»Ich hasse es, wenn ich recht behalte«, sagt der Chaos-Forscher Dr. Malcolm, als er schwer verletzt von jenem brüllenden T-Rex verfolgt wird, vor dessen Ausbruch er gewarnt hatte. Kein Ungeheuer, keine Gefahr lässt sich auf Dauer einhegen, so die Lehre von Steven Spielbergs »Jurassic Park«, der fast zeitgleich mit seinem Film »Schindlers Liste« ins Kino kam. 30 Jahre vor dem größten Pogrom an Juden nach der Schoa.
Drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 haben wir nicht nur recht behalten mit allen Befürchtungen, sie wurden weitübertroffen. Das Ungeheuer Judenhass ist ausgebrochen und wütet mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen.
Sein Appetit ist ungebrochen und es wird täglich gefüttert. Selbst zum Jahrestag des Massakers wurde auch in deutschen Städten zum »Widerstand bis zum Sieg« mobilisiert und der »über 70.000 Märtyrer« gedacht.
Mit der bestialischen Schlacht am 7. Oktober eröffnete die Hamas einen grausamen Krieg gegen Israel und gegen das eigene Volk. Zehntausende Tote, Hunderttausende zerstörte Leben später durchzieht eine Schneise der Verwüstung die Landschaft in Gaza und in Israel und frisst sich durch die Herzen. Die jüdische Gemeinschaft ist zusammengerückt. Israel ist heute militärisch stärker als zuvor, aber die Welt ist uns fremd und unheimlich geworden.
Der asymmetrische Krieg dauert an und er wird an sieben militärischen Fronten und als Schlacht um die Deutungshoheit geführt. Mit KI, Drohnen und Raketen. Mit Terror, archaischer Gewalt und Propaganda. Mit Worten und Bildern. Genozid, Kriegsverbrechen, Hungersnot. Die jüdische Gemeinschaft sieht dabei völlig andere Bilder vor sich als die Mehrheit weltweit. Der geschändete Körper Shani Louks auf dem Pick-up und die jubelnde Meute in Gaza; das angstverzerrte Gesicht von Shira Bibas mit ihren beiden kleinen Kindern Kfir und Ariel, die mit bloßen Händen erwürgt wurden; der ausgemergelte Eviyatar David, der sein eigenes Grab schaufeln musste. Bilder, die die jüdische Gemeinschaft traumatisiert haben, die für die meisten aber längst verschüttet sind unter den Trümmern in Gaza.
Dieser Krieg kennt nur Verlierer. Das war absehbar. Mit dem Ausmaß der Bereitschaft aber, die Barbarei zu legitimem »Widerstand« umzudeuten, hatte nicht einmal die Hamas rechnen können. Im Mittelpunkt stand auch medial sofort die Sorge vor den Folgen der israelischen Selbstverteidigung. Die Opfer des 7. Oktober wurden emotional ausgebürgert, selbst wenn sie Deutsche waren wie die junge Studentin Carolin Bohl, die zum ersten Mal in ihrem Leben in Israel war und im Kibbuz Nir Oz ermordet wurde. Auch ihre Familie erlebt nun, dass es für ihren Schmerz kaum Resonanz gibt. In Berlin, der Stadt, in der Carolin lebte, triumphiert mit der Linken eine Partei, in der sich jene willkommen fühlen, die ihren Mördern zujubeln.
Jüdische Kronzeugen
Gleichwohl gibt es auch in jüdischen Kreisen Unterstützung für eine Koalition mit eben dieser Linken. Sie schauen ausschließlich nach rechts, weil nicht sein kann, was im eigenen Weltbild nicht sein darf. Dankbar wird die Hilfe jüdischer Kronzeugen genutzt, um Judenhass kleinzureden.
Auch NAZA, der Dokumentarfilm, der nicht nur phonetisch Nazis und Gaza verbindet, schaut radikal nur in eine Richtung und wird dafür gefeiert. Dass die Filmemacher selbst Juden und Israelis sind, adelt den Jubel dieser einseitig moralischen Anklage der israelischen Kriegsführung, macht ihn über jeden antisemitischen Verdacht erhaben. Reicht das aus, um den Fragen, die der Film stellt, auszuweichen? Sicher nicht. Was sind die Filmemacher – mutige Journalisten, naive Humanisten oder Verräter? Den genozidalen Kriegern im Zeichen des roten Dreiecks ist die Antwort so gleichgültig wie einst den Nazis unterm Hakenkreuz.
