Es gibt nicht viele Fälle, in denen die Halacha erlaubt, am Schabbat Gegenstände in den öffentlichen Raum zu tragen. Die Rettung von Torarollen oder Bibeln vor einem Feuer gehört dazu. Wenn eine heilige Schrift nicht gerettet werden kann und jemand sie brennen sieht, dann ist er laut Mischna (Traktat Schabbat 16) dazu aufgefordert, als Zeichen der Trauer sein Gewand zu zerreißen.
Dass Schriften und Bücher im Judentum seit jeher größte Bedeutung genießen, wussten auch die Feinde der Juden. Nachdem die Nationalsozialisten die Vernichtung jüdischer Bücher auf die Spitze getrieben hatten, versuchte Shmuel Zanwil Kahana (1905–1998), der erste Generaldirektor des israelischen Religionsministeriums, einen eigenen Gedenktag für sie zu etablieren.
Von der Kabbala inspiriert, wollte er zeigen: Nur das Papier konnten die Nazis zerstören
Von der Kabbala inspiriert, wollte er zeigen: Nur das Papier konnten die Nazis zerstören, die geschriebenen Buchstaben aber sind zum Himmel aufgestiegen, von wo aus sie zur Entstehung einer neuen Generation toratreuer Juden im Heiligen Land beitragen würden. Wer an einer der mystischen Zeremonien teilnahm, die Kahana jährlich in der Woche abhielt, in der die Parascha Chukat in der Synagoge gelesen wird, hat sie wahrscheinlich nie wieder vergessen. An den Gedenktag für vernichtete Bücher denkt in Israel heute aber trotzdem niemand mehr.
Während der 50er- und 60er-Jahre war nicht nur die politische Landkarte des jüdischen Staates vielen Änderungen unterworfen, sondern auch die religiöse. Wichtige Pilgerstätten wie die Gräber der Patriarchen in Hebron oder das Rachelgrab nahe Bethlehem lagen nach dem Unabhängigkeitskrieg in jordanischen Händen. Auch die Kotel in der Altstadt von Jerusalem, die Westmauer des ehemaligen Tempels, war für Israelis nun unzugänglich. Religiöse Juden reagierten mit Trauer, Wut und Nostalgie.
Der Mann, der sich dieser Probleme annahm, hieß Shmuel Zanwil Kahana. Geboren 1905 als Sohn eines Warschauer Rabbiners, kam er kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Jerusalem. Dort war Kahana zwei Jahrzehnte lang Generaldirektor des Religionsministeriums, und das durchaus mit Einfluss. Der Berg Meron im Norden Israels ist nur eine von vielen Pilgerstätten, die er bekannt machte.
Der Zionsberg, ein historischer Hügel südlich der Jerusalemer Altstadt, als bestmöglicher Ersatz für die Kotel
Kahanas Herzensprojekt war der sogenannte Zionsberg, ein historischer Hügel südlich der Jerusalemer Altstadt, in dem er den bestmöglichen Ersatz für die Kotel sah. Dort gestaltete er das angebliche Grab König Davids zum Pilgerort aus und gründete 1949 in den Kellerräumen eines osmanischen Gebäudes die »Kammer der Schoa«. Sie war eine von Israels ersten Gedenkstätten für die sechs Millionen Opfer der Schoa. Zum Vergleich: Yad Vashem nahm erst in den 60er-Jahren wirklich Gestalt an.
Am 27. Juni 1950 berichtete die Zeitung »HaTzofe« (Hebräisch: der Beobachter) über »die Aufnahme eines neuen Gedenktags in das Programm der Kammer der Schoa. Dabei werden Aspekte des Gedenkens an die Verbrennung heiliger Schriften im Laufe der Geschichte mit dem Gedenken an den jüngsten Holocaust verknüpft«. In Artikeln aus späteren Jahren ist dann konkret von einem »Tag des Gedenkens an die verbrannten Schriftrollen und in den Himmel aufgestiegene Buchstaben« die Rede.
Die Vorstellung aufgestiegener Buchstaben war allerdings keine neue Erfindung. Der Babylonische Talmud (Traktat Avoda Sara 18a) erzählt, wie Rabbi Chanina ben Teradjon von den Römern in eine Torarolle eingewickelt wurde, aus der er verbotenerweise gelehrt hatte. Nachdem sie ihn auf den Scheiterhaufen warfen und die Rolle in Brand steckten, sagte Chanina zu seinen Schülern: »Ich sehe das Pergament der Rolle brennen, aber die Buchstaben fliegen zum Himmel.«
Ähnliches geschah laut dem Talmud (Traktat Pesachim 87b), als Mosche im Angesicht des goldenen Kalbes, das sein Volk verehrte, die Gesetzestafeln zerbrach: »Die Buchstaben flogen empor und kehrten zu ihrem Ursprung zurück.« Die Mystiker und Kabbalisten lehrten später, dass hebräische Buchstaben spirituelle Essenzen sind, die durch physische Gewalt nicht zerstört werden können.
Shmuel Zanwil Kahana gründete 1949 auf dem Zionsberg die Gedenkstätte.
Stattfinden sollte der Gedenktag laut dem Generaldirektor des israelischen Religionsministeriums immer am Freitag in der Woche der Parascha Chukat. Dieses Datum ist ebenfalls der jüdischen Tradition entnommen. Am gleichen Freitag wurden 1242 in Paris mindestens 20 Wagenladungen hebräischer Bücher verbrannt, in einer Zeit vor dem maschinellen Buchdruck eine ungeheure Menge. Vom Babylonischen Talmud existiert seitdem nur noch eine einzige nahezu vollständige Handschrift.
