Stimmung in Israel

Raketen statt Purimfeiern

Um 8.28 Uhr am Samstagmorgen wurden die Israelis aus dem Schlaf oder von den Frühstückstischen gerissen. Schrill kreischte der Auf- und Ab-Ton der Warnsirenen in die Ruhe des Schabbats im ganzen Land. Menschen hasteten in die Schutzräume ihrer Wohnungen oder in öffentliche Bunker, viele noch in Schlafanzügen und Pantoffeln. Und alle wussten, was diese Sirenen bedeuteten: Der Krieg mit dem Iran hat begonnen.

In Städten im ganzen Land öffneten die Kommunen am selben Morgen Schutzräume, die der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Binnen Minuten waren sie gefüllt von Menschen allen Alters und aller Bevölkerungsgruppen: Familien mit schlaftrunkenen Kindern auf dem Arm, junge Pärchen mit Hunden, Alt und Jung. Männer, die wenige Minuten zuvor noch beim Morgengebet standen, saßen in Gebetsschals gehüllt in Bunkern und beteten gemeinsam für den Schutz Israels.

Die Warnzeichen hatten sich bereits seit Wochen verdichtet. Militärische Drohungen, politische Spannungen, immer neue Sicherheitsmeldungen. Am Freitag erreichte die Nervosität in Israel einen Höhepunkt, als die US-Botschaft ankündigte, nicht unbedingt benötigtes Personal könne Israel verlassen. »Aber tun Sie es heute«, mahnte Botschafter Mike Huckabee ungewöhnlich eindringlich.

Tausende versuchten am Freitag, das Land zu verlassen

Noch am selben Tag versuchten Tausende, Flüge ins Ausland zu bekommen. Die meisten vergeblich. Maschinen waren sofort ausgebucht, Sitzplätze waren innerhalb von Minuten vergeben.

Rachel Weiss aus New York, die ihre Familie in Israel besucht, gehört zu denen, die nun festsitzen. »Ich war schon im vergangenen Juni während des ersten Irankrieges hier und konnte fast zwei Wochen nicht ausreisen«, erzählt sie. »Ich hätte nie gedacht, dass mir das noch einmal passiert. Es fühlt sich an wie ein grausames Déjà-vu.«

Für andere Familien wurde die Situation zur persönlichen Tragödie. Die Kinder der Levys waren am Freitag für ein verlängertes Wochenende bei ihren Großeltern in Tel Aviv angereist. Sie leben eigentlich auf Zypern. Nach der Warnung der US-Botschaft wollte Mutter Yael sie sofort zurückholen.

Doch während ihr Flugzeug bereits im Landeanflug war, heulten die ersten Sirenen auf. »Ich war zwei Minuten vor der Landung«, sagt sie unter Tränen. »Das Flugzeug drehte ab und flog zurück nach Zypern. Ich kann nicht glauben, dass ich sie verpasst habe.« Nun sitzt sie in Larnaca, während ihre Kinder in Tel Aviv Schutz suchen müssen. Mit jeder Eskalationsstufe wächst ihre Sorge. »Es ist eine Horrorgeschichte.«

Israel-Besucherin Rachel Weiss: »Ich hätte nie gedacht, dass mir das noch einmal passiert. Es fühlt sich an wie ein grausames Déjà-vu.«

Die israelische Armee IDF teilte mit, dass sie gemeinsam mit US-Streitkräften eine Militäroperation mit dem Namen »Brüllender Löwe« gegen den Iran begonnen habe. »Es ist eine breitangelegte und umfassende Kampagne, um das terroristische iranische Regime und die existenziellen Bedrohungen gegen den Staat Israel zu beseitigen.«

Immer wieder warnt die IDF die israelische Bevölkerung, auf jeden Fall auf die Anweisungen des Heimatfrontkommandos zu achten. »Wenn Sie die Aufforderung erhalten haben, sich in die Sicherheitsräume zu begeben, gehen Sie nicht wieder hinaus, bis Sie eine eindeutige Entwarnung erhalten«, steht in fetten Lettern neben einem roten Warndreieck mit dem Zusatz »Die Verteidigung sei nicht hermetisch«.

Zeitweise funktionieren GPS-Dienste nicht mehr, offenbar absichtlich von der IDF gestört, damit feindliche Raketen ihre Ziele schwerer erfassen können. Rund 200 Kampfflugzeuge nahmen an der Militäroperation gegen die Raketen- und Verteidigungssysteme des iranischen Terrorregimes teil, im Westen sowie im Zentrum Irans wurden etwa 500 Ziele angegriffen. Es sei die größte Militäroperation in der Geschichte der israelischen Luftwaffe, heißt es.

