Er beginnt in der alten libyschen Synagoge am Hafen von Jaffa.
111 Kilometer weiter, nach sechs Etappen, endet der Weg am gleichnamigen Jaffa Gate in der Jerusalemer Altstadt. Dazwischen liegen Städte, Dörfer und Landschaften, gibt es Synagogen, Kirchen, Klöster und Moscheen, ferner Weinberge, archäologische Stätten und vor allem: Menschen. »The Way to Jerusalem«, kurz »W2J«, ist so etwas wie ein moderner Pilgerweg. Er führt von Jaffa nach Jerusalem und will eine jahrhundertealte Tradition neu beleben. Und er soll mehr sein als ein neuer Wanderpfad: Der Weg soll Begegnungen zwischen unterschiedlichen Religionen und Kulturen ermöglichen.
Die Idee dafür entstand nicht am Schreibtisch einer Behörde, sondern stammt von zwei israelischen Freunden. Yael Tarasiuk und Golan Rice sind leidenschaftliche Wanderer, die beide im Sicherheitsbereich israelischer Fluggesellschaften tätig waren. Rice ging eines Tages den berühmten Pilgerweg Camino de Santiago und war knapp eineinhalb Monate unterwegs. »Irgendwo auf diesem Weg passierte etwas, und diese Erfahrung ließ ihn nicht mehr los«, erzählt Tarasiuk über ihren engen Freund.
Wieso hat Jerusalem keinen berühmten Wanderweg?
Doch das, was der Israeli erlebt hatte, sei nicht religiös, sondern spirituell gewesen. Später wanderte er noch einen weiteren Pilgerweg. Kurz darauf saßen die beiden zusammen, und plötzlich kam eine Frage auf: »Wie kann es sein, dass Santiago de Compostela einen Pilgerweg hat, der jedes Jahr eine halbe Million Menschen anzieht, und ausgerechnet Jerusalem nicht?«
»Jerusalem ist der Ursprung von so vielem und von immenser Bedeutung für Christen, Juden, Muslime und auch für Menschen, die nicht religiös sind«, sagt Tarasiuk. »Wieso gibt es für eine solche Stadt keinen berühmten Wanderweg?« Diese Frage ließ die beiden nicht mehr los. »Das war 2022«, erinnert sich Tarasiuk. »Und ich glaube, in diesem Moment ist der israelische Pilgerweg unser Lebensprojekt geworden.«
Die Wanderer sollen nicht nur historische Orte, sondern auch die Menschen kennenlernen.
Gemeinsam mit Historikern, Archäologen und Experten für Pilgerwege recherchierten sie historische Routen nach Jerusalem und stellten fest, dass Pilger früher auf Wegen von bis zu 450 Kilometern Länge aus dem Norden des Landes in die Heilige Stadt gelangten. »Zu kompliziert«, rieten Experten ab. Für den Anfang entschied man sich daher für die letzten 111 Kilometer, mit dem langfristigen Ziel, den historischen Weg Schritt für Schritt wiederherzustellen.
»Die ersten sechs Monate haben wir nichts anderes getan, als von Ort zu Ort zu fahren, Menschen zu treffen, mit ihnen zu sprechen, Ratschläge zu bekommen und zu verstehen, wie das Projekt in die Tat umgesetzt werden kann. Denn wir hatten nichts außer unserer Leidenschaft für die Sache. Wir kommen nicht aus der Tourismusbranche und schon gar nicht aus dem Bereich der Wanderwege«, gibt die Initiatorin zu. Und trotzdem entstand aus ihrer Idee schließlich der erste Pilgerweg Israels.
