Im Wochenabschnitt Pinchas gebietet uns die Tora: »Im siebten Monat, am ersten Tag des Monats, sollt ihr eine heilige Versammlung abhalten; ihr sollt keine Arbeit verrichten. Es soll für euch ein Tag der Teru’a sein« (4. Buch Mose 29,1).
Bekannterweise ist der erste Tag des siebten Monats der 1. Tischri, also Rosch Haschana. Als erster Monat wird in der Tora jedoch immer Nissan bezeichnet, der Monat des Auszugs aus Ägypten. Daher gibt es eine bekannte talmudische Diskussion darüber, weshalb wir Rosch Haschana, den Beginn des neuen Jahres, erst im siebten Monat feiern und nicht im ersten.
Der Talmud überliefert eine Meinungsverschiedenheit zwischen Rabbi Elieser und Rabbi Jehoschua darüber, ob die Welt im Tischri oder im Nissan erschaffen wurde. Nach der Erklärung des Arisal, des berühmten Kabbalisten Jizchak Luria (1534–1572), widersprechen sich die beiden Ansichten nicht: Der Tischri steht für die geistige Entstehung der Welt, während der Nissan ihre materielle Verwirklichung repräsentiert. Rosch Haschana markiert somit den Moment, in dem der g’ttliche Gedanke der Schöpfung entstand, vergleichbar mit der Zeugung eines Menschen, während Nissan ihrer Geburt entspricht. Deshalb sprechen wir an Rosch Haschana vom »Kopf des Jahres« und beten: »Heute wurde die Welt gezeugt«, denn dieser Tag erinnert an den Ursprung und die geistige Wurzel der gesamten Schöpfung.
Die Buchstaben des ersten Wortes der Tora, Bereschit, ergeben auch die Wörter »Alef beTischri«, der 1. Tischri
Die Rabbiner weisen darauf hin, dass die Buchstaben des ersten Wortes der Tora, Bereschit, auch die Wörter »Alef beTischri« (der 1. Tischri) ergeben. Im ersten Vers der Tora geht es also um den Beginn und die Quelle der gesamten geistigen Schöpfung.
An diesem Tag ist es verboten zu arbeiten, und wir sollen das Schofar blasen und seinen Klang hören. Die Teru’a ist einer der Töne des Schofars.
Halachisch unterscheiden wir zwischen drei verschiedenen Schofartönen: Tekia, Schewarim und Teru’a. Eine Teru’a besteht aus neun kurzen Tönen, Schewarim aus drei Tönen, die jeweils die Länge von drei kurzen Tönen haben, und eine Tekia aus einem einzelnen Ton, der die Länge von neun kurzen Tönen besitzt. Mit anderen Worten: Neun mal eins ist Teru’a, drei mal drei ist Schewarim und ein mal neun ist Tekia.
An Rosch Haschana werden in den meisten aschkenasischen Gemeinden insgesamt 100 Schofartöne geblasen
Es ist unsere Tradition, vor und nach der Teru’a eine Tekia zu blasen. An Rosch Haschana werden in den meisten aschkenasischen Gemeinden insgesamt 100 Schofartöne geblasen. Diese setzen sich aus den drei Tonfolgen Taschrat (Tekia–Schewarim–Teru’a–Tekia), Taschat (Tekia–Schewarim–Tekia) und Tarat (Tekia–Teru’a–Tekia) zusammen, um alle halachischen Möglichkeiten der biblischen Teru’a zu erfüllen.
Eine Teru’a mit ihren neun einzelnen Tönen gilt in diesem Zusammenhang als ein Ton. Dasselbe gilt für Tekia und Schewarim.
Zunächst werden 30 Töne vor dem Mussaf-Gebet geblasen, anschließend weitere 30 während der stillen Mussaf-Amida und nochmals 30 während der Wiederholung der Amida durch den Vorbeter. Nach diesen insgesamt 90 Tönen folgen zum Abschluss des G’ttesdienstes weitere zehn Töne. So ergibt sich die heute übliche Gesamtzahl von 100 Schofartönen.
Rabbi Nathan von Bratzlaw (1780–1844), der Schüler des bekannten Rabbi Nachman von Bratzlaw, erklärt in seinem Werk Likutey Halachot eine sehr spannende Lehre zur Reihenfolge der Töne und dazu, was wir daraus lernen können.
