Nachruf

Hermann »Mano« Höllenreiner ist tot

Hermann Höllenreiner (1933 - 2026) Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Hermann »Mano« Höllenreiner, Überlebender des nationalsozialistischen Völkermords an den Sinti und Roma und engagierter Zeitzeuge, ist tot. Er starb am 16. Oktober in Mühldorf am Inn im Alter von 92 Jahren. Erst viele Jahrzehnte nach seiner Befreiung begann er, öffentlich über die Verfolgung und die traumatischen Erfahrungen seiner Kindheit zu sprechen. Mit seinen Berichten trug er dazu bei, das Schicksal der Sinti und Roma stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten würdigte Höllenreiner als bedeutende Stimme der Minderheit und als unermüdlichen Mahner gegen das Vergessen. Ihr Direktor Karl Freller erklärte, mit ihm verliere man einen Menschen, der entscheidend dazu beigetragen habe, den lange verdrängten Völkermord und das Leid der Betroffenen in der deutschen Erinnerungskultur zu verankern. Sein Mut und sein Einsatz seien zugleich Verpflichtung für die Zukunft.

Hermann Höllenreiner wurde am 19. Oktober 1933 in Hagen geboren und wuchs in München auf. Im März 1943 verschleppten ihn die Nationalsozialisten gemeinsam mit seiner Familie in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Er war erst neun Jahre alt. Dort wurde ihm die Häftlingsnummer Z-3526 in den Arm tätowiert.

Ravensbrück und Sachsenhausen

Seine Verfolgung endete nicht mit Auschwitz. 1944 wurde er in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht, später kam er nach Sachsenhausen. In der Endphase des Krieges gelang ihm die Flucht aus einem Todesmarsch. Völlig entkräftet gelangte er mit französischen Kriegsgefangenen nach Frankreich. Seine deutsche Herkunft sollte er verbergen und sich als französischer Jude ausgeben.

In Paris fand der schwer traumatisierte Junge zunächst Aufnahme bei einer Familie. Seine Erlebnisse hatten ihn so stark gezeichnet, dass er zeitweise in einer Kinderpsychiatrie untergebracht wurde. Erst nachdem die Tätowierung seiner Häftlingsnummer entdeckt worden war, konnten Suchdienste seine Angehörigen ausfindig machen. Im Dezember 1946 kehrte er nach München zurück und fand dort die überlebenden Mitglieder seiner Familie wieder.

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Nach dem Krieg gründete Höllenreiner eine eigene Familie. Über das Erlebte zu sprechen, fiel ihm jedoch lange schwer. Erst im fortgeschrittenen Alter entschloss er sich, seine Geschichte öffentlich zu erzählen. In Vorträgen, Interviews und bei Gedenkveranstaltungen berichtete er von der nationalsozialistischen Verfolgung und dem Völkermord an den Sinti und Roma.

Missachtung der Menschenwürde

Besonders wichtig war ihm die Begegnung mit jungen Menschen. Er wollte vermitteln, welche Folgen Rassismus, Ausgrenzung und die Missachtung der Menschenwürde haben können. Seine Berichte machten deutlich, dass die nationalsozialistischen Verbrechen nicht nur aus abstrakten Zahlen und historischen Daten bestehen, sondern aus zerstörten Familien, verlorener Kindheit und lebenslangen Traumata.

Höllenreiner engagierte sich als Delegierter des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma sowie des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Damit unterstützte er die Arbeit für die Anerkennung des erlittenen Unrechts und für eine Erinnerungskultur, in der die Verfolgung der Minderheit einen festen Platz einnimmt.

Wie wichtig ihm die Weitergabe seiner Erfahrungen war, zeigte sich 2019 bei einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung des Bayerischen Landtags und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Höllenreiner ließ seine Erinnerungen damals von seiner Frau Else vortragen.

»Wissen und verstehen«

Darin unterschied er zwischen der Schuld der Tätergeneration und der Verantwortung späterer Generationen. Die junge Generation trage keine Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten. Von den Jugendlichen und ihren Nachkommen erwarte er jedoch, »wissen und verstehen« zu wollen, was damals geschehen sei, und Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich solche Verbrechen niemals wiederholten.

Diese Botschaft prägte sein Engagement bis zuletzt: Erinnerung sollte nicht bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit stehen bleiben, sondern Konsequenzen für den Umgang mit Menschen in der Gegenwart haben.

Auch in der Literatur wurde seine Lebensgeschichte festgehalten. Anja Tuckermanns Jugendbuch »Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war« machte seine Erfahrungen einem jüngeren Publikum zugänglich. Das Werk erschien 2005.

Bundesverdienstkreuz von Steinmeier

Für seinen langjährigen Einsatz als Zeitzeuge erhielt Höllenreiner 2013 das Bundesverdienstkreuz. Im Januar 2020 wurde er von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen und nahm an einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz teil.

Mit Hermann »Mano« Höllenreiner verliert die deutsche Erinnerungskultur einen Menschen, der die Verbrechen des Nationalsozialismus selbst erlitten hatte und dennoch erst spät die Kraft fand, davon zu erzählen. Seine Berichte halfen, das Schicksal der Sinti und Roma aus dem Schatten der Geschichte zu holen. im

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