»Wir haben entlang der 111 Kilometer an unzählige Türen geklopft und gesagt: ›Das ist der Weg, und wir laden euch ein, den Pilgern eure Geschichte zu erzählen.‹« Damit wird der Weg auch zu einer Art Plattform für Koexistenz. »Nicht, indem die Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden, sondern indem sie sichtbar werden und nebeneinander stehen dürfen.«
Die Strecke führt von Tel Aviv über Rischon LeZion und Ramle nach Latrun und Abu Gosch, weiter nach Ein Kerem und schließlich nach Jerusalem. In Ramle sollen Pilger der anglikanischen Gemeinschaft begegnen, in Latrun können sie ins Trappistenkloster einkehren. Unterwegs liegen jüdische und arabische Gemeinden, Kirchen, Museen, Familienbetriebe und Weinproduzenten. Die Gastgeber reichen vom Schawarma-Imbiss bis hin zum Kloster.
Auch für Tarasiuk selbst war diese Vielfalt ihrer Heimat eine Entdeckung. »Ich bin hier geboren und habe fast mein ganzes Leben in Israel verbracht, war bei der Armee, bin super israelisch. Und doch hatte ich keine Ahnung, wie reich unsere Gesellschaft ist und wie schön die Menschen hier sind.« Für sie und Rice liegt genau darin die Kraft des Weges: Die Wandererinnen und Wanderer sollen nicht nur historische Orte sehen, sondern beim Gehen andere Menschen kennenlernen. »Wir in Israel haben eine natürliche Gastfreundschaft, die wie geschaffen für Begegnungen ist.«
Die Gründer machen klar, dass der Weg keiner einzelnen Religion gehört. »Das Erstaunliche an der Pilgerreise nach Jerusalem ist, dass jeder – ob religiös oder nicht und aus jeder Religion – etwas finden kann, womit er sich aus seiner Tradition heraus verbinden kann«, ist Tarasiuk überzeugt. »Dieser Weg ist für alle da, und ich glaube, genau darin liegt die Kraft.« Denn der Pilgerweg soll nicht nur Besucher aus aller Welt nach Jerusalem bringen, »sondern auch Israelis ihr eigenes Land neu zeigen«.
Pilgerpass zum Stempelsammeln
Mehr als 25 Prozent der Route sind inzwischen auf Hebräisch, Arabisch und Englisch ausgeschildert. Auch geführte Touren mit Unterkunft, Verpflegung und Gepäcktransport sind geplant. Die Initiatoren arbeiten mit den Behörden entlang der Strecke und dem Tourismusministerium zusammen. Im März 2025 machte sich die erste offizielle Gruppe auf den Weg. Ein Jahr später erreichte die erste internationale »Global Pioneer Group« mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Taiwan, den USA, Spanien und Israel sowie unterschiedlichster religiöser Zugehörigkeit gemeinsam das Jaffa Gate.
Wie bei anderen großen Pilgerwegen erhalten die Teilnehmer einen Pilgerpass und sammeln Stempel an ausgewählten Stationen. Am Ziel gibt es ein offizielles Zertifikat. Für Tarasiuk und Rice ist »The Way to Jerusalem« inzwischen längst mehr als ein touristisches Projekt. »Unser Traum ist es, dass Menschen aus aller Welt eines Tages nach Israel kommen, um diesen Weg zu gehen – so selbstverständlich, wie sie heute den Camino in Spanien laufen«, sagt Tarasiuk.
Ein Viertel der Route ist bereits dreisprachig ausgeschildert.
Gleichzeitig verstehen sie das Projekt als Plattform für Dialog und Verständigung. »Wir glauben, dass W2J verändern kann, wie Menschen einander zuhören und miteinander sprechen. Ganz gleich, ob Moses, Mohammed oder Egeria, eine spanische Pilgerin aus dem vierten Jahrhundert, die Figur ist, die sie inspiriert – auf diesem Weg gehen alle gemeinsam.«
Doch einfach nur als »Projekt von zwei Freunden« ist die Sache nicht mehr zu organisieren. Also gründeten Rice und Tarasiuk eine gemeinnützige Organisation im Sinne der drei Werte: »Einfachheit, Demut und Dankbarkeit«. Tarasiuk schwebt für den Weg ein Bild vor, und zwar eine Perlenkette. »Der physische Weg ist der Faden, und die Geschichten und Gemeinschaften entlang des Weges sind die Perlen. Je mehr Perlen, desto länger und schöner wird die Kette.«