Der 17. Tamus ist der Tag, an dem die Mauern von Jerusalem durchbrochen wurden. Mit ihm beginnen die drei Wochen von »Bein ha-Metzarim« (»zwischen den Bedrängnissen«), die im 9. Aw ihren Höhepunkt finden – dem Tag der Tempelzerstörung, des Exils und der tiefsten historischen Trauer im jüdischen Kalender. Beide Daten fallen in jedem jüdischen Jahr auf denselben Wochentag.
Doch was hat dieser zu bedeuten? Einen Schlüssel dazu bietet die alte Technik Atbasch. Dabei wird das hebräische Alphabet gespiegelt: Der erste Buchstabe Alef entspricht dem letzten, Taw; Bet entspricht Schin, Gimel Resch und so weiter. Wendet man dieses Muster auf die Tage von Pessach an, erscheint eine verborgene Struktur: Der erste Tag von Pessach (Alef) verweist auf den Buchstaben Taw, also Tischa beAw. Und siehe da: Beide Ereignisse finden immer am gleichen Wochentag statt. Das gilt auch für den zweiten Tag von Pessach (Bet), der stets auf den gleichen Wochentag wie Schawuot (Schin) fällt; der Dritte auf Rosch Haschana und so weiter.
Der Anfang ist mit dem Ende verknüpft, genauer: spiegelverkehrt verbunden
Der erste Tag von Pessach enthält somit bereits einen indirekten Verweis auf den 9. Aw über die Achse des Wochenzyklus. Der Anfang ist mit dem Ende verknüpft, genauer: spiegelverkehrt verbunden. Der Beginn der Befreiung berührt den tiefsten Punkt des Falls.
Vom Pessachbeginn am 15. Nissan bis zum 17. Tamus sind es genau 13 Wochen, also 7 mal 13, was 91 Tagen entspricht. Die Zahl 13 erinnert an die 13 Middot ha-Rachamim, die Eigenschaften göttlichen Erbarmens. Die Zahl 91 verbindet zugleich den Zahlenwert des Tetragramms, des heiligen vierbuchstabigen Gottesnamens (26), mit dem Zahlenwert des Namens A-donai (65).
Nach Pessach führen 49 Tage der Omerzählung bis Schawuot, zur Gabe der Tora. Danach steigt Mosche auf den Berg und bleibt dort 40 Tage. Oben empfängt er die Tora, unten entwickelt sich bereits die Katastrophe des Goldenen Kalbes, und die Tafeln zerbrechen – auch das geschieht also am 17. Tamus. Der Tag wird zum Punkt, an dem die Offenbarung an der menschlichen Unfähigkeit scheitert.
Der 17. Tamus wird zum Punkt, an dem die Offenbarung an der menschlichen Unfähigkeit scheitert.
Von Schawuot aus gezählt ist der 17. Tamus der 41. Tag. 41 entspricht der Gematria von Em (»Mutter«). Das Volk sollte wie neu geboren werden: bereit für die Tora und für das Land Israel. Doch diese Geburt blieb unvollendet.
Der 9. Aw hätte ein Tag der freudigen Annahme des Landes durch die Nachkommen Jakows werden können. Doch durch die Sünde der Kundschafter und die Weigerung, das Land als Gabe und Segen zu erkennen, wurde er zum Tag des Weinens für Generationen. Deswegen brauchen wir danach sieben Wochen des Trostes bis Rosch Haschana.
Die Erlösung verwehrt sich
Was lernen wir aus diesen Zahlenspielen? Pessach ermöglicht die Freiheit. Doch diese Freiheit braucht Tora, Verantwortung, Vertrauen und die Bereitschaft, in das Land einzuziehen. Wird dieser Weg nicht eingehalten, verwehrt sich die Erlösung; sie verhüllt sich. So wird der 9. Aw nicht nur zum Tag der Zerstörung, sondern auch zu einem Ort, an dem unser Potenzial zur endgültigen Geula in der Zeitordnung begraben liegt.
Die drei Wochen vom 17. Tamus bis zum 9. Aw umfassen 21 Tage der Enge und der Trauer. In der mystischen Tradition findet sich eine Parallele zu den 21 Tagen von Rosch Haschana bis Hoschana Rabba. Dort erscheint dieselbe Struktur in anderer Gestalt: als Weg von Gericht, Teschuwa, Vergebung, und Reinigung. Hoschana Rabba gilt als abschließender Punkt dieses Prozesses, unmittelbar vor Schemini Azeret – der 22. Tag der Offenbarung, der Nähe und des Bleibens bei Gott.
Wenn diese 21 Tage jenen von Bein ha-Metzarim entsprechen, so lässt sich auch der 9. Aw als verhüllter Tag der Offenbarung lesen. Sichtbar ist er ein Tag der Zerstörung. Doch der letzte Buchstabe Taw bedeutet nicht nur ein Ende, sondern auch Vollendung. In der alten Deutungstechnik des Atbasch verbirgt sich darin schon wieder ein Anfang. So enthält der 9. Aw nicht nur Schmerz, sondern auch das noch verdeckte Licht der Malchut, der Verwirklichung der ganzen Offenbarung. Im Exil scheint diese weit entfernt. Doch gerade dort wächst die Erwartung des Maschiach und der endgültigen Korrektur der Welt.