Jubiläum

Starke Stimme

Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der »Jüdischen Allgemeinen« Berlin Foto: Marco Limberg

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026 06:33 Uhr

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

als die Herausgeber dieser Zeitung vor rund drei Jahren fragten, ob ich die Chefredaktion der Jüdischen Allgemeinen übernehmen wolle, kam mir unwillkürlich ein unscheinbarer, ganz gewöhnlicher Büroschrank in den Sinn, der am Ende des Flurs unserer Redaktion steht: Er misst ungefähr drei mal vier Meter, ist aus Teilmassivholz gefertigt, die Handelsfarbe nennt sich »Cubanitgrau, mittel Taupe«. Schränke wie dieser sind wohl in unzähligen deutschen Büros anzutreffen.

Doch sein Inhalt ist alles andere als gewöhnlich: In ihm lagern die in Leder gebundenen Ausgaben der gedruckten Jüdischen Allgemeinen, sortiert nach Jahrgängen, angefangen mit der ersten Nummer im Jahr 1946, die vor 80 Jahren erschienen ist.

Jedes Mal aufs Neue ein Ereignis

Die Durchsicht der einzelnen Bände ist jedes Mal aufs Neue ein Ereignis, auch wenn es immer die Gefahr birgt, die Zeit zu vergessen und sich im stundenlangen Blättern zu verlieren. Der Blick auf den Inhalt dieses Schranks zeigt eindrücklich: Es ist nicht nur eine riesige Ehre, für diese Zeitung zu arbeiten, sondern auch eine große Verantwortung. 80 Jahre Jüdische Allgemeine – das ist eine Verpflichtung. Denn die heutige Redaktion der Jüdischen Allgemeinen steht auf den Schultern von Giganten.

Lesen Sie auch

Von den ersten Ausgaben bis in die 2000er-Jahre prägte der unvergessene Journalist und Schoa-Überlebende Ralph Giordano das Blatt. Paul Spiegel, zuerst Volontär dieser Zeitung und später Zentralratspräsident, prägte »die JA« ebenso stark wie der erste – und jahrzehntelang amtierende – Chefredakteur Karl Marx. Hilde Domin, Ruth Klüger, Lilli Marx, Rachel Salamander, Steven Spielberg und Marcel Reich-Ranicki: Als Autoren und Interviewpartner war und ist das Who’s who der jüdischen Welt fester Bestandteil dieser Zeitung.

Historisch gesehen blickt die Jüdische Allgemeine auf eine ebenso lange wie bewegte Geschichte zurück. Der Holocaust war noch kein Jahr vorüber, als die Zeitung für die kleine jüdische Gemeinschaft von Überlebenden auf den Markt kam. In den ersten Jahren und Jahrzehnten war die Berichterstattung geprägt von den erheblichen Zweifeln vieler Juden, ob Deutschland tatsächlich ein anderes, ein demokratisches und liberales Land werden könnte. Die Losung war, verständlicherweise: Nichts wie raus aus Deutschland! Aus der Heimat war das Land der Täter geworden. Doch im Laufe der Jahrzehnte wurde aus dem Provisorium schließlich Kontinuität. Die viel zitierten Koffer wurden ausgepackt.

Überschriften wie »Israel erwidert trotz neuer Waffenruhe Beschuss aus Gaza« überlassen wir gerne den Kollegen vom »Spiegel«.

Der Antisemitismus indes war niemals weg – er verfolgt Juden in diesem Land nach wie vor auf Schritt und Tritt. Wer das für übertrieben hält, möge einmal eine jüdische Kita besuchen, die besser geschützt werden muss als jedes Landgericht. Insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 ist der Judenhass – zuvor schon auf beängstigendem Niveau – noch einmal signifikant gestiegen, laut Erhebungen von RIAS um bis zu 400 Prozent. Die Einschläge kommen näher – von rechts, von links, aus der muslimisch-migrantischen Community, aus der Mitte der Gesellschaft. Solidarität hingegen bleibt allzu häufig aus.

Das hat nicht nur, aber auch wesentlich damit zu tun, dass das Gros der deutschen Presse überwiegend einseitig, voreingenommen und sogar fehlerhaft über Israel, die Heimstatt von Millionen von Juden berichtet. Doch die alte jüdische Redewendung ist und bleibt ebenso aktuell wie treffend: Auch die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge.

Die alte jüdische Redewendung ist und bleibt ebenso aktuell wie treffend: Auch die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge.

