Botmann, der in Trier aufwuchs und studierte: »Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die Heimat zu besuchen.« In seinem Impulsvortrag skizzierte er zunächst die jüngste Geschichte der jüdischen Gemeinden in Deutschland.

»Die jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland ist eine große Erfolgsgeschichte.«

Zentralratgeschäftsführer Daniel Botmann

Die Einheitsgemeinde habe sich als deutsche Form der Jüdischen Gemeinde etabliert und bewährt. Gleichwohl sei das Judentum in Deutschland vielfältig, betonte Botmann.

Er sagte, die jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion sei der Garant für das Überleben der Gemeinden gewesen. »Viele jüdische Gemeinden wären nur noch auf dem Papier existent, wenn es keine Zuwanderung gegeben hätte«, betonte der Zentralratsgeschäftsführer.

Zugleich stellte er die jüdische Zuwanderung nach Deutschland als eine Erfolgsgeschichte heraus. »Die Integration ist hervorragend gelungen«, sagte Botmann. Er benannte aber auch, dass es für ältere Menschen sehr viel schwieriger ist, sich in eine neue Gesellschaft zu integrieren.

Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann beim ImpulsvortragFoto: screenshot

Daniel Botmann sprach auch gegenwärtige Herausforderungen an, zu denen beispielsweise die Corona-Pandemie zählt. »Das gemeindliche Leben ist sehr zum Erliegen gekommen«, bedauerte Botmann. Gleichwohl habe die Pandemie auch in den jüdischen Gemeinden einen enormen Digitalisierungsschub mit sich gebracht. Die Gemeinden seien im Rahmen der Möglichkeiten sehr bemüht, alternative Angebote zu entwickeln.

Den Antisemitismus ließ Botmann ebenso nicht unerwähnt: »Das ist ein Thema, das aktuell und leider präsent ist.« Er sprach den jüngsten Vorfall in Bochum an, wo ein Unbekannter in der Nacht auf Montag auf die Synagoge schoss.

»Wir sehen antisemitische Auswüchse gerade auch in der Pandemie.«

Daniel Botmann

Botmann berichtete außerdem von einem erheblichen Zuwachs antisemitischer Vorfälle im schulischen Kontext. »Das ist eigentlich erschreckend«, kommentierte der Zentralratsgeschäftsführer.

»Wir sehen antisemitische Auswüchse gerade auch in der Corona-Pandemie«, ergänzte er. »Damit man Antisemitismus bekämpfen kann, ist es in erster Linie wichtig, dass man Antisemitismus erkennt«, mahnte Botmann. Dazu sei die IHRA-Antisemitismusdefinition bestens geeignet.

Als ein weiteres, für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wichtiges Thema sprach Daniel Botmann die Frage an, wie die Synagogen für junge Menschen und junge Familien attraktiv gemacht werden können.

BILDUNG Im anschließenden Gespräch konnten einige Themen aus dem Vortrag präzisiert werden. So regte Botmann an, Bildungsformate gegen Antisemitismus noch weiter zu fassen: »Wie sieht es aus mit verpflichtenden Gedenkstättenfahrten von Schulklassen?«

Die Integrationsseminare für Geflüchtete und den lebenskundlichen Unterricht für Bundeswehrsoldaten benannte Botmann als weitere Aspekte. »Es gibt sehr viele Möglichkeiten, im Bildungsbereich aktiv zu werden«, resümierte er.

»Wir wollen auch die positiven Aspekte des Judentums zeigen«, betonte Botmann.

Dieter Burgard, Beauftragter der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin für jüdisches Leben und Antisemitismusfragen, berichtete von einem aus Israel stammenden Schüler, der an einer Schule in Trier massiv gemobbt worden sei. Er habe die Schule verlassen, und es sei schwierig gewesen, für ihn eine neue Schule zu finden.

Es sei wirklich sehr ernüchternd, was man aus diesem Bereich mitbekomme, sagte Daniel Botmann. »Die Schule bereitet mir große Sorgen.« »Wir müssen dringend an Phänomen des Antisemitismus in der Schulklasse ran«, mahnte der Zentralratsgeschäftsführer.

FACEBOOK Ein Seminarteilnehmer warf die Frage der Hasskriminalität im Netz auf. Sie sei ein schwerwiegendes Problem, sagte Botmann. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz eröffne die Möglichkeit, effektiv Hasspostings zu melden. Es werde jetzt verschärft.

Botmann weiß jedoch: »Die Hürde für eine NetzDG-Meldung auf Facebook ist derart hoch, dass nur wenige Leute davon Gebrauch machen.« Gespräche mit Facebook hätten gezeigt, dass dieser und andere Netzwerkbetreiber nicht gewillt seien, beherzt einzugreifen und gegen Hass vorzugehen.

Daniel Botmanns Gespräch mit den Seminarteilnehmern drehte sich unterdessen nicht nur um Antisemitismus und Hass. So wurden auch Aspekte des jüdischen Lebens in Trier und Region angesprochen.

Botmann, der sich über viele bekannte Gesichter unter den Teilnehmern freute, machte einen wichtigen Schwerpunkt der Arbeit des Zentralrats deutlich: »Wir wollen auch die positiven Aspekte des Judentums zeigen.«

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