Rabbiner Hirsch, die Bilder von Protesten und teilweise gewalttätigen Szenen vor Synagogen in New York haben viele Juden weltweit schockiert. Wie erleben Sie die aktuelle Situation?
Die Proteste bereiten uns große Sorgen. Einerseits verursachen sie erhebliche zusätzliche Sicherheitskosten, die die Gemeinden selbst tragen müssen. Andererseits richten sie sich in ihrem Kern nicht nur gegen Israel oder den Zionismus. Vielmehr richten sie sich gegen einen zentralen Bestandteil jüdischer Identität, nämlich die Verbindung des jüdischen Volkes zum Land Israel. Genau diese Verbindung greifen die Demonstranten und ihre politischen Unterstützer, darunter auch der Bürgermeister von New York, an. Gleichzeitig sind diese Proteste Teil einer breiteren Entwicklung.
Welche Folgen hat das?
Die Situation in den USA ist deutlich schlechter als noch vor zehn Jahren und vor allem schlechter als in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig ist sie nicht mit Europa vergleichbar. In den Vereinigten Staaten hat es historisch gesehen keinen staatlich organisierten Antisemitismus gegeben. Die Gründungsideale, insbesondere die Religionsfreiheit, wirken bis heute fort. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keinen Antisemitismus gibt. Im Gegenteil. Über Jahrhunderte hinweg haben sich Bilder und Denkmuster entwickelt, die bis heute weitergetragen werden – oft unbewusst.
Wie äußert sich der Antisemitismus in den USA heute?
Antisemitismus passt sich an. In gläubigen Gesellschaften wurde er religiös begründet, später rassistisch, heute erscheint er oft in der Sprache der Menschenrechte. Doch seine Struktur bleibt gleich. Viele Menschen merken nicht, dass sie dabei alte Muster reproduzieren. Sie glauben, sie äußerten etwas Neues, etwas Moralisches, dabei greifen sie in Wirklichkeit auf sehr alte Denkfiguren zurück. Hinzu kommt eine zweite Entwicklung: der islamistisch geprägte Antisemitismus, den wir in Europa schon länger beobachten können und der auch in den USA zunimmt. Er äußert sich häufig als Antizionismus, ist aber oft Teil einer breiteren antiwestlichen Haltung. Dabei werden Juden als Symbol des Westens wahrgenommen. Dadurch wird die Lage komplexer, da hier unterschiedliche Formen von Antisemitismus zusammenkommen.
Das Reformjudentum in den USA war bislang stark mit liberalen und demokratischen Positionen verbunden. Hat dieses Band nun Risse bekommen?
Für viele amerikanische Juden waren der 7. Oktober 2023 und seine Folgen ein tiefer Schock. Die große Mehrheit von ihnen hat seit Generationen liberale Institutionen aufgebaut, unterstützt und getragen. Und dann erleben sie, dass aus genau diesen Milieus Reaktionen kommen, die sie als Gleichgültigkeit oder sogar Feindseligkeit empfinden. Das wird nicht nur als politische Differenz erlebt, sondern als Bruch.
Wo sehen Sie die Ursachen für diesen Bruch?
Ich glaube, ein Teil des Problems ist begrifflicher Natur. Das, was heute oft als »progressiv« bezeichnet wird, ist nicht unbedingt liberal im klassischen Sinne. Liberalismus bedeutet Vertrauen in die Vernunft, in Argumente und in die offene Debatte. Was wir stattdessen häufig sehen, ist eine Kultur, in der subjektive Wahrnehmung über Fakten gestellt wird, Zugehörigkeit wichtiger ist als Argumente und abweichende Positionen delegitimiert werden. Und hier zeigt sich eine zentrale Eigenschaft des Antisemitismus: Er korrumpiert die Werte, auf die er sich beruft. Gleichzeitig kommt der Druck nicht nur von einer Seite. Auch im rechten Spektrum beobachten wir wieder offenere Formen von Antisemitismus. Viele Juden haben heute das Gefühl, zwischen beiden Seiten zu stehen.
Es gibt die These, dass sich jüngere amerikanische Juden kritischer zu Israel positionieren als frühere Generationen. Teilen Sie diese Beobachtung?
Ich halte das für zu einfach und in gewisser Weise auch für irreführend. Betrachtet man die Daten genauer, ergibt sich ein viel differenzierteres Bild. Es gibt Studien, die zeigen: Nur etwa ein Drittel bezeichnet sich selbst ausdrücklich als zionistisch. Gleichzeitig sagen aber rund 90 Prozent, dass sie pro-israelisch sind, und eine große Mehrheit beschreibt eine starke emotionale Verbindung zu Israel.
Ist das nicht ein Widerspruch?