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Auch das Gesundheitssystem hat sich lange auf eine Eskalation vorbereitet. Mit dem Ertönen der ersten Sirenen verlegten Krankenhäuser Patienten in unterirdische Schutzbereiche. Der stellvertretende Direktor des Sheba Medical Center, Professor Itai Pessach, gab an, dass »das Krankenhaus auf Notstand umgestellt wurde, um sich auf die Angriffe aus dem Iran vorzubereiten«. Alle Abteilungen und Servicebereiche werden in geschützte Gebäudekomplexe verlegt. Pessach machte jedoch klar, dass »die medizinische Versorgung für alle Einwohner Israels gewährleistet bleibt«. Alle Teams seien vorbereitet, jedem Patienten schnelle Hilfe zu leisten.

Psychologisches Krisenzentrum ist eröffnet

Auch der Gesundheitsdienst Clalit stellte landesweit auf Notfallbetrieb um. Online-Sprechstunden für Allgemeinmedizin und Pädiatrie seien rund um die Uhr verfügbar, ebenso ein psychologisches Krisenzentrum. »In den letzten Wochen haben wir umfassende Vorbereitungen getroffen, um die Funktionsfähigkeit unserer Einrichtungen sicherzustellen«, erklärte Geschäftsführer Eytan Wirtheim. Stationäre Patienten würden in Schutzbereiche verlegt, weniger dringende Eingriffe ausgesetzt, Notfallbehandlungen jedoch fortgeführt.

Das Auswärtige Amt wandte sich in der Frühe in einer E-Mail an die Deutschen in Israel und erklärte: »Das israelische und das US-Militär greifen seit heute Morgen Ziele in Iran an. Iran reagiert mit Gegenschlägen auf Israel und weitere Ziele in der Region. Der Luftraum über Israel ist gegenwärtig geschlossen.«

Bundesbürger sollten sich »an einem möglichst sicheren Ort aufhalten und den Anweisungen der israelischen Sicherheitsbehörden und des Zivilschutzes Folge leisten«. Außerdem wurde geraten, von allen nicht unbedingt erforderlichen Bewegungen abzusehen und für eine ausreichende Vorratshaltung (Wasser, Lebensmittel, Medikamente, Treibstoff) zu sorgen.

Die israelischen Kinder trifft der Krieg in diesen Tagen besonders hart.

Währenddessen bleibt das Land im Ausnahmezustand. Kreischend unterbrechen die Sirenen permanent den Alltag der Menschen. Niemand kommt an diesem Tag zur Ruhe. Zwischen Angst und der mittlerweile bekannten Sicherheitsroutine versuchen die Menschen, sich an das zu halten, was ihnen bleibt: zusammenrücken und sich auf die Raketen-Abfangsysteme und die Fähigkeit ihrer Armee verlassen.

Die israelischen Kinder trifft der Krieg in diesen Tagen besonders hart. Für Sonntag und Montag waren große Purimfeiern in den Schulen des ganzen Landes geplant, nach den vorherigen Kriegen sollte besonders ausgelassen gefeiert werden. Tagelang bereiteten sie ihre Kostüme vor, backten mit ihren Eltern die traditionellen Osnei-Haman-Kekse und packten Mischlochei Manot, bunte Süßigkeitenpäckchen, die in den Klassen getauscht werden. Doch statt Kinderlachen hallen nun Sirenen durch die Flure.

Die Purimgeschichte hat beklemmende Aktualität bekommen

Purim erinnert an eine Geschichte, die ihren Ursprung im alten Persien hat, dem Gebiet des heutigen Iran. Im biblischen Buch Esther rettet die jüdische Königin gemeinsam mit Mordechai das jüdische Volk vor der Vernichtung durch den bösen persischen Haman. Die Geschichte erzählt von Bedrohung, Angst und schließlich Rettung – Themen, die in diesen Tagen eine beklemmende Aktualität erhalten.

Die Israelis diskutieren bereits seit Wochen oder noch länger, ob sie einen Angriff auf das Regime in Teheran befürworten, auch wenn sie dann den Vergeltungsschlägen des Iran und einem lebensbedrohlichen Krieg mit ungewissem Ausgang ausgesetzt sind.

Auch die Nachrichten, dass der Iran Ziele in arabischen Ländern angegriffen hat, darunter in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Jordanien, sorgt für Gesprächsstoff. Viele freuen sich, dass sich der Iran offensichtlich zusehends auch in der arabischen Welt isoliert, andere fürchten eine Eskalation in einen umfassenden Krieg in ganz Nahost.

Natan Maman ist aus der Synagoge in Neve Zedek im Süden Tel Avivs in den öffentlichen Bunker geeilt, als die fünfte Sirene erneut die Ruhe des Schabbats zerriss. Er meint, es sei ein Zeichen, dass der Krieg zwischen Israel und »dem Erzfeind Iran« gerade zur Purimzeit ausgetragen werde - »ein gutes Zeichen«. Denn er ist sicher, dass eine umfassende Militäraktion der IDF in Kooperation mit den USA das Ende der Mullahs bedeuten werde. »Und dann«, fügt er hinzu, »wird diese Geschichte wie in der Purimerzählung eine gute Wendung nehmen. Für uns Israelis und auch alle unschuldigen Menschen im Iran.«

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