Die 40 Jahre der Wüstenwanderung nähern sich ihrem Ende, und wieder stehen die Bnei Jisrael, die Kinder Israels, an der Grenze zu Kenaan. Im Wochenabschnitt Mass’ej wird noch einmal die Route beschrieben, die sie auf dem langen Weg zurückgelegt haben, vom Aufbruch im ägyptischen Ramses bis zum Ufer des Jordans in der Nähe von Jericho.
Die Aufzählung der vielen Orte, an denen sie unterwegs Halt gemacht haben, mag uns eine leise Ahnung vermitteln von der Länge und der Beschwerlichkeit dieses Weges. Und doch wäre die direkte Strecke so viel kürzer gewesen und Kenaan so viel schneller zu erreichen, wenn – ja, wenn die inneren Widerstände in der Gemeinschaft der Bnei Jisrael nicht gewesen wären.
Um nach Kenaan einzuziehen, musste erst eine neue Generation heranwachsen
Vor so vielen Jahren waren sie ihrem Ziel schon einmal sehr nahe gewesen. Doch zehn der zwölf Kundschafter hatten damals das Volk so stark verunsichert, dass die Einnahme des Landes unmöglich wurde. Es musste erst eine neue Generation heranwachsen, die bereit war, sich den Herausforderungen des Einzugs nach Kenaan zu stellen. Nur Jehoschua bin Nun und Kalev ben Jefune sind aus der früheren Generation noch übrig – und Mosche, der schon weiß, dass er nicht mit hinüberziehen wird über den Jordan.
Jetzt passiert jedoch etwas Unvorhergesehenes: Die Männer, die zu den Stämmen Reuven und Gad gehören, besehen sich das schöne Weideland diesseits des Jordans und beschließen, dass sie mit ihren großen Herden doch gleich hier bleiben könnten. Denn wer weiß, ob es in Kenaan etwas Vergleichbares für sie geben wird? So werden die Männer vorstellig bei Mosche und bitten ihn darum, ihnen dieses Gebiet als ihren Anteil bereits jetzt zu geben.
Mosche ist außer sich – soll sich die Geschichte denn wirklich noch einmal wiederholen?
Mosche ist außer sich – soll sich die Geschichte denn wirklich noch einmal wiederholen? Er wirft den Vertretern von Reuven und Gad vor, genauso zu handeln wie jene Vorfahren, deren Zaghaftigkeit einst den Einzug nach Kenaan verhindert hat, sodass die Bnei Jisrael schließlich 40 Jahre in der Wüste unterwegs waren.
Mosche wird sehr deutlich: Eure Brüder sollen in den Krieg gehen, und ihr wollt hierbleiben und euch ansiedeln? Sollen denn die Bnei Jisrael erneut entmutigt werden, hinüberzuziehen in das Land, das der Ewige ihren Vorfahren einst als Erbe zugesprochen hat?
Mosche hält ihnen vor: Wenn ihr euch verhaltet wie die vorige Generation, dann wird die Wüstenwanderung hier noch nicht zu Ende sein, und ihr schadet damit dem ganzen Volk.
Doch die Stämme Reuven und Gad sind nicht wie ihre Eltern und Großeltern. Vielleicht geben auch die Worte den Ausschlag, mit denen Mosche ihnen ins Gewissen redet. Jedenfalls verpflichten sich die Männer, zusammen mit den anderen Stämmen über den Jordan zu ziehen und an ihrer Seite zu kämpfen, bis alle ihr jeweiliges Erbe erlangt haben. Aber wenn es dann so weit wäre, hätten sie doch gern genau dieses Land um Jaser und Gilad. Und ihre Frauen und Kinder nebst den Herden wollen sie bereits hier ansiedeln, in befestigten Städten, um sie zu schützen.
Das akzeptiert Mosche, und da ihm bewusst ist, dass er jene Zeit nicht mehr erleben wird, überträgt er Elasar, der die Stelle seines verstorbenen Vaters Aharon eingenommen hat, und Jehoschua, der Mosches Nachfolger sein wird, die Verantwortung für die Einhaltung dieser Zusage und die Zuweisung dieses Gebietes für die Zukunft.