An die Stelle des Gerüchts über die Juden ist medial – infolgedessen auch in der Gesellschaft – das Gerücht über Israel getreten: Was früher dem Juden als Individuum unterstellt wurde, wird nun Israel als Nation vorgeworfen. Der Hass auf den jüdischen Staat trifft unterdessen in seiner ganzen Tragweite auch Juden in Deutschland.

Überschriften wie »Israel erwidert trotz neuer Waffenruhe Beschuss aus Gaza« (»Der Spiegel«) oder »Israel droht mit Selbstverteidigung« (»Focus«) überlassen wir gern den Kollegen. Es gibt unzählige Gründe, Israel zu verteidigen, und manche Gründe, Israel und seine Regierung maximal hart zu kritisieren: Wir tun beides. Es ist kein Entweder-oder. Nicht ohne Selbstbewusstsein sei gesagt: Hier kann – und sollte! – das Gros der Journalistenkollegen von uns lernen.

Es gibt unzählige Gründe, Israel zu verteidigen

Auch aus diesem Grund, als mediales Korrektiv – aber auch als publizistische Heimat vieler Menschen, die nicht unkritisch, aber fair, kompetent und unvoreingenommen auf Israel blicken – ist die Jüdische Allgemeine in den vergangenen Jahren noch wichtiger geworden, als sie es bereits war. In Zeiten des sogenannten Printsterbens hat unsere Auflage um mehr als 20 Prozent hinzugewonnen. Online konnten wir unsere Reichweite in den vergangenen Jahren verdreifachen. Die Leserinnen und Leser schreiben uns regelmäßig: Zum Glück gibt es wenigstens euch!

Diesen Dank möchten wir an dieser Stelle gern zurückgeben. Schreiben, was ist: Dieses im Grunde banale und selbstverständliche journalistische Ziel ist und bleibt uns weiterhin eine Verpflichtung. Bleiben Sie uns gewogen.

Ihr Philipp Peyman Engel

engel@juedische-allgemeine.de

Boykott?

Weitere Firma verweigert Jerusalemer Seilbahn-Projekt

Die israelische Regierung will per Seilbahn einen direkten Zugang zur hochsymbolischen Klagemauer in Jerusalem schaffen. Aber immer mehr ausländische Partner ziehen sich zurück

von Andrea Krogmann  20.10.2026

Wahlkampf

Netanjahu stellt sich hinter religiöse Wehrdienstverweigerer

Um an der Macht zu bleiben, braucht Israels Ministerpräsident die Unterstützung der ultraorthodoxen Juden. Wenige Tage vor der Wahl übt er den Schulterschluss mit Religiösen, die sich der Wehrpflicht entziehen

von Andrea Krogmann  20.10.2026

Vanessa Emde (Die Linke)

Berlin

Linken-Fraktion vorerst ohne Einigung im Streit um Emde

Eine Abgeordnete, die in ihrer Israel-Kritik immer wieder nachlegt, und eine Fraktionsspitze, die ein Problem mit ihr hat: Im Berliner Koalitionspoker bleibt der Streit um Vanessa Emde ungelöst

 20.10.2026

Hamas

Emiratische Blase in Gaza

Israel erlaubt den VAE Infrastrukturarbeiten nahe Rafah. Den Wiederaufbau der Enklave knüpft Israels Premier Netanjahu an die Entwaffnung der Terrororganisation

von Sabine Brandes  20.10.2026

Tel Aviv

Wehrdienst oder Gefängnis: Armee stellt Chabad-Studenten vor die Wahl

Am Ben-Gurion-Flughafen wurden Dutzende Männer aus der Chabad-Lubawitsch-Bewegung festgenommen, als sie aus New York zurückkehrten

 20.10.2026

Tel Aviv

Gloria Gaynor tritt in Israel auf

Nur wenige ausländische Musiker kommen derzeit nach Israel. Die »Queen of Disco« ist eine von ihnen. Was für ein Verhältnis hat sie zum jüdischen Staat?

 20.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was genau sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Knessetwahl

Gantz zieht die Reißleine

Nach dem Absturz seiner Partei verzichtet der Ex-Generalstabschef auf eine Kandidatur – und wirbt erneut für eine große Einheitsregierung.

von Sabine Brandes  20.10.2026

Tel Aviv

Israels Armee verhängt Urlaubsstopp vor der Wahl

Die Hintergründe

 20.10.2026