Buchpremiere

Keine Kindheit in Hamburg

Die letzten Deportationszüge vor dem Großangriff der britischen Bomber verließen Hamburg am 23. Juli 1943. Ziel war das Konzentrationslager Theresienstadt. Ein weiterer Deportationszug mit Juden aus Hamburg war geplant. Auch die neunjährige Marione Oestreicher, ihre Mutter Margarete und ihre beiden Schwestern Helga und Rena sollten in diesen folgenden Zug steigen. Sie waren bisher dem Rassenwahn der NS-Schergen entkommen, weil Mariones Vater Emil Oestreicher kein Jude war.

Schließlich setzten ihre Peiniger sie doch noch auf die Deportationsliste. Die drei Mädchen und ihre Mutter sollten sich auf der Moorweide am Dammtor-Bahnhof melden, der Sammelstelle für Hamburgs Juden. Mariones Großmutter Rosa Singer war bereits 1941 deportiert und ermordet worden.

Operation Gomorrha Doch dann kamen die britischen Bomber. Die Operation Gomorrha begann. Hamburg erlebte einen Feuersturm ohnegleichen. Mariones Schwestern versteckten die Eltern bei Freunden ihres Vaters. Emil Oestreicher war Kriegsgegner und mehrfach von der SS zusammengeschlagen worden. Er ging zur Luftwaffe, um seine jüdische Familie so zu schützen.

Marione irrte mit ihrer Mutter durch das Inferno, durch den Phosphor-Orkan, der die Menschen vor sich her in die Flammen trieb. Sie entkamen nicht nur der Deportation, sie überlebten auch die Operation Gomorrha. Die Ironie: Der Judenstern rettete sie makabrerweise vor dem Erstickungstod, denn Juden durften die Luftschutzbunker und -keller nicht betreten. Die aber wurden bei der Operation Gomorrha vielfach zu Todesfallen. Marione und ihre Mutter überlebten in einem Bombenkrater, der Feuersturm fegte über sie hinweg.

Was das neunjährige Mädchen in Hamburgs Straßen erlebte, schrieb sie als erwachsene Frau auf, mittlerweile mit dem kanadischen Komponisten und Textdichter Daniel Ingram verheiratet, und veröffentlichte ihre Erinnerungen 2013 unter dem Titel The Hands of War. Ulrike Sparr übersetzte das Buch kongenial ins Deutsche, und das Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden veröffentlichte Marione Ingrams Buch unter dem Titel Kriegskind – Eine jüdische Kindheit in Hamburg im Verlag Dölling und Galitz. Beate Meyer vom Institut bestätigt Ingrams Erleben in einem Nachwort aus wissenschaftlicher Sicht.

Zeitzeugen Neben Ralph Giordano, der seine jüdische Kindheit in Die Bertinis beschrieb, und der Publizistin Peggy Parnass und ihrem Buch Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete, das die Künstlerin Tita do Rego Silva mit Holzschnitten illustrierte, ist Marione Ingram eine weitere wichtige Zeitzeugin des jüdischen Hamburg.

Zu den offen und schonungslos dargestellten Erinnerungen gehören auch die an die Schulfreundin Monika, die sie »durch den Schornstein gehen« sehen wollte. Sie erzählt sie ebenso unmittelbar wie die Geschichte der sogenannten Blankeneser Kinder, die nach 1945 in der Villa Warburg in Hamburg-Blankenese auf ihre Ausreise nach Israel vorbereitet wurden.

Auch die Liebe hat Platz in Marione Ingrams Buch, ihre erste Liebe zu Uri, der zu den Blankeneser Kindern gehört. Marione und ihre Familie bleiben in Hamburg. Und müssen registrieren, dass sich nichts am Antisemitismus vieler Nichtjuden geändert hat. Schließlich geht sie nach New York und erlebt fasziniert, dass ihr Jüdischsein dort keine Rolle mehr spielt. Heute ist sie eine Künstlerin, die jetzt mit Ehemann David Ingram in ihre Heimatstadt Hamburg zurückkehrt, um ihr Buch vorzustellen. Und um die Stolpersteine zu besuchen, die ihrer Großmutter Rosa Singer, ihrem Onkel Hans und Großmutter Singers Schwägerin Emma wieder Namen und Stimme geben.

Die Autorin Marione Ingram stellt ihr Buch »Kriegskind – Eine jüdische Kindheit in Hamburg« am Freitag, 15. Januar, 19 Uhr, im Alberto-Jonas-Haus in der Karolinenstraße 35 vor. Rezitatorin ist die Sängerin und Sprecherin Stella Jürgensen.

Weitere Termine:
Freitag, 22. Januar, 19 Uhr, im Stadtteilarchiv Hamm, Carl-Petersen-Straße 76

Zur Woche des Gedenkens am Mittwoch, 27. Januar, 18 Uhr, in der Bezirksversammlung Hamburg-Nord, Robert-Koch-Straße 17, großer Sitzungssaal.

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