Terror

Wird Israel zur Zielscheibe der Rache Teherans?

Kommandeur der Al-Quds-Einheit: Qassem Soleimani Foto: imago images/ZUMA Press

Nirgendwo hat die Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch das US-Militär wohl so viel Freude und Erleichterung ausgelöst wie in Israel. Überschwänglich lobte Regierungschef Benjamin Netanjahu seinen engsten Bündnispartner, US-Präsident Donald Trump, für dessen »entschlossenes, starkes und schnelles Vorgehen« gegen Israels Erzfeind. »Soleimani hat viele Terroranschläge im ganzen Nahen Osten und anderswo initiiert, geplant und ausgeführt«, betonte der 70-Jährige am Sonntag.

»Soleimani war zweifellos der zentrale Drahtzieher aller iranischen Bemühungen, sich in der Region militärisch zu etablieren und Terrororganisationen wie Hisbollah, Hamas und Islamischer Dschihad Waffen zu liefern«, sagt der Iran-Experte Raz Zimmt vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. Sein Tod werde der iranischen Unterstützung für Israels Feinde zumindest mittelfristig einen Dämpfer versetzen.

Das Sicherheitskabinett will sich am Montag mit den möglichen Auswirkungen der Tötung Soleimanis befassen.

zielscheibe Doch könnte Israel nun zur Zielscheibe der Rache Teherans werden? »Es ist eine Möglichkeit, die kein israelischer Anführer ignorieren kann«, sagt Iran-Kenner Meir Javedanfar. »Aber ich glaube nicht, dass wir ganz oben auf der Liste des iranischen Regimes stehen.«

Israels Sicherheitskabinett wollte sich am Montagnachmittag mit den möglichen Auswirkungen der Tötung Soleimanis befassen. Auf der Tagesordnung steht die Frage: Wie kann Israel sich auf mögliche Racheangriffe des Irans auf israelische Ziele vorbereiten?

Beide Experten meinen jedoch, ein direkter Angriff auf Israel liege momentan keineswegs im Interesse Teherans. Sollten die Iraner Israel wegen Trumps Aktion angreifen, »dann hätten sie es doch nur mit einem weiteren entschlossenen Gegner zu tun«, sagt Javedanfar.

krieg Sollte es aber tatsächlich zum Krieg zwischen Washington und Teheran kommen, wäre die Lage anders, meint Zimmt: »Nur im Falle einer fortwährenden Eskalation, mit einer direkten Konfrontation zwischen USA und Iran, könnte Israel letztendlich mit hineingezogen werden.«

Die Rechtmäßigkeit des US-Angriffs auf Soleimani wird in Israel nicht in Zweifel gezogen.

Die Rechtmäßigkeit des US-Angriffs auf Soleimani – Matthew Levitt vom Washington-Institut nennt ihn den »Prinzen des iranischen Terrorismus« – wird in Israel nicht in Zweifel gezogen. Er galt als Vordenker und treibende Kraft der iranischen Expansionspolitik, mit dem Ziel einer Landachse vom Libanon am Mittelmeer über Syrien und den Irak bis nach Teheran. Unter seiner Führung dehnte der Iran seinen militärischen Einfluss über Milizen bis an die Grenze Israels aus.

Die Tatsache, dass Verbündete seines Erzfeinds sich »vor seiner Haustür« festgesetzt haben, ist aus Israels Sicht unerträglich. Deshalb versucht der jüdische Staat immer wieder, Teheran mit Luftangriffen auf iranische Ziele zum Zurückweichen zu zwingen – bisher aber ohne echten Erfolg.

hisbollah Die größten Kopfschmerzen bereitet den israelischen Militärs dabei die libanesische Hisbollah-Miliz, die im Syrien-Krieg im Kampf auf Regierungsseite jahrelange Kampferfahrung gesammelt hat. Nach Informationen des israelischen Militärs verfügt die Schiitenorganisation über ein Arsenal von rund 130 000 Raketen. Die Hisbollah könnte mit ihren Raketen Ziele in fast ganz Israel angreifen. Zuletzt war es 2006 zu einem Waffengang gekommen.

