Linken-Parteitag

Sie nennen es jetzt einen Genozid

Die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner bei ihrer Eröffnungsrede Foto: picture alliance / dts-Agentur

Kufiyas waren auf dem Parteitag der Linken in Potsdam am vergangenen Wochenende allgegenwärtig. Zahlreiche Delegierte waren in »Palästinenserschals« gehüllt zur Debatte über die Haltung ihrer Partei zum Nahostkonflikt erschienen. Mehrere Frauen traten mit Kufiya-Halstuch ans Rednerpult. Die Bundestagsabgeordnete Cansın Köktürk hatte sich gar ein weißes Oberteil mit Kufiya-Muster angezogen.

So bewies der Parteitag auch optisch, dass die »Palästina-Folklore« längst Teil der linken DNA geworden ist, wie es früher beispielsweise die Solidarität mit dem kommunistischen Kuba war. Vom Parteitag sollte ein Signal der Verurteilung Israels ausgesendet und Israels Krieg gegen die Hamas als Genozid gebrandmarkt werden.

Gleichzeitig wollte die Linken-Führung um den scheidenden Co-Vorsitzenden Jan van Aken mit aller Macht verhindern, dass das Thema die Partei erneut dem Vorwurf aussetzen würde, mit überzogener Kritik an Israel den Antisemitismus zu befördern und für Juden unwählbar zu sein.

Das gelang nur teilweise, denn im Vorfeld des Treffens waren zahlreiche Anträge zum Themenfeld Nahost eingegangen, die für eine radikalere, israelfeindliche Positionierung der Partei plädierten. Dabei hatte sich die Linke auf ihrem Parteitag in Halle 2024 des Themas bereits ausführlich angenommen. Doch seitdem hat sich das innerparteiliche Kräftegleichgewicht weiter zu Ungunsten der noch verbliebenen Israel-Freunde verschoben.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Einige von ihnen, wie der frühere Berliner Kultursenator Klaus Lederer oder der brandenburgische Antisemitismusbeauftragte Andreas Büttner, haben der Partei den Rücken gekehrt. Die meisten werden die Austritte verschmerzen können. Mit ihrem lautstarken Protest gegen den Gaza-Krieg und gegen die »Staatsräson« hat die Linke es nämlich vermocht, massiv Neumitglieder zu gewinnen. Seit 2024 hat sich die Zahl der Genossinnen und Genossen mehr als verdoppelt. Aktuell sind es 126.000, die Tendenz ist weiter ansteigend.

Schwerdtner gibt gleich zu Beginn der Aussprache den Ton vor

Die scharfen antiisraelischen Tiraden und »Free Palestine«-Rufe von Rednerinnen wie Köktürk oder der Europaabgeordneten Özlem Alev Demirel wurden vom Parteitag denn auch lautstark beklatscht, wenngleich einige Delegierte den Kopf schüttelten und andere eher genervt vor sich hin starrten.

Die Linken-Co-Vorsitzende Ines Schwerdtner hatte zuvor in ihrer Eröffnungsrede versucht, möglichst viele Delegierte mitzunehmen. Die 36-Jährige musste sich nämlich am nächsten Tag einer Wiederwahl stellen – anders als der 65-jährige van Aken, der nach kurzer Amtszeit als Parteivorsitzender ausschied.

Zielstrebig kam Schwerdtner zu ihrer wichtigsten Aussage: »Es gab in den letzten zwei Jahren genau einen Moment, in dem ich von einem Beschluss der Partei abgewichen bin. Ein einziges Mal. Es ging darum, Worte für das Grauen in Gaza zu finden.«

Dann folgte der Satz, für den sie lautstarken Beifall erhielt. »Ich habe mich entschlossen, es einen Genozid zu nennen.« Sie sage das nicht, schob sie nach, um Applaus zu bekommen, sondern weil sie ihrem Gewissen gefolgt sei und wohlwissend, dass es dazu innerparteilich sehr unterschiedliche Auffassungen gebe.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Für die anschließende Beratung des Antrags G.01 -»Für gleiche Rechte im Nahen Osten / Westasien – gegen jeden Rassismus und Antisemitismus« war damit der Ton gesetzt. Zwar hatten sich im Vorfeld des Potsdamer Parteitages die verschiedenen Parteiflügel unter Vermittlung van Akens auf einen Konsenstext verständigt, um Kampfabstimmungen und den Eindruck einer Spaltung der Partei in der Haltung zum Nahostkonflikt zu verhindern.

Forderung nach Boykott israelischer Institutionen

Doch der Leitantrag wurde an einigen Stellen nachgeschärft. So heißt es dort nun, anders als in der ursprünglichen Fassung: »Internationale Organisationen, Menschenrechtsorganisationen und zahlreiche Völkerrechtler*innen sprechen von einem Völkermord an den Palästinenser*innen in Gaza. Wir schließen uns dieser Einschätzung an.« Der Beschluss fordert darüber hinaus Boykottmaßnahmen gegen »wirtschaftliche, staatliche und akademische Institutionen« in Israel, wenn diese an der »Besatzungs- und Siedlungspolitik« beteiligt seien.

