Dewarim

Mosches Vermächtnis

Foto: Eli7be7

Dies sind die Worte, die Mosche zu ganz Israel jenseits des Jordans gesprochen hat» (5. Buch Mose 1,1). So beginnt Sefer Dewarim, das fünfte Buch der Tora. Und es stellt sich die Frage, was dieses im Detail von den übrigen Büchern der Tora unterscheidet.

Wenn wir die fünf Bücher der Tora durchblättern, fällt auf, dass das 1. Buch Mose, Sefer Bereschit, hauptsächlich aus Erzählungen besteht. Die folgenden drei Bücher – Schemot, Wajikra und Bamidbar – enthalten eine Mischung aus Erzählungen und Gesetzen. Das 5. Buch Mose, Dewarim, hingegen besteht überwiegend aus Mosches Reden, seinen Mahnungen und Erklärungen. Warum dieser Wechsel? Was hat sich verändert, dass wir plötzlich eine andere Perspektive erhalten?

Rabbi Levi Jizchak von Berditschew (1740–1810) analysiert in seinem Werk Keduschat Levi die bekannte Baraita de-Rabbi Jischmael: «Jeder Fall, der ursprünglich Teil einer allgemeinen Regel war und dann gesondert erwähnt wird, wird nicht deshalb gesondert erwähnt, um nur über sich selbst Auskunft zu geben, sondern um eine Lehre für die gesamte allgemeine Regel zu vermitteln.»

Ein «aus dem Allgemeinen herausgetretener Fall»

Dem Keduschat Levi zufolge verhält sich das 5. Buch Mose zur gesamten Tora wie ein «aus dem Allgemeinen herausgetretener Fall». Es tritt aus der bisherigen Form hervor, um uns etwas über die gesamte Tora zu lehren.

Die Lehre der Tora besteht darin, dass alle Geschichten, die wir in ihr lesen, wie die Geschichten Awrahams, Jizchaks und Jakows, die Begegnungen mit Lawan, die Erzählungen über die Stammmütter oder die Geschichte von Bileam und seinem Esel, vielschichtig sind und verborgene Botschaften enthalten.

Gleichzeitig sind wir dazu aufgerufen, aus ihrer offensichtlichen Ebene zu lernen. Wir lernen von Awrahams Güte, von Jakows Gerechtigkeit und von den außergewöhnlichen Charaktereigenschaften unserer Matriarchinnen. Manche dieser Eigenschaften wirken bis heute nach. So profitieren wir noch immer von Rachels Selbstlosigkeit, die sie zeigte, als sie ihre Schwester Lea nicht beschämte und ihre Heirat ermöglichte, obwohl dies bedeutete, dass sie selbst weitere sieben Jahre warten musste.

Die Tora erzählt uns diese Geschichten nicht nur, damit wir die Geschichte unseres Volkes kennen und verstehen, woher wir kommen. Sie erzählt sie uns, damit wir von diesen Menschen lernen. Wir können ihre positiven Eigenschaften betrachten und sie uns zum Vorbild nehmen. Ebenso zeigt uns die Tora negative Beispiele wie Bileam: Wie er mit seinem freien Willen umgeht, lehrt uns, wie wir uns nicht verhalten sollen.

Die Erzählungen machen die Botschaften der Tora greifbar und sichtbar

Die Erzählungen machen die Botschaften der Tora greifbar und sichtbar. Deshalb wurde die Tora nicht als trockenes Gesetzbuch gegeben. Durch Geschichten werden ihre Lehren für den Menschen verständlich und zugänglich. Doch die Geschichten erfüllen noch eine zweite Funktion: Sie verhüllen die Tora wie ein Gewand.

Dasselbe gilt für die Gebote und Gesetze, die in der Tora ausdrücklich genannt werden. Auf den ersten Blick scheint meist klar zu sein, was von uns verlangt wird. Doch auch hier gibt es eine tiefere Ebene, die sich nur demjenigen offenbart, der sich mit der Tora beschäftigt und ihre verborgenen Schichten entdecken möchte. Dies ist die Botschaft der anfangs erwähnten Baraita. Sie lehrt uns, dass wir sowohl aus den allgemeinen Geboten als auch aus den einzelnen Geschichten lernen müssen. Beide ergänzen einander. So gibt es Gebote, die auf ihrer einfachsten Ebene ein bestimmtes Handeln gebieten oder verbieten. Gleichzeitig enthält jedes Gebot eine weitere Ebene, nämlich eine moralische, ethische oder spirituelle Lehre, die wir daraus gewinnen können.