Schon seit Jahren bereitet Israel sich auf eine neue Konfrontation mit der Miliz vor – könnte die Tötung des Hisbollah-Verbündeten Soleimani sich jetzt als das Zündholz erweisen, das einen neuen Kriegs anfacht? Israel ist aus Sorge vor Rache-Angriffen jedenfalls in erhöhter Alarmbereitschaft, das Skigebiet Hermon auf den Golanhöhen an der Grenze zu Syrien wurde vorerst geschlossen.

Das Skigebiet Hermon auf den Golanhöhen an der Grenze zu Syrien wurde vorerst geschlossen.

Auch die palästinensischen Terrororganisationen Hamas und Islamischer Dschihad im Gazastreifen sind mit dem Iran verbündet. Dass Israels Konflikt mit den militanten Palästinensern wegen Soleimanis Tötung erneut eskaliert, gilt jedoch als unwahrscheinlich. »Wir sind dabei, mit der Hamas eine Einigung auf eine langfristige Waffenruhe zu erzielen«, sagt Javedanfar. »Ich glaube nicht, dass die Gaza-Einwohner einen Krieg mit Israel riskieren werden, weil Soleimani getötet worden ist – auch wenn es sie sehr verärgert.«

innenpolitik Und wie wird sich das neue Nahost-Drama auf Israels innenpolitische Lage auswirken? Das kleine Land wird gegenwärtig von der schwersten Politkrise seiner Geschichte erschüttert. Wegen einer schier unlösbaren Pattsituation müssen die Bürger am 2. März schon zum dritten Mal binnen eines Jahres ein neues Parlament wählen.

Das Thema Iran und sein Atomprogramm steht schon seit Jahren ganz oben auf Netanjahus Agenda, und er präsentiert sich gern als »Mr. Sicherheit«. Könnte die regionale Krise dem durch eine Korruptionsanklage angeschlagenen Regierungschef vor der Wahl neuen Auftrieb verleihen, wenn er sich als »Retter der Nation« profilieren kann?

Experte Javedanfar winkt ab und sagt, die Tötung Soleimanis sei Konsens in Israel und auch von der Opposition klar begrüßt worden. »Ich glaube deshalb nicht, dass das größere Auswirkungen auf die Wahl haben wird.«

Jerusalem

50. Jahrestag: Israel gibt Geheimdokumente zu Entebbe frei

Am 27. Juni 1976 entführten Terroristen eine Air-France-Maschine nach Uganda. Fünf Jahrzehnte später stellt das israelische Staatsarchiv die Regierungsdokumente zur militärischen Befreiung bereit

von Hans Dahne  26.06.2026

Washington D.C.

Gespräche zwischen Israel und Libanon verlängert

Die USA drängen die beiden Staaten darauf, die Verhandlungen nicht ohne Ergebnis zu beenden. Deshalb sollen die Delegationen heute erneut zusammenkommen.

 26.06.2026

Medien

»Alle Juden haben genug von dir!« Trump soll Netanjahu angeschrien haben

Auslöser für den Streit war einem neuen Buch zufolge ein israelischer Angriff auf Hamas-Führungsmitglieder in Doha

 26.06.2026

Jerusalem

Sa’ar will Anerkennung des Armenier-Genozids

Der israelische Außenminister will eine entsprechende Resolution zunächst im Kabinett einbringen. Anschließend soll sie der Knesset zur Abstimmung vorgelegt werden

 26.06.2026

Jerusalem

Isaac Herzogs Hubschrauber muss notlanden

Die Hintergründe

 26.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  25.06.2026

Tel Aviv

Gemeinsames Seemanöver Deutschlands und Israels vor Haifa

Ein Schiff der Bundesmarine besucht Haifa, es folgt ein Manöver mit Israel. Die gemeinsame Seefahrt geschieht vor dem Hintergrund einer weiter angespannten Lage in der Region nach dem Iran-Krieg

 25.06.2026

Israel

Ex-Armeechef Eisenkot könnte Netanjahu ablösen

In Umfragen holt seine Partei Jaschar rasant auf und liegt auf dem zweiten Platz hinter Likud

von Sara Lemel  25.06.2026

Knesset

Wahltag mit Fragezeichen

Der 20. Oktober gilt als Favorit für Israels nächste Parlamentswahl. Doch Streit in der Koalition und offene Gesetzesvorhaben könnten den Zeitplan noch verändern

von Sabine Brandes  25.06.2026