Rabbi Meir von Rothenburg (1215–1293) schrieb damals ein bekanntes Klagelied, in dessen erster Strophe die Tora direkt angesprochen wird: »Hast, Tora, du der Jünger Schmerz erkundet, die, ach, so gern in deinem Schatten weilten? Jetzt keuchen trauernd sie einher, verwundet, dass die Flammen dich ereilten.« Von anderen rabbinischen Autoritäten wie etwa Abraham Gombiner (1633–1683) ist bezeugt, dass sie den Freitag in der Woche der Parascha Chukat als Trauer- und Fastentag betrachteten.
Der neue Gedenktag als Fortführung einer jahrhundertealten Überlieferung
Die Anwesenden bei den modernen Zeremonien für vernichtete Bücher rezitierten das Klagelied aus dem 13. Jahrhundert und hörten eine Auslegung zum eingangs erwähnten Mischna-Traktat. Shmuel Zanwil Kahana wollte den neuen Gedenktag als Fortführung einer jahrhundertealten Überlieferung verstanden wissen. Trotzdem wurde er von vielen Zeitgenossen nicht ernst genommen oder sogar verächtlich gemacht. Die Ablehnung hatte verschiedene Gründe.
»Selbst für mich als Holocaust-Forscher und Jude war es nicht ganz einfach, diesen Aufsatz zu schreiben«, sagt Isaac Hershkowitz, Professor an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan, der die Hintergründe des gescheiterten Gedenktags erforscht hat. »Weil auch ich denke, dass Bücher eine Nebensache sind, wenn wir eigentlich über die Zerstörung Tausender Gemeinden und von Millionen Juden sprechen.«
Ein solcher Gedenktag hatte keine Chance, weil der israelischen Gesellschaft in den ersten Jahrzehnten die emotionale Kapazität dafür fehlte, so Hershkowitz. Trotzdem kann er Kahanas Anliegen verstehen. »Die Bücher waren Teil der spirituellen Resilienz, die er hervorheben wollte.« Schließlich hatten die Nationalsozialisten nicht »nur« versucht, möglichst viele Juden auszulöschen. Auch der jüdischen Religion, Gelehrsamkeit und Schriftproduktion wollten sie ein Ende bereiten.
Starke symbolische Aufladung
Die starke symbolische Aufladung des Gedenktags dürfte ein weiterer Aspekt gewesen sein, der in Israel auf Unverständnis traf. Für Kahana war der Zionsberg der Ort, »an dem der Geist der Nation wiedergeboren werden kann und der den neuen Tempel repräsentiert«, so Hershkowitz. Die jährlichen Zeremonien hielt Kahana bewusst neben einem Denkmal in Form eines Feuerofens ab. In dieser Szenerie sollten die Bücher als eine Art Brandopfer erscheinen, die einen Beitrag zu Erlösung und Wiedergeburt des Volkes Israel leisteten.
Die Beeinflussung Gottes durch religiöse Rituale, auch Theurgie genannt, ist in der kabbalistischen Tradition seit jeher fest verankert. Ähnlich alt wie die Kabbala sind im Judentum aber auch Stimmen, die theurgische Rituale scharf ablehnen. Ein Vorstandsmitglied von Yad Vashem soll 1956 laut einem Sitzungsprotokoll gesagt haben: »Ich glaube, dass auf dem Berg Zion Götzendienst praktiziert wird.«
Zur Wahrheit gehört sicherlich, dass auch die Planer und Gestalter von Yad Vashem mit Symbolen spielten, die heute befremdlich wirken. Nachdem dort die »Halle des Gedenkens« eingeweiht wurde, verglich eine Broschüre die Optik des quadratischen Gebäudes, dessen untere Hälfte aus groben Basaltsteinen besteht, mit einem antiken israelitischen Altar. »Nur dass darauf nicht Tiere geopfert wurden, sondern Menschen.« Herausgegeben wurde die Broschüre von Yad Vashem selbst.
»Wir dürfen nicht vergessen, dass es lange dauerte, bis sich das Schoa-Gedenken in der israelischen Gesellschaft materialisierte«
»Wir dürfen nicht vergessen, dass es lange dauerte, bis sich das Schoa-Gedenken in der israelischen Gesellschaft materialisierte«: Hershkowitz rät dazu, alle theologischen Konzepte im Kontext ihrer Zeit zu interpretieren. Es gibt auch noch einen pragmatischen Grund, weshalb die mystischen Zeremonien auf dem Zionsberg in Vergessenheit gerieten. Im Sechstagekrieg 1967 brachte Israels Armee ganz Jerusalem unter ihre Kontrolle und stellte den Zugang zur Kotel wieder her. Im selben Atemzug verlor der Zionsberg – und mit ihm die Kammer der Schoa – an Bedeutung.
Es war wohl am Freitag der Woche der Parascha Chukat 1969, als Kahana die letzte Zeremonie für vernichtete Bücher abhielt. Laut der Zeitung HaTzofe nutzte er die Gelegenheit noch einmal für einen Appell an Yad Vashem und andere Institutionen der Schoa-Erinnerung, den Gedenktag fortzuführen. Dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging, dürfte ihn aber selbst kaum überrascht haben.
Der Autor ist freier Journalist und studiert Geschichte an der Universität Haifa.