Die britische Fernsehjournalistin Esther Rantzen ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Bekannt wurde die Jüdin vor allem als Moderatorin der BBC-Sendung »That’s Life!«. Später machte sie sich mit der Gründung der Hilfsangebote Childline und The Silver Line einen Namen. In den letzten Jahren ihres Lebens setzte sie sich zudem mit großer Beharrlichkeit für eine Legalisierung der Sterbehilfe ein.
Rantzen wurde am 22. Juni 1940 im englischen Berkhamsted geboren. Ihre väterliche Familie stammte aus Polen. Ihr Vater Henry arbeitete als Rundfunkingenieur bei der BBC. Während des Zweiten Weltkriegs brachte er die Familie wegen der deutschen Bombenangriffe aus London heraus.
Nach ihrem Englischstudium am Somerville College in Oxford begann Rantzen ihre berufliche Laufbahn bei der BBC. Zunächst arbeitete sie beim Hörfunk, später wechselte sie zum Fernsehen und wurde Mitarbeiterin einer satirischen Sendung. 1968 gehörte sie zum Team von »Braden’s Week«. Als das Format 1972 eingestellt wurde, entstand daraus im folgenden Jahr »That’s Life!«, mit Rantzen als Hauptmoderatorin.
Schicksal von Kindern
Die erste Ausgabe von »That’s Life!« wurde im Mai 1973 ausgestrahlt. Ausgangspunkt war eine Verbrauchersendung, in der Beschwerden über schlechte Dienstleistungen oder mangelhafte Produkte aufgegriffen wurden. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Programm jedoch zu einer Mischung aus Unterhaltung, investigativem Journalismus und Kampagnen für gesellschaftliche Veränderungen.
Rantzen und ihr Team griffen zunehmend Themen auf, die weit über klassische Verbraucherfragen hinausgingen. Dazu gehörten der Schutz von Kindern, Organspenden und Sicherheitsmaßnahmen. Eine Sendung über den schwer kranken Jungen Ben Hardwick führte zu einer Kampagne für mehr Aufmerksamkeit für Organspenden. Der Junge erhielt zwar eine neue Leber, starb jedoch ein Jahr später. Auch der Einsatz für weichere Spielplatzböden und eine gesetzliche Pflicht zu Sicherheitsgurten für Kinder auf den Rücksitzen von Autos gehörte zu den Kampagnen der Sendung.
Eine besondere Bedeutung bekam »That’s Life!« durch Rantzens Beschäftigung mit dem Schicksal von Kindern. 1986 entstand daraus Childline, eine telefonische Anlaufstelle für Kinder, die Missbrauch oder Vernachlässigung erlebten. Nach einer Sendung über einen Kleinkind, das eingesperrt worden und verhungert war, überzeugte Rantzen die BBC davon, eine vertrauliche Hotline einzurichten. Schon in den ersten 48 Stunden gingen so viele Anrufe ein, dass der Ausbau zu einem rund um die Uhr erreichbaren Angebot folgte.
Soziale Anliegen
Childline entwickelte sich zu einem dauerhaften Erfolg. Als die Organisation 2006 mit der britischen Kinderschutzorganisation NSPCC zusammengeführt wurde, verfügte sie über zwölf Zentren. Das Konzept wurde anschließend auch in anderen Ländern übernommen. Engagement gegen Einsamkeit
Nach dem Ende von »That’s Life!« im Jahr 1994 blieb Rantzen dem Fernsehen verbunden. Sie moderierte unter anderem die BBC-Talkshow »Esther«, die auf rund 600 Ausgaben kam. Zugleich engagierte sie sich für zahlreiche soziale Anliegen.
Der Tod ihres Ehemanns Desmond Wilcox im Jahr 2000 wurde für sie zum Anlass, sich intensiv mit der Einsamkeit älterer Menschen auseinanderzusetzen. Rantzen beschrieb Einsamkeit als »einen schleichenden Feind, der das Selbstvertrauen zerstört«. Daraus entstand 2012 The Silver Line, eine rund um die Uhr erreichbare Telefonhilfe für ältere Menschen, die sich einsam oder ausgeschlossen fühlten.
Kampf für Sterbehilfe
Rantzen engagierte sich im Laufe ihres Lebens für mehr als 50 Wohltätigkeitsorganisationen. Für ihre Arbeit mit Kindern und älteren Menschen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. 1991 wurde sie zum OBE ernannt, 2006 folgte der CBE. 2015 wurde sie als Dame Commander of the Order of the British Empire ausgezeichnet.
Auch politisch trat Rantzen zeitweise in Erscheinung. Nach dem Spesenskandal im britischen Parlament kündigte sie 2009 an, bei der Unterhauswahl in Luton South anzutreten. Bei der Wahl 2010 erreichte sie den vierten Platz und kam auf etwas mehr als vier Prozent der Stimmen.
In ihren letzten Lebensjahren wurde die Frage nach dem selbstbestimmten Lebensende zu einem ihrer wichtigsten politischen Anliegen. 2023 wurde bei Rantzen Lungenkrebs im vierten Stadium diagnostiziert. Sie sprach anschließend offen über ihre Erkrankung und darüber, dass sie möglicherweise in die Schweiz reisen würde, wo assistierter Suizid unter bestimmten Voraussetzungen legal ist.
Auswirkungen auf Erinnerungen
Rantzen unterstützte die Bemühungen, Sterbehilfe in England und Wales gesetzlich zu ermöglichen. Auch nachdem sie wusste, dass sie selbst von einer möglichen Gesetzesänderung wahrscheinlich nicht mehr profitieren würde, wollte sie nach eigenen Worten anderen Familien eine vergleichbare Leidenssituation ersparen. »Früher haben Ärzte einem dabei geholfen, aus dem Leben zu gehen, und der Unterschied war, dass dies nicht unbedingt mit der Zustimmung des Betroffenen geschah«, sagte sie.
Im September 2026 stimmte das britische Unterhaus gegen den Assisted Dying Bill. Rantzen bezeichnete die Entscheidung als »einen tragischen Tag«. Zu diesem Zeitpunkt war sie nach eigenen Angaben bereits zu gebrechlich, um noch in die Schweiz zu reisen.
Kurz vor ihrem Tod beschrieb sie, wie sehr ihre Erkrankung inzwischen ihren Alltag und den Kontakt zu ihren Angehörigen bestimmte. »Alles, was ich nicht wollte, dass es passiert, muss ich jetzt durchmachen«, sagte sie. Angehörige könnten sie entweder nicht besuchen oder müssten sie leiden sehen, was sich unweigerlich auf die gemeinsamen Erinnerungen auswirke.
Außergewöhnliche Lebensfreude
Rantzens Kinder Miriam, Rebecca und Joshua Wilcox erklärten nach ihrem Tod, ihre Mutter habe eine außergewöhnliche Lebensfreude besessen und anderen Menschen Trost geben können. Ihr Vermächtnis werde unter anderem in Childline und The Silver Line weiterleben.
Rantzen selbst hatte einmal erklärt, was sie zu ihrem jahrzehntelangen Engagement angetrieben habe: »Ich muss gebraucht werden.« Darin liege für sie der Sinn eines Tages. »Es macht wirklich Freude, wenn man spürt, dass jemand deine Hilfe braucht, und dass du tatsächlich etwas bewirkt hast.« im