Wenn Ricarda Louk Auto fährt und im Radio kommt ein Lied, das Shani gern mochte, singt sie oft mit. So fühlt sie sich ihrer Tochter ganz nah. »Ich rede dann so für mich mit ihr. Auf den Friedhof gehe ich nicht so oft. Den brauche ich nicht, um an Shani zu denken«, sagt ihre Mutter. »Sie ist jetzt irgendwo im Himmel.«
Shani wurde vor drei Jahren mit 22 Jahren von der islamistischen Hamas in Israel ermordet. Sie war auf dem Supernova-Musikfestival bei Re’im an der Grenze zum Gazastreifen. »Musik, Tanzen und Festivals hat Shani geliebt«, sagt ihre Mutter, die aus Ravensburg am Bodensee stammt, aber schon seit Jahrzehnten mit ihrer Familie in Israel lebt. »Dafür ist sie viel herumgereist.«
Shanis Bild ging um die Welt, als sie tot auf einem Laster lag, grölende Hamas-Terroristen um sie herum. Was war sie für ein Mensch?
Shani - weltoffen und fröhlich
»Sie war ein sehr fröhliches Kind und hatte früh ihre eigenen Vorstellungen vom Leben«, erzählt ihre Mutter. »Sie war weltoffen, nähte ihre Kleider selbst und hat auch früh gesagt, dass sie Künstlerin werden will und die Schule sie nicht interessiert. Sie war sehr freundlich, nett und lustig und ist sofort aufgefallen.«
Nach dem Mord an Shani, die Tattookünstlerin war, hätten viele Menschen ihr geschrieben, erzählt Ricarda Louk - darunter auch einige, die ihre Tochter nicht gekannt hatten. »Sie schrieben, dass sie sie sich als Vorbild nehmen, weil sie so eine selbstständige Frau war. Es freut mich, dass sie so viel hinterlassen hat, trotz ihres kurzen Lebens.«
Kraft gebe ihr vor allen Dingen ihre Familie, sagt Louk: ihr Mann und ihre drei anderen Kinder. »Man muss auch stark für sie sein, muss ein Vorbild sein und ihnen zeigen, dass es noch andere, positive Sachen in der Zukunft gibt.«
Glaube als Trost
Auch ihre Religion helfe ihr: »Es ist wichtig, an etwas zu glauben«, findet sie. Die einstige Katholikin konvertierte zum Judentum - so unterschiedlich seien die beiden Religionen nicht, sagt sie mit Blick auf den Tanach, die hebräische Bibel, die im Christentum Altes Testament heißt. »Wir sind nicht sehr religiös, aber es spielt schon eine Rolle in unserem Leben. Wir halten Schabbat, fahren an dem Tag kein Auto und kochen auch nicht.«
Tochter Shani sei ihrer Religion gegenüber eigentlich kritisch eingestellt gewesen. »Das änderte sich aber kurz vor ihrem Tod«, erzählt Mutter Ricarda. »Sie hat zum Beispiel Ende September noch an Jom Kippur, obwohl sie da auf einem Festival in Griechenland war, ganz bewusst gefastet.« An Jom Kippur verzichten gläubige Juden 25 Stunden lang auf Nahrung.
Riesenmassaker an jungen Menschen
Ricarda und ihr Mann geben auch deshalb Interviews, weil sie die Öffentlichkeit daran erinnern wollen, wie der Krieg in Gaza angefangen hat. »Der 7. Oktober war ein Riesenschlag für Israel und ein Riesenmassaker an so vielen jungen Leuten, die einfach nur tanzen wollten. Wir versuchen, ins Bewusstsein zu rufen, dass es etwas unglaublich Barbarisches war«, sagt Ricarda. »Das kann man nicht einfach so stehen lassen. Israel wollte den Krieg nicht. Aber wenn man so angegriffen wird, hat man oft keine Wahl.«
Ricarda ist Informatikerin und hatte nach dem 7. Oktober 2023 eine Zeit lang nicht gearbeitet. »Ich habe dann aber wieder angefangen, weil ich gemerkt habe, dass es mir gut tut«, sagt sie. Seit Dezember ist die 56-Jährige in einem Startup in Jerusalem tätig.