Das gefräßige Ungeheuer fragt nicht, wer welche Petition unterzeichnet oder wer auf welcher Demo war. Viele der Opfer des 7. Oktober haben sich für ihre palästinensischen Nachbarn engagiert. Für ihre Mörder spielte das keine Rolle, denn Juden werden nicht gehasst, für das, was sie denken oder tun, sondern für das, was sie sind. Israel wird nicht bekämpft wegen seiner Politik oder seiner Grenzen, sondern wegen seiner schieren Existenz. »From the river to the sea« – die »Freiheit Palästinas« meint die Auslöschung des jüdischen Staates.
Wer aber nicht sehen will, der schaut weg. Ideologische Blindheit ist verführerisch und tödlich. Sie hat den israelischen Ministerpräsidenten alle Warnungen - egal, woher sie kamen, ob von den eigenen Beobachtungsposten an der Grenze zu Gaza, ob vom israelischen oder ausländischen Geheimdiensten, ob aus Ägypten, Dubai oder Katar – übersehen und überhören lassen in der irrigen Selbsttäuschung, die Hamas eingehegt zu haben. Das Ungeheuer aber hat sich nicht an die Fütterungszeiten gehalten und am 7. Oktober die Zäune niedergetrampelt.
Auch der »8. Oktober«, der Verrat vermeintlich Verbündeter, hat uns unvorbereitet getroffen, weil wir nicht sehen wollten, was wir hätten sehen müssen.
»Wie war das möglich?« Mit dieser Frage sind wir aufgewachsen. Sie galt der Schoa und der Sorge, dass der Ungeist, der sie ermöglicht hat, zu neuem Leben erwachen könnte. Wir wussten, dass der Hass, ganz gleich auf welche Minderheiten, am Ende immer auch Juden treffen würde. In Heidenau wütete vor elf Jahren ein rechtsradikaler Mob gegen Asylsuchende. Heute ist die AfD die stärkste Partei und verbietet im Schulterschluss mit der CDU die Verlegung von Stolpersteinen. Wo die Erinnerung auf den Friedhof verbannt wird, hat jüdisches Leben keine Zukunft.
»Ab nach Palästina« hieß es früher, »raus aus Palästina« heißt es heute.
Wenn aber die Entscheidung, den Davidstern offen zu tragen oder in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen, zur persönlichen Risikoabwägung wird, stellt sich die Frage »gehen oder bleiben« schon heute. Aber wohin? »Ab nach Palästina« hieß es früher, »raus aus Palästina« heißt es heute.
Die Weltkarte wird gerade neu gezeichnet. »Juden unerwünscht« lautet die unmissverständliche Botschaft nicht nur in europäischen Städten, in der Welt der Kultur, der Wissenschaft, des Sports. Judenfeinde markieren das Terrain. Beleidigungen, körperliche Angriffe, Brandanschläge auf Synagogen, Messerangriffe, Schüsse. 2025 war das bisher tödlichste Jahr für Juden in der Diaspora.
Kein Problem, meint nicht nur der einstige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Professor Wolfgang Benz, schließlich werden Juden »gut durch die Polizei gesichert«. Diese Kälte, die Gleichgültigkeit, das Wegsehen und Kleinreden, während der zu neuem Leben erwachte Dinosaurier ohrenbetäubend brüllt – das ist die größte Bedrohung, denn sie schafft ideale Lebensbedingungen für das Ungeheuer.
Das ganze Bild aushalten
Drei Jahre lang haben wir insbesondere den Medien versucht, bewusst zu machen, wie sehr sie selbst zu Kriegsteilnehmern an der palästinensischen Propagandafront geworden sind. Jetzt kommt NAZA in die Kinos. Die öffentliche Vorführung authentischer Aufnahmen des 7. Oktober könnte der gefährlichen Einseitigkeit des Films entgegenwirken.
Sehen aber wird nur, wer hinschaut. Das ganze Bild auszuhalten, ist eine Zumutung. Wir dürfen sie auch uns selbst nicht ersparen. Wir müssen hinschauen und das Ungeheuer mit all seinen Hass-Geschwistern sehen und bekämpfen – egal ob hier oder in Israel, ob bei den anderen oder in den eigenen Reihen. Nur dann werden wir der schweigend wegschauenden Mehrheit glaubwürdig zurufen können: Seht hin! Das Ungeheuer frisst immer zuerst »die anderen«, aber davon wird es nie satt.