Noch ist die genaue Verteilung des Landes nicht festgelegt
Noch aber ist es nicht so weit. Noch lagern die Bnei Jisrael gemeinsam diesseits des Jordans, in den Ebenen von Moav, diesmal jedoch fest entschlossen, nicht noch einmal entmutigt zurückzuweichen. Noch ist die genaue Verteilung des Landes nicht festgelegt. Lediglich Reuven und Gad sowie ein Teil des Stammes Menasche, der sich ihnen anschließt, haben sich bereits ihren Anteil gesichert.
Die künftige Landzuweisung wird aber dennoch bereits angesprochen. Wenn es so weit ist, dann sollen Elasar und Jehoschua zusammen mit je einem Stammesvorstand das Land aufteilen. Mosche benennt jeden Einzelnen dieser Vorsteher mit seinem Namen und dem Namen seines Vaters.
Er kennt sie alle; mit ihren Vätern ist er einst aus Ägypten ausgezogen. Mosches Neffe Elasar selbst, der Sohn Aharons, gehört zu den Leviim, die als Stamm kein eigenes Gebiet erhalten, wohl aber insgesamt 48 Städte als Wohnorte, verteilt im ganzen Land. Die übrigen Stämme werden verpflichtet, ihnen diese Städte zur Verfügung zu stellen, zahlenmäßig jeweils abhängig von der Größe ihres eigenen Landanteils.
Darunter werden auch sechs Städte sein – drei diesseits und drei jenseits des Jordans –, in die sich Menschen flüchten können, die versehentlich jemanden getötet haben. Die Stadtgemeinschaft ist in diesem Fall dann auch verpflichtet, für einen fairen Prozess zu sorgen und eine Hinrichtung oder Blutrache zu verhindern, sofern es sich bei der Tat nicht um einen vorsätzlich begangenen Mord handelt. Doch ein Mörder muss seiner Strafe zugeführt werden.
Alle sind füreinander verantwortlich, um des Gemeinwohls willen
Hinter all dem steht das Prinzip »Kol Jisrael arevim sebaseh«. Ob auf der obersten Ebene der gesamten Gemeinschaft gegenüber oder in der Verpflichtung für den Einzelnen: Alle sind füreinander verantwortlich, um des Gemeinwohls willen.
Dass dies nicht nur für die männlichen Bnei Jisrael, sondern auch für die Frauen gilt, zeigt sich in der Erbrechtssache der Töchter von Zelofchad. Deren Familie gehört zu dem Teil von Menasche, der mit Reuven und Gad diesseits des Jordans siedeln wird. Die fünf Frauen fordern ihren eigenen Anteil an Land als Erbteil ein und erhalten ihn auf Geheiß des Ewigen tatsächlich zugesprochen, auch wenn es offensichtlich nicht jedem ihrer männlichen Verwandten gefällt. Der Erbanspruch für Frauen einschließlich aller damit verbundenen Verpflichtungen, aber auch Rechte wird aufgrund der Initiative von Zelofchads Töchtern Machla, Tirza, Chogla, Milka und Noa festgelegt. Die Berechtigung gilt von da an nicht nur für diese fünf Frauen allein, sondern sie wird zum allgemeinen Gesetz in Israel. Denn »Kol Jisrael arevim sehbaseh«, das schließt die Garantie der Rechte und Pflichten von allen mit ein, von Männern und Frauen gleichermaßen.
Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).
inhalt
Der Wochenabschnitt Matot erzählt von Mosches letztem militärischen Unternehmen, dem Feldzug gegen die Midjaniter. Danach teilen die Israeliten die Beute auf und besiedeln das Land.
4.Buch Mose 30,2 – 32,42
»Reisen« ist die deutsche Übersetzung des Wochenabschnitts Mass’ej. Und so beginnt er auch mit einer Liste aller Stationen der Reise durch die Wildnis von Ägypten bis zum Jordan. Mosche sagt den Israeliten, sie müssten die Bewohner des Landes vertreiben und ihre Götzenbilder zerstören.
4. Buch Mose 33,1 – 36,13