Dies ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis darauf, dass hier etwas anderes geschieht. Es geht weniger um eine tatsächliche Distanzierung von Israel als um eine Verschiebung im Verständnis des Begriffs »Zionismus«. Dieser Begriff wird in den vergangenen Jahren gezielt diskreditiert – von politischen Gegnern, aber auch im akademischen und medialen Diskurs. Gleichzeitig wird er von vielen jungen Menschen sehr eng ausgelegt und oft auf negative politische Erscheinungsformen reduziert. Dabei ist es mir wichtig, etwas klarzustellen: Die überwältigende Mehrheit der Reformjuden in den Vereinigten Staaten ist pro-israelisch und im Kern auch zionistisch, das heißt, sie unterstützen die jüdische Selbstbestimmung. Dies entspricht auch der Entwicklung des Reformjudentums selbst, das sich im Laufe des 20. Jahrhunderts klar zum Zionismus bekannt hat.
Was folgt daraus?
Es geht für mich hier weniger darum, junge Menschen »zurückzugewinnen«, als vielmehr darum, den Begriff selbst wieder zu klären, ihn historisch einzuordnen und zu erklären, was er heute bedeutet. Wenn uns das gelingt, wird sichtbar, dass die Verbindung vieler junger Juden in den USA zu Israel stärker ist, als es auf den ersten Blick scheint.
Welche Rolle spielen Rabbiner und jüdische Institutionen in solchen Situationen?
Eine zentrale, vielleicht sogar eine zentralere als früher. Denn wenn äußere Orientierungspunkte ins Wanken geraten, wird entscheidend, was im Inneren einer Gemeinschaft trägt. Jüdische Identität entsteht nicht primär in politischen Organisationen. Sie entsteht in Familien, durch Bildung und vor allem in Synagogen. Synagogen sind die einzige Institution, die Menschen über ihr gesamtes Leben hinweg begleitet. Deshalb kommt Rabbinern eine besondere Rolle zu – nicht nur als religiöse Autoritäten, sondern auch als Vermittler von Orientierung.
Was bedeutet das für Rabbiner konkret?
Viele Menschen erleben heute Verunsicherung – politisch, moralisch, emotional. Und Rabbiner müssen dabei helfen, diese einzuordnen. Nicht mit einfachen Antworten, sondern indem sie Zusammenhänge verständlich machen. Dabei geht es um eine grundlegende Frage: Was trägt jüdische Kontinuität?
Wie lautet Ihre Antwort?
Betrachtet man 2000 Jahre jüdische Geschichte in der Diaspora, wird deutlich, dass nicht Macht, Territorium oder Sicherheit für Kontinuität gesorgt haben. Es waren die Tora, die Weitergabe von Texten, Wissen und Traditionen sowie die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem, was das Judentum ausmacht. In Israel kommt eine weitere Dimension hinzu: Staatlichkeit, Souveränität und kollektive Selbstbestimmung. In der Diaspora bleibt die Tora jedoch der zentrale Träger jüdischer Kontinuität. Deshalb sind die Weitergabe jüdischen Wissens und das Lernen so entscheidend. Ohne Wissen gibt es keine stabile Identität. Ohne Identität gibt es keine Gemeinschaft, die Krisen standhalten kann. Jüdische Institutionen müssen heute beides leisten: Schutz bieten und Inhalte vermitteln. Sicherheit ohne Identität bleibt fragil, Identität ohne Gemeinschaft abstrakt. Die Herausforderung besteht darin, beides zusammenzuhalten.
Wo liegt derzeit die größte Herausforderung für das jüdische Leben in der Diaspora?
Die größte Herausforderung ist und bleibt das mangelnde Wissen. Das mag banal klingen, ist aber von entscheidender Bedeutung. Man kann sich nicht mit etwas identifizieren, das man nicht kennt. Vieles hängt davon ab, ob im Elternhaus, in Schulen und in Synagogen überhaupt ein Zugang geschaffen wird. Ohne dieses Fundament wird Zugehörigkeit schnell abstrakt. Ein zentrales Beispiel dafür ist die Pessach-Haggada mit den vier Fragen. Die Tradition setzt voraus, dass Kinder fragen und es Menschen gibt, die antworten können. Besonders eindrücklich zeigt sich das in der Figur des vierten Kindes in der Haggada, das nicht weiß, was und wie es fragen soll. Die Antwort lautet: »P’tach lo – öffne ihm.« Das heißt, geh auf das Kind zu und eröffne ihm einen Zugang zu Wissen. Die Herausforderung heute ist jedoch, dass es zunehmend an Menschen fehlt, die diesen ersten Schritt überhaupt gehen können. Viele verfügen selbst nicht mehr über ausreichendes Wissen, um es weiterzugeben. Umso wichtiger sind Familie, Bildung und insbesondere Synagogen. Sie sind Orte, an denen dieses Wissen vermittelt, eingeübt und lebendig gehalten wird und an denen die Fähigkeit entsteht, Fragen zu stellen und Antworten zu geben.
Was macht Ihnen Hoffnung?
Gerade in Krisenzeiten wächst bei vielen das Bedürfnis, sich intensiver mit der eigenen jüdischen Identität auseinanderzusetzen. Entscheidend ist, ob es gelingt, daraus etwas Dauerhaftes zu machen. Denn nicht die Krise selbst bestimmt die Zukunft, sondern die Fähigkeit einer Gemeinschaft, substanziell auf sie zu antworten.
Mit dem Rabbiner der Stephen Wise Free Synagogue in New York sprach Alexandra Farkas Bandl.