Zudem spricht sich die Linke erneut für ein Waffenembargo gegen Israel, die »Anerkennung des Staates Palästina«, den »Abbau illegaler jüdischer Siedlungen im besetzten Westjordanland« sowie »eine integrative Zweistaatenlösung, in der das Selbstbestimmungsrecht sowohl von Palästinenser*innen als auch von Jüdinnen und Juden verwirklicht werden kann«, aus.

Versuchte im Vorfeld zu vermitteln: Jan van Aken, der als Parteivorsitzender nun ausgeschieden ist Foto: picture alliance / Chris Emil Janßen

Vorstöße, die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe zu stellen, lehnt man dagegen strikt ab. »In den letzten drei Jahren wurden, auch im Zuge der deutschen Unterstützung israelischer Kriegsverbrechen, Meinungs- und Versammlungsfreiheit bereits über alle Maßen eingeschränkt. Diese weitere Eskalation werden wir bekämpfen«, heißt es in dem Beschluss.

Womöglich, um Kritik vorsorglich abzuwenden, wurden in den Leitantrag auch zahlreiche Passagen eingefügt, in denen man sich als »Partei der doppelten Verantwortung« für Palästinenser und Juden gleichermaßen präsentiert. Man stehe »gegen Antisemitismus in all seinen Formen, für die Sicherheit von Jüdinnen und Juden sowie für den Schutz jüdischer Selbstbestimmung und gleichzeitig für die Rechte, die Sicherheit und die Selbstbestimmung der Palästinenser*innen sowie gegen anti-palästinensischen und anti-muslimischen Rassismus«, beides sei »untrennbar« miteinander verbunden, heißt es in dem verabschiedeten Papier.

Ob das die Kritiker überzeugen wird, darf bezweifelt werden. Denn schon die Definition von Antisemitismus ist innerhalb der Linken umstritten.

Bericht über antisemitische Umtriebe bei der Linksjugend

Vor dem Parteitag hatte zudem eine Recherche des »Bayerischen Rundfunks« für Wirbel gesorgt, wonach Funktionäre der Linksjugend in den sozialen Medien und Chatgruppen antisemitische Aussagen getätigt und die Hamas verharmlost haben sollen.

Lesen Sie auch

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach denn auch von »Lippenbekenntnissen« zum Schutz jüdischen Lebens und betonte, die Linke sei unglaubwürdig. Und der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, sagte, die Partei sei für Juden nicht mehr wählbar. »Politik wird nicht durch Papiere, sondern durch Akteure, insbesondere Funktionäre und Amtsträger, gestaltet. Und manche von ihnen sind alles andere als vertrauenswürdig«, schrieb er in einem Beitrag für diese Zeitung.

»Letzte Verteidigungswelle«

Haftstrafen gegen junge Neonazis

Seit März standen in Hamburg mutmaßliche Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe »Letzte Verteidigungswelle« vor Gericht. Weil sie so jung sind, ohne Öffentlichkeit. Nun sind die Urteile gefallen.

 05.08.2026

Jackson Irvine beim WM-Spiel Australien gegen Ägypten, 3. Juli 2026

Nach Antisemitismus-Vorwürfen

Umstrittener FC St. Pauli-Kapitän Jackson Irvine wechselt nach Japan

Der Australier war wegen anti-israelischer Gesten heftig kritisiert worden und hatte vergangene Saison bei dem Bundesligaabsteiger für eine Krise unter Führung und Fans gesorgt

 05.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Wahl zum Abgeordnetenhaus

Umfrage: Linke in Berlin auf Platz eins

Am 20. September findet die Wahl zum Landesparlament statt. Würde schon am Sonntag gewählt, bekäme die Linke einer Umfrage zufolge die größte Zustimmung. Doch das Rennen ist knapp

 05.08.2026

Nach CSD-Anschlag

So viele islamistische Gefährder müssen nun in Berlin Fußfesseln tragen

Eine Übersicht

 05.08.2026

Berlin

Viele Fragezeichen zu CSD-Anschlag nach Sondersitzung

Gab es Kommunikationsprobleme zwischen Sicherheitsbehörden und Politik vor dem Anschlag am Rande des CSD? Abgeordnete sehen reichlich offene Fragen rund um die Tat

 05.08.2026

Berlin

Insolvenz: Masorti-Grundschule muss schließen

Die Hintergründe

von Mascha Malburg  05.08.2026

Arlington (Virginia)

USA haben Großteil ihrer Langstreckenraketen im Iran-Krieg verbraucht

Im Verlauf der Operation »Epic Fury« wurden bereits nahezu sämtliche verfügbaren Army Tactical Missile Systems (ATACMS) sowie Precision Strike Missiles (PrSM) eingesetzt

 05.08.2026

Großbritannien

Antisemitische Vorfälle in Großbritannien um 21 Prozent gestiegen

Der Community Security Trust registriert einen Fall von lebensbedrohlicher Gewalt sowie 135 körperliche Angriffe – so viele wie noch nie in einem ersten Halbjahr

 05.08.2026