Gershom Scholem

Wegweisender Judaist

Zadoff erzählt Scholems Lebensgeschichte zu Ende, und zwar aus der Perspektive eines kritischen Historikers. Foto: pr

Ein 17-jähriger Berliner Jude sah sich selbst im Mai 1915 als Messias, kam aber nach wenigen Wochen wieder davon ab. Dieser Mann wurde im späteren Leben ein wegweisender Wissenschaftler, der viel beachtete Schriften über den jüdischen Messianismus und über die Geschichte der Kabbala veröffentlicht hat.

Die Rede ist von dem Judaisten Gershom Scholem (1897–1982), der 1977 eine Autobiografie in deutscher Sprache vorlegte: Von Berlin nach Jerusalem. Die Messias-Episode erwähnt er in seinen Memoiren zwar nicht, wohl aber in seinem Tagebuch, das sich im Nachlass befand und inzwischen gedruckt vorliegt.

MEMOIREN Scholems Autobiografie endet mit seiner Übersiedlung nach Palästina, als er 28 Jahre alt war; eine Fortsetzung war nicht geplant. Der israelische Historiker Noam Zadoff versucht, in seiner jetzt auf Deutsch erschienenen Scholem-Biografie auch die Fragen zu beantworten, warum der berühmte Judaist nur den ersten Teil seines Lebens dargestellt hat, und warum er seine Memoiren auf Deutsch schrieb und zuerst in Deutschland veröffentlichte.

Zadoff erzählt Scholems Lebensgeschichte zu Ende, und zwar aus der Perspektive eines kritischen Historikers. Fünf Jahre nach dem hebräischen Original ist Zadoffs solide gearbeitete und gut lesbare Biografie jetzt in einer von Dafna Mach angefertigten deutschen Übersetzung er­schienen. Schwerpunktmäßig analysiert der Verfasser Scholems Verhältnis zu Deutschland in den sechs Jahrzehnten nach seiner Einwanderung in das Land Israel.

Er schildert Scholems Begegnungen beziehungsweise Kontroversen mit vielen bekannten Persönlichkeiten (wie Theodor W. Adorno, Samuel J. Agnon, Hannah Arendt und an­deren). Auch Klatsch wird kolportiert, so zum Beispiel Adornos Klage in einem Brief: »Scholem hat sich in einer egozentrischen, taktlosen und ich muss schon sagen, geradezu widerwärtigen Weise benommen.«

SKIZZEN Jede gute Biografie erhellt mehr als nur die Entwicklung eines Menschen. Kunstvoll hat Zadoff verschiedene Lebenskreise skizziert: So bespricht er zum Beispiel die Politik der kleinen Brit-Schalom-Gruppe, in der Scholem Mitglied war. Er referiert auch eine Diskussion Jerusalemer Professoren über religiöse Fragen; Scholem bekannte sich in diesem Zirkel zu einem »religiösen Anarchismus«, der eine Unterordnung unter religiöse Autoritäten ablehnt.

Wie die Schoa Scholems Leben veränderte, wird am Beispiel seiner Europareise 1946 deutlich, die er im Auftrag der Hebräischen Universität unternahm und bei der er auch Vorträge in DP-Camps hielt.

Scholem sollte versuchen, aus dem Bestand von Bibliotheken, die die Nazis geraubt und nach Deutschland verschleppt hatten, wichtige Manuskripte und Bücher für die Jerusalemer Universitätsbibliothek zu bekommen. Die amerikanisch-jüdischen Mitbewerber waren bei der Bücher-Rettungsaktion allerdings wesentlich erfolgreicher als Scholem. Dieser kehrte von seiner Mission in Deutschland an Leib und Seele gebrochen nach Hause, und es dauerte ein ganzes Jahr, bis er sich einigermaßen erholt hatte.

EINWANDERUNG In Anspielung auf Scholems Autobiografie gab Zadoff seinem Buch den Titel: Von Berlin nach Jerusalem und zurück. In Wirklichkeit ist Scholem jedoch nie aus Israel ausgewandert. Aber nach der Staatsgründung ergriff ihn ein tiefes Heimweh nach der europäischen Kulturwelt. Aus diesem Grund nahm er ab 1949 regelmäßig an den Eranos-Tagungen in der Schweiz teil. In Deutschland hielt Scholem immer häufiger Vorträge über jüdische Themen, und er publizierte mehrere Judaica-Bände. Hier und dort nahm er Ehrungen an. Als das Wissenschaftskolleg zu Berlin 1981 eröffnet wurde, war Scholem dabei – und fühlte sich im Institut und in der damals noch geteilten Stadt sehr wohl.

Auf die Frage, warum Scholem seine Memoiren im Jahr 1925 enden ließ, gibt Zadoff die Antwort, der Judaist habe seine große Enttäuschung über dem Weg, den der politische Zionismus eingeschlagen habe, nicht vor dem deutschen Publikum ausbreiten wollen.

Und warum veröffentlichte Scholem das Buch 1977 in Deutschland und nicht in Israel? Zadoff meint, Scholem habe seine Kritik am deutschen Judentum der Vorkriegszeit dem geschätzten deutschen Bildungspublikum plausibel machen wollen, um sich eine Rückkehr zu ermöglichen. Die These von der Rückkehr nach Berlin ist zwar überspitzt formuliert, jedoch nicht ganz falsch.

Noam Zadoff: »Von Berlin nach Jerusalem und zurück. Gershom Scholem zwischen Israel und Deutschland«. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, 416 S., 55 €

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