Die Teru’a symbolisiert die Einsicht in die Tora
Das hebräische Wort Teru’a besteht aus denselben Buchstaben wie das Wort Tora, wobei noch der Buchstabe Ajin in der Mitte steht und den Zahlenwert 70 besitzt. Wir wissen aus den Worten unserer Weisen, dass die Tora 70 Gesichter hat. Gemeint ist die Gesamtheit der Interpretationen, die die Tora auf ihren verschiedenen Verständnisebenen zulässt. Mit anderen Worten: Die Teru’a symbolisiert die Einsicht in die Tora und die Möglichkeit, die Welt mit den Augen des Glaubens zu sehen. Ajin hat nämlich nicht nur den Zahlenwert 70, sondern bedeutet auf Hebräisch auch »Auge«. Die Teru’a symbolisiert die Fähigkeit, die Welt so zu sehen und zu verstehen, wie Haschem möchte, dass wir sie sehen. Alle neun Töne sind klar voneinander wahrnehmbar.
In einer Tekia hingegen sind die einzelnen Töne nicht wahrnehmbar; sie erscheint vielmehr als ein einziger, einfacher Ton. Deshalb haben wir die Tradition, vor und nach der Teru’a eine Tekia zu blasen.
Vor und nach der Einsicht, symbolisiert durch die Teru’a, muss es Momente der Bescheidenheit und Einfachheit geben, symbolisiert durch die Tekia. Rabbi Nathan erklärt, dass sein Lehrer Rabbi Nachman manchmal sagte: »Ich weiß gar nichts.« Daraufhin offenbarte er seinen Schülern die tiefsten Geheimnisse der Tora und sagte anschließend: »Jetzt weiß ich wieder gar nichts mehr.«
Die Tora gibt uns Einsicht in die wahren Absichten des Schöpfers
Wenn wir diese tiefen Lehren auf unser eigenes Leben beziehen, können wir Folgendes daraus lernen:
Die Tora ist nicht nur ein Buch mit Geschichten. Sie gibt uns Einsicht in die wahren Absichten des Schöpfers, die entscheidend sind, um das Leben auf dieser Erde auf die bestmögliche Weise zu meistern. Die Tora ist nicht wie ein gewöhnliches Buch geschrieben.
Der Sohar lehrt: »Wenn die Engel auf die Erde herabsteigen, kleiden sie sich in die Gewänder dieser Welt. Wenn sie es nicht täten, wären sie nicht in der Lage, diese Welt zu ertragen, und die Welt wäre nicht in der Lage, sie zu ertragen. Wenn das für die Engel so ist, um wie viel mehr gilt das für die Tora, durch die diese Engel und alle Welten erschaffen wurden! Als die Tora auf diese Welt herabkam, wenn sie sich nicht in all diese Gewänder gehüllt hätte, hätte die Welt es nicht ertragen können. Daher ist diese Geschichte der Tora das Gewand der Tora« (Sohar, Beha’alotcha 252).
Die Gebote der Tora gleichen einem Gewand. Ein Gewand schützt den Körper, und ein Gewand verbirgt den Körper. Wer nur die dicke Jacke sieht, kann den Körper unter der Jacke nicht erkennen. Die Tora ist so aufgebaut, dass sie den Unwürdigen in die Irre führt und dem Würdigen ihre Geheimnisse offenbart.
Doch die Voraussetzung für den Empfang dieser Tora ist das Bekenntnis zu voller Bescheidenheit und Einfachheit. Einfachheit bedeutet, Haschem mit eigenen Worten zu sagen: »Mein Schöpfer, ich weiß nichts. Ich weiß nur, dass Du mich über alles liebst, dass alles, was geschieht, letztlich zum Besten ist und dass alles einen Sinn hat. Ich kröne Dich zum König über mein Leben.«
Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.
inhalt
Der Wochenabschnitt Pinchas berichtet von dem gleichnamigen Priester, der durch seinen Einsatz den Zorn G’ttes abwandte. Dafür wird er mit dem »Bund des ewigen Priestertums« belohnt. Die kriegsfähigen Männer werden gezählt, und das Land Israel wird unter den Stämmen aufgeteilt. Mosches Leben nähert sich dem Ende. Deshalb wird Jehoschua zu seinem Nachfolger bestimmt. Am Schluss der Parascha stehen Opfervorschriften.
4. Buch Mose 25,10 – 30,1