Die Belegschaft ist halb jüdisch, halb arabisch, darunter auch Palästinenser. »Wir sind das beste Beispiel dafür, dass ein Zusammenleben funktionieren kann - auch nach allem, was passiert ist«, sagt sie. »Die Arbeit tut mir gut.« Über den 7. Oktober und den anschließenden Krieg in Gaza sprechen die Mitarbeiter nur vorsichtig miteinander. »Das meidet man ein bisschen. Sie sprechen mich nicht darauf an. Und ich weiß ja auch nie, ob sie nicht auch Verwandte verloren haben.«
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Sonja Bohl-Dencker, Rechtsanwältin aus dem Kreis Verden in Niedersachsen, hat Ricarda durch den 7. Oktober kennengelernt: Auch ihre Tochter wurde mit 22 Jahren von der Hamas ermordet.
Carolin, ihr einziges Kind, war mit einem britisch-israelischen Freund, dem Fotografen Danny Darlington, aus Berlin nach Israel gereist, und besuchte für ein paar Tage den Kibbuz Nir Oz in der Negev-Wüste. Eigentlich wollte Carolin am 6. Oktober zurückreisen, um am Folgetag den Flug zurück nach Berlin zu nehmen. Doch es kam anders; sie blieben noch eine Nacht im Kibbuz. In einem Haus wurden sie dort von den Hamas-Terroristen erschossen.
»Der Tod meiner Tochter hat eigentlich auch mein Leben beendet«, sagt Sonja Bohl-Dencker, 59 Jahre alt. »Ich stehe zwar jeden Morgen auf und mache das, was getan werden muss, aber für mich ist jeder Tag ein Kampf.«
Carolin mit dem ansteckenden Lachen
Carolin studierte in Berlin Nachhaltiges Modedesign. »Das war total ihr Ding, und sie war sehr gut darin«, erzählt ihre Mutter. Sie wollte aus vorhandenen Stücken etwas Neues machen. »Sie war offen, konnte sehr laut und ansteckend lachen und war wunderschön, obwohl sie selbst das gar nicht fand«, sagt Bohl-Dencker. »›Wenn sie einen Raum betrat, ging die Sonne auf‹, sagten viele über sie.«
Manchmal habe ihre Tochter, wenn ihr auf der Straße jemand Unbekanntes entgegenkam, diesen einfach angelächelt - und sich gefreut, wenn ein griesgrämiges Gesicht plötzlich freundlich wurde, erzählt Bohl-Dencker. Sie ist Mitglied der evangelischen Kirche und dort auch ehrenamtlich engagiert. »Ich bitte Gott, mir in meiner Trauer zu helfen. Aber ich hadere auch mit ihm und frage ihn: ›Wie konntest du das zulassen?‹«, sagt sie.
Sonja Bohl-Dencker, die vor 2023 nie in Israel war, ist seitdem mehrfach da gewesen. »Ich fühle mich hier nicht so allein mit meiner Geschichte wie in Deutschland. In Israel ist das Massaker viel präsenter.« Sie besuchte auch das Haus, in dem Carolin ermordet wurde. Mittlerweile steht es nicht mehr; es musste abgerissen werden, weil es - wie fast alle der 200 Häuser des Kibbuz’ - durch den Angriff zerstört worden war.
Hilfe für den Wiederaufbau des Kibbuz’
Sonja engagiert sich mit einem Verein in Deutschland dafür, Nir Oz wiederaufzubauen - dem Ort, an dem sie sich ihrer Tochter, deren Asche in der Schweiz verstreut wurde, nahe fühlt. »Ich wusste sofort, dass ich da hinwill.«
Das Projekt gebe ihr Kraft, weiterzumachen - ebenso ihr Wunsch, die Menschen in Deutschland aufzurütteln. »Es macht mich wütend, wenn ich sehe, wie Menschen in Deutschland ihr Halbwissen über den Nahost-Konflikt auf Demos durch die Gegend schreien. Ich habe mir auch meine Meinung gebildet. Aber das würde ich mir nie anmaßen.« Antisemitismus sei zudem wieder en vogue - »wenn er überhaupt jemals weg war.«
Sie berichtet von einer Reaktion im Netz auf einen Artikel über den Mord an ihrer Tochter, direkt nach dem 7. Oktober. »Erst ins Heilige Land fahren und dann heulen«, hieß es da. Reaktionen wie diese tun Bohl-Dencker nicht nur weh, sondern lassen sie auch am Verstand der Menschen zweifeln: »Es gibt Menschen, die die Mörder meiner Tochter bis heute feiern.«