Talmudisches

Nähe und Liebe

Foto: Getty Images

Der Talmud wusste bereits um die Herausforderungen, die ein Paar erlebt, wenn die Liebe nachlässt: »Als unsere Liebe stark war, hätten wir in einem Bett schlafen können, das so breit wie ein Schwert war. Jetzt, da unsere Liebe nicht mehr stark ist, reicht uns ein Bett von 60 Ellen nicht mehr aus« (Sanhedrin 7a).

Am Beginn der Beziehung, wenn die Liebe frisch ist, ist alles wunderbar. In seinem Buch Made in Heaven schreibt Rabbiner Aryeh Kaplan, dass das hebräische Wort »Ahawa« (Liebe) den Zahlenwert 13 hat. Dies entspricht dem Zahlenwert des hebräischen Wortes »echad« (eins). Die Liebe vereint also zwei Menschen und macht sie zu einer Einheit.

Diese Einheit besteht, bis es zu vermeintlich unüberbrückbaren Differenzen kommt. Und Differenzen gibt es in jeder Beziehung. Doch sind sie wirklich unüberbrückbar, ist die Einheit gefährdet? Keine Ehe hat jemals allein durch Leidenschaft und Liebe überlebt. Es braucht Anstrengungen von beiden Seiten. Auch wenn man sich in der Partnerschaft voneinander entfernt hat, gilt es, sich wieder anzunähern.

Der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks verwies darauf, dass es im Talmud (Gittin 90b) heißt, der Altar vergieße Tränen, wenn ein Mann sich von seiner Frau scheiden lässt. Er fragte, welcher Zusammenhang zwischen dem Altar und einer Ehe besteht. Bei beidem, so Rabbiner Sacks, gehe es um Opfer. Und das hebräische Wort für Opfer ist »Korban«. Es kommt von dem Verb »lehakriv«, was »näherbringen« bedeutet. Es gehe nicht darum, in der Beziehung den Nutzen für sich selbst zu maximieren. Ehen scheiterten, wenn die Partner nicht bereit seien, füreinander Opfer zu bringen. Wobei die Ehe ein dynamisches Gleichgewicht darstellt zwischen intensiver Nähe und notwendiger Distanz, die den Respekt vor dem Individuum wahrt.

Die Ehe stellt ein dynamisches Gleichgewicht dar zwischen intensiver Nähe und notwendiger Distanz, die den Respekt vor dem Individuum wahrt.

Von dem Komiker und Autor Johann König stammt die humorvolle Weisheit: »Was ist der Schlüssel für eine gute Beziehung? Der Schlüssel zur Zweitwohnung.« Doch dieses Beziehungsmodell des »Living apart together«, das die Liebe langfristig am Leben halten soll, ist wohl kaum das Modell, das unsere Weisen vorgesehen haben.

Viele rabbinische Ratgeber geben Hinweise, wie Liebe im Zusammenleben gepflegt werden kann. Der New Yorker Rabbiner und Psychotherapeut Simcha Feuerman betont, dass man die Dynamik der Beziehung beachten müsse. Er erklärt, dass die meisten Entscheidungen von Emotionen getrieben seien. In seinem Blog auf timesofisrael.com verweist er auf den amerikanischen Psychologen und Beziehungsexperten John Gottman, der das Konzept der positiven und negativen »Gefühlsüberlagerung« beschreibt: In einer grundsätzlich positiven Beziehung würden selbst problematische Situationen wohlwollend interpretiert, während in einer negativen Stimmung neutrale Ereignisse schnell negativ gedeutet würden.

Als Beispiel nennt er die Situation, in der ein Partner ein paar Minuten später als vereinbart nach Hause kommt. Eine negative Gefühlsüberlagerung könnte den anderen dazu veranlassen, anzunehmen, dass dies die »typische Verantwortungslosigkeit« des Partners widerspiegele. Unter dem Einfluss einer positiven Gefühlsüberlagerung hingegen werde der Partner selbst bei einer Verspätung von 30 Minuten oder mehr denken, dass es vielleicht auf der Arbeit hektisch gewesen sei oder der andere einen vollen Terminkalender gehabt habe.

Laut Gottman bleibt eine positive Grundhaltung stabil, wenn mindestens fünf positive auf eine negative Interaktion kommen, wobei eine »positive Interaktion« nicht großartig oder aufwendig sein müsse. Sie könne so einfach sein wie ein Lächeln, eine Umarmung, ein Kompliment oder Hilfe bei einer kleinen Aufgabe.

Schließlich meint Rabbiner Simcha Feuerman: »Wenn wir aktiv daran arbeiten, die Liebe zu pflegen, werden kleine Missstände nicht unüberwindbar erscheinen. Aber wenn wir zulassen, dass die Liebe verkümmert, wird sich selbst der weite Raum eines 60 Ellen langen Bettes beengend anfühlen.«

Meinung

Brennende Moscheen: Moralische Klarheit bei Siedlergewalt

Die Stimme gegen Gewalt, die im Namen des jüdischen Volkes ausgeübt wird, muss ebenso klar und deutlich vernehmbar sein wie gegen die Gewalt, die sich gegen uns richtet

von Rabbiner Pinchas Goldschmidt  14.08.2026

Schoftim

Was wir sehen – und was nicht

Die moderne Wahrnehmungsforschung und die Tora verweisen auf dieselbe Einsicht: Unser Blick prägt unser Urteil

von Rabbiner David Kraus  14.08.2026

Talmudisches

Von Marktplätzen und Badehäusern

Was unsere Weisen über die Vervollkommnung der materiellen Welt lehren

von Vyacheslav Dobrovych  14.08.2026

Klima

Wenn der Himmel den Hahn zudreht

Wassermangel ist ein zentrales Motiv in der jüdischen Tradition – von der Schöpfung bis zum Gebet für Regen

von Rabbiner Elischa Portnoy  13.08.2026

Religion

Sonnenfinsternis zum Beginn des Elul

Das Himmelsereignis fällt mit einem besonderen jüdischen Datum zusammen

 12.08.2026

Vorfall

»Hitler« und »Freies Palästina«: Jüdisches Gebetbuch antisemitisch beschmiert

Ein Mitarbeiter des deutsch-jüdischen Vereins »WerteInitiative« bestellte einen Machsor für die anstehenden Feiertage – doch als er ihn zu Hause öffnete, fand er darin eindeutige Schmierereien

von Mascha Malburg  12.08.2026

»Dina de Malchuta Dina«

Gottes Gebot oder Staates Gesetz?

Ein talmudisches Prinzip besagt, dass sich fromme Juden auch an das Gesetz ihres Landes halten müssen. Doch was geschieht, wenn dies mit den Pflichten der Religion kollidiert?

von Rabbiner Daniel Fabian  07.08.2026

Talmudisches

Durst

Was unsere Weisen über die lebensspendende Kraft des Wassers lehren

von Rabbinerin Yael Deusel  07.08.2026

Re’eh

Segen und Fluch

Warum die Tora uns die Wahl lässt – aber dennoch zum Leben aufruft

von Jay Schlesinger  06.08.2026