Das 5. Buch Mose wird häufig auch «Mischne Tora» genannt, was oft als Wiederholung der Tora übersetzt wird. Tatsächlich werden manche Inhalte wiederholt, gleichzeitig erscheinen hier aber auch zahlreiche neue Gebote.

Die Beziehung zwischen G’tt und dem Menschen

Im Kern beschäftigt sich dieses Buch mit der Beziehung zwischen G’tt und dem Menschen. Es beginnt mit Mosches Mahnungen an das Volk, und dieses Motiv zieht sich durch das gesamte Buch. Das Verständnis der Beziehung zwischen G’tt und dem Menschen ist der Schlüssel zum Verständnis von Sefer Dewarim.

Dieses Buch richtet sich an eine Generation, der nicht mehr alles durch Gleichnisse und Beispiele vermittelt werden muss. Es ist eine Generation, von der Mosche sagt, dass sie Augen zum Sehen und Ohren zum Hören besitzt, und das nicht nur im physischen, sondern auch im spirituellen Sinn. Die spirituelle Verunreinigung, welche die Generation des Auszugs noch aus Ägypten mit sich trug, hat auf diese Generation keinen Einfluss mehr.

Unsere Weisen lehren, dass das Wort «ele» häufig eine Trennung vom Vorausgegangenen ausdrückt. Auch Sefer Dewarim beginnt mit diesem Wort und weist damit auf einen Perspektivwechsel hin. Die Generation, zu der Mosche nun spricht, steht auf einer höheren spirituellen Stufe als jene, die Ägypten verlassen hat. Deshalb kann Mosche sie direkter ansprechen. Sie besitzt ein klareres Verständnis von Haschems Willen und seinen Erwartungen.

Verhältnis zu Tadel und Strafe

Damit verändert sich auch ihr Verhältnis zu Tadel und Strafe. Diese werden nicht als bloße Bestrafung oder Unterdrückung verstanden, sondern als Orientierung und Begrenzung, die einem wahrhaft freien Volk überhaupt erst ermöglichen, seine Freiheit richtig zu leben.

Gerade deshalb besteht das 5. Buch Mose nicht mehr hauptsächlich aus Erzählungen, sondern aus direkter Ansprache. Die Gewänder der Tora werden sozusagen ein Stück weit zurückgezogen, und die Botschaft tritt klarer hervor. Mosche ist nun in der Lage, so zum Volk zu sprechen, wie Haschem es ursprünglich von ihm verlangt hatte: Er spricht zu einer Generation, die bereit ist, die innere Dimension der Tora zu erfassen, und die nun unmittelbarer mit ihr konfrontiert werden kann.

Wir können heute viel daraus lernen. Wir glauben gern, in einer Welt zu leben, in der alles erforscht ist. Eine Welt, die Wissen ohne Ende hat und in der es keine Geheimnisse und nichts Verborgenes gibt. Doch gerade diese Fülle an Informationen kann uns blind machen. Wir werden überflutet mit Eindrücken und Wissen und verlieren dabei leicht den Blick für die tiefer liegenden Botschaften.

Die Tora lehrt uns das Gegenteil. Wer sich ihr nähert und bereit ist, anzuerkennen, dass ihre Weisheit weit über das hinausgeht, was er bereits verstanden hat, beginnt nach und nach, ihre inneren Schichten zu entdecken. Wenn wir uns der Tora wieder zuwenden, mit der Absicht, sie wirklich zu erforschen, zu erkunden und uns anzueignen, dann werden auch wir dazu in der Lage sein, die direkte Ansprache des Sefer Dewarim zu hören. Wir erkennen, dass die Worte nicht nur an frühere Generationen gerichtet waren, sondern auch an die nachfolgenden Generationen, an uns.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

inhalt
Vor der Überquerung des Jordans blickt Mosche auf die Wanderung durch die Wüste zurück. Er erinnert an die schlechten Nachrichten der Spione und sagt, dass Jehoschua an seine Stelle treten wird. Dann erinnert Mosche an die 40-jährige Wanderung und die Befreiung der ersten Generation aus Ägypten. Seiner Meinung nach gehört das, was die Eltern erlebt haben, zum Schicksal ihrer Kinder. Wozu sich die Vorfahren am Sinai verpflichtet haben, ist auch für die Nachkommen bindend. Es wird bestimmt, mit welchen Völkern sich die Israeliten auseinandersetzen dürfen und mit welchen nicht. Mosches Bitte, das Land Israel doch noch betreten zu dürfen, lehnt G’tt ab.
5. Buch Mose 1,1 